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Sprachforschung
Merzigerin erforscht Englisch im Südpazifik

Carolin Biewer wurde von ihren Gasteltern und langjährigen Freunden Isaia und Tapaeru Willie bei ihrem erneuten Besuch herzlich begrüßt.
Carolin Biewer wurde von ihren Gasteltern und langjährigen Freunden Isaia und Tapaeru Willie bei ihrem erneuten Besuch herzlich begrüßt. FOTO: June Willie
Merzig/Rarotonga. Professorin Carolin Biewer hat auf den Cookinseln ihr Buch vorgestellt und ihre Studie nach zehn Jahren weitergeführt.

Wie verwenden die Menschen auf den Inseln des Südpazifiks die englische Sprache? Mit dieser Frage befasst sich Professorin Carolin Biewer bereits seit zehn Jahren. 2007 hat die gebürtige Merzigerin hierzu eine Studie auf Fidschi, Samoa und den Cookinseln durchgeführt, bei der sie mit mehr als 100 Menschen sprach. Die Ergebnisse hat sie 2015 im Rahmen ihrer Habilitation als Buch veröffentlicht, das 2016 mehrmals ausgezeichnet wurde. Nun beginnt für die 42-Jährige die Arbeit an einer Nachfolge-Studie, wofür sie kürzlich wieder zu den Cookinseln gereist ist.


„Die Leute, die ich privat kenne, haben sich sehr gefreut, mich wieder zu sehen“, erzählt die Inhaberin des Lehrstuhls für englische Sprachwissenschaft an der Uni Würzburg. Insbesondere in der Gastfamilie, die sie schon vor zehn Jahren beherbergte, sei sie direkt wieder sehr herzlich begrüßt worden. Die Menschen vor Ort hätten es sehr positiv aufgenommen, dass sie wiedergekommen sei, um erneut mit ihnen zu sprechen – und ihr Buch zu präsentieren.

Die Ergebnisse ihrer Forschung: Auf den Inseln wird eine Variante der englischen Sprache gesprochen, die durch die Muttersprache und die Kultur stark geprägt ist, teilweise auch durch das Englisch in Neuseeland. Englisch ist auf den Inseln die Zweitsprache, die beispielsweise oft bei Behörden und in Zeitungen verwendet wird. Besonders jüngere Menschen auf den größeren Inseln verwendeten Englisch ebenfalls im Alltag mit ihren Freunden, berichtet Biewer. Die Muttersprache der Einwohner sei jedoch eine andere, auf den Cookinseln beispielsweise Maori. „Das ist etwas komplett anderes“, betont sie.



Als eines von vielen Beispielen, wie die Muttersprache das Englische beeinflusst, nennt sie die Verwendung der Zeitformen. „Es gibt keine klare Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart“, erläutert sie, „es ist ein Fluss, alles ist miteinander verbunden.“ Wenn ein Mensch von den Cook-Inseln über Geschehnisse von früher spricht, verwendet er Gegenwartsformen, erläutert sie. Nur am Anfang der Erzählung werde klargemacht, dass es sich um eine Erzählung früherer Ereignisse handele – ganz so wie in der Muttersprache Maori. „Es gibt eine ganz andere Wahrnehmung von Zeit und Tod“, betont sie: So habe ihr jemand erzählt, dass er mit seinem Vater angeln gehe – obwohl dieser bereits verstorben sei. Aber „im Geiste ist er noch da“, erklärt sie.

Dass die Einwohner der Cookinseln die Gegenwartsformen für die Vergangenheit verwenden, ist grammatikalisch zwar zunächst nicht korrekt – aber: „Sprache passt sich der Kultur an“, betont Biewer. „Es wäre sehr schade, wenn wir aus der westlichen Welt sagen, das sei falsch“, findet sie. Denn dieses Englisch der Cookinseln, das Cook Island English, spiegele die Identität der Bewohner wider. Auch im Wortschatz fänden sich Beispiele für Maori, die mit dem Englischen verbunden werden. So gebe es, ganz nach dem Vorbild des britischen „House of Lords“, ein „House of Ariki“, wo sich die sieben Ariki, also die Clan-Chefs der Hauptinsel Rarotonga, zusammenfinden.

Den Erhalt der Kultur und somit der Muttersprache empfindet Biewer als besonders wichtig – und bedauert, dass das Maori langsam in Gefahr gerät. „Die Leute denken immer noch, sie müssten sich entscheiden“, erläutert sie. Und viele konzentrierten sich dann aufs Englische, um beispielsweise bessere Chancen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt zu haben. Doch es gebe genauso Leute, die sich für das Zusammenleben beider Sprachen einsetzten. „Ich habe eine Grundschullehrerin interviewt, die versucht, die Kinder zweisprachig zu erziehen“, erzählt sie. Außerdem habe sie Kontakt zu einer Tänzerin, die aktuelle englische Musik mit den traditionellen Schritten kombiniere.

Mit der Kultur der Inselbewohner hat Biewer aufgrund ihrer langen Aufenthalte ausführlich Erfahrung gesammelt – zum Beispiel mit extremem Familiensinn, Gastfreundschaft und Höflichkeit. „Samoa fand ich schwierig, weil die Menschen dort sehr traditionell leben“, erzählt sie. „Dort wurde mir zu Ehren ein Schwein geschlachtet“, erinnert sie sich an ihren Aufenthalt vor zehn Jahren, „und ich war zu diesem Zeitpunkt Vegetarierin.“ Auf das Zusehen beim Schlachten habe sie zwar verzichtet, aber gegessen habe sie es – „das ging nicht anders“. Eine kleine Art von Kulturschock erlebt sie auch jetzt, nach ihrer Rückkehr von ihrem jüngsten Aufenthalt auf den Cookinseln: „Ich bin etwas betrübt, dass die Leute hier in Deutschland mich auf der Straße nicht mehr anlächeln.“

Carolin Biewer mit Thomas Wynne, Pressesprecher des Premierministers der Cookinseln, bei der Vorstellung des Buches „South Pacific Englishes“ im Büro des Premierministers.
Carolin Biewer mit Thomas Wynne, Pressesprecher des Premierministers der Cookinseln, bei der Vorstellung des Buches „South Pacific Englishes“ im Büro des Premierministers. FOTO: Chris Taylor