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„Liebesgaben“ für die Soldaten an der Front

„Liebesgaben“ für die Soldaten an der Front

An der von Buchhändler Haffner und dem Bauunternehmer Wegener durchgeführten Fahrt mit "Liebesgaben" nach Verdun zum Saarlouiser Infanterie-Regiment Nr. 30 nahm auch ein Herr namens Dr. Mann teil. Am 19. September druckte die Merziger Zeitung einen von diesem verfassten Bericht über die Fahrt ab, in dem den Lesern ein recht anschauliches Bild über die Verhältnisse im besetzten Lothringen und von der Front vermittelt wird.

Nachstehend der Bericht im Wortlaut:

"Am Morgen des 15. September verließen wir gegen 7.30 Uhr bei regnerischem Wetter Merzig und fuhren zunächst über Busendorf nach Diedenhofen. Von dort ging es in rascher Fahrt über Fentsch nach der Grenze, die lediglich durch den deutschen Grenzpfahl kenntlich war. Das französische Gegenstück war verschwunden. Ein eigenartiges Gefühl überkam mich, als wir uns mit einem Ruck in Feindesland wussten. Man dachte unwillkürlich an Franktireurs und anderes Gelichter. Gewiss bekamen wir einige Exemplare von den Ersteren zu Gesicht, doch waren sie insofern für uns unschädlich als sie sich bei einem Transport gefangener französischer Soldaten befanden. Die Stadt Longwy, wohin unser Weg uns zunächst führte, liegt in einem von waldigen Bergen umschlossenen Tal und wird von der jetzt deutschen Festung überragt, auf deren Wall stolz die schwarz-weiß-rote Flagge im Winde flattert. Durch mehrere ganz oder teilweise zerschossene Ortschaften kamen wir nach der gleichfalls in unserem Besitz befindlichen Festung Montmèdy, wo unsere Eisenbahner unter Zuhilfenahme französischer Gefangener tüchtig an der Arbeit sind, die Bahnstrecke wieder herzustellen.

Unser nächstes Ziel war S., wo unsere Fahrzeuge frisches Benzin fassten. Das Städtchen, das fast gar nicht gelitten hatte, machte einen recht gemütlichen Eindruck. Wenn man durch die engen Gassen ging und sich auf dem Marktplatz umsah, hatte man das Gefühl, als sei man in einer deutschen Garnisonsstadt. Fast aus jedem Haus sahen ein oder mehrere deutsche Soldaten heraus. Auf der Straße gingen und kamen sie. Unter den Arkaden hielt eine Abteilung Infanterie Stiefelappell, während hoch oben in den Lüften ein deutsches Flugzeug ruhig seine Kreise zog. Ein heiteres Bild bot sich uns am Eingang der Chasseur-Kaserne dar: ein blau-weiß-rotes Schilderhaus mit einem deutschen Musketier als Wachposten. Nachdem wir auf einer Notbrücke die Maas passiert hatten, kamen wir an einer Fliegerstation vorüber, wo gerade ein Flugzeug zu seinem Erkundungsflug nach einer Ortschaft aufstieg, in der ein Korpskommando seinen Sitz aufgeschlagen hatte. Daselbst hatten wir die günstige Gelegenheit, den Generalfeldmarschall Grafen Haeseler in höchsteigener Person aus allernächster Nähe zu sehen. (Graf Haeseler, der frühere Kommandeur des XVI. Armeekorps war damals schon nicht mehr aktiv. Nach ihm ist die Kaserne der Bundeswehr in Lebach benannt; d. Verf.) Doch noch waren wir nicht an unserem Bestimmungsort und schon begann es zu dunkeln. Nach einigen Irrfahrten kamen wir nach dem hoch gelegenen M., das sozusagen ein einziger Trümmerhaufen war. Solch ein zerstörtes Dorf macht einen unsagbaren Eindruck auf den Beschauer; zugleich tot und doch andererseits wieder warm. - Man kann das Gefühl, das man empfindet, einfach nicht wiedergeben. Man muss es selbst mit erleben und ansehen. An der Gefechtsstellung unserer in die Erde eingegrabenen Artillerie vorüber ging es nunmehr der Schützenlinie unserer Infanterie zu, unter der sich auch Regiment 30 befand, zu. Das Dorf S. war unser Ziel, denn hier hatten wir endlich das Regimentszimmer der Dreißiger in einem Schulhaus entdeckt. Groß und erhebend war die Freude, die jene über unsere Ankunft empfanden. Bald hatten wir uns unseres Auftrags entledigt, doch war an eine sofortige Rückkehr nicht zu denken, obwohl eine solche angesichts der bedrohlichen Nähe des Feindes (das Dorf lag immerhin im Bereich der Forts von Verdun, außerdem befanden sich unsere Schützenlinien nur wenige hundert Meter vom Ort entfernt). Die Nacht brachten die Einen von uns in den Autos, die Anderen in einer Pferdescheune zu. Als Lager diente uns das Stroh auf der Tenne, als Schlafgenossen hatten wir die geladene Waffe neben uns liegen. An Schlaf war zwar nicht zu denken, da wir die ganze Nacht durch den Donner unserer in allernächster Nähe stehenden Geschütze wach gehalten wurden, doch konnte man sich immerhin etwas ausspannen. Beim Morgengrauen brachen wir zur Rückfahrt auf und schlugen denselben Weg ein, den wir bereits auf der Hinfahrt gewählt hatten.

Es ist eine erfreuliche Tatsache, dass die Merziger Einwohnerschaft durch ihre wirklich patriotische Freigiebigkeit bereits in den vergangenen Tagen große Mengen von Liebesgaben aufgebracht hat. Aus eigenen Erlebnissen heraus können wir nun den Merzigern mitteilen, wie wohl alle diese Sachen unseren Truppen in der Front taten. Mit direkten Lebensmitteln sind unsere Truppen ja zwar hinreichend versorgt, doch fehlt es ihnen fast vollständig an Rauchwaren (auch Kau- und Schnupftabak), Schokolade und dem "zivilen" Brot . Für einige Bissen dieses Brotes sind die Leute dankbar."

Auch wenn die im Ersten Weltkrieg ausgeübte Propaganda noch lange nicht die Perfektion des von Goebbels im Zweiten Weltkrieg entwickelten Propagandainstrumentariums erreichte, so darf dennoch nicht außer acht gelassen werden, dass auch schon 1914 in nicht zu unterschätzendem Maße versucht wurde, die Bevölkerung entsprechend zu beeinflussen. Den Menschen sollte der Eindruck vermittelt werden, dass Deutschland sich in einem Verteidigungskrieg befände. Von allen Seiten werde das friedliebende Deutsche Reich von Feinden bedroht. Der Krieg wurde auf diese Weise zum "Heiligen Krieg” stilisiert.

"Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird, wie er mit unsern Vätern war!”, hatte Kaiser Wilhelm II. am Ende seines Aufrufs zur Mobilmachung ausgerufen und damit keinen Zweifel an der Legitimation und den Siegesaussichten aufkommen gelassen. "Ich bin gezwungen, zur Abwehr eines durch nichts gerechtfertigten Angriffs das Schwert zu ziehen. (…) Reinen Gewissens über den Ursprung des Krieges bin ich der Gerechtigkeit unserer Sache vor Gott gewiss!" Mit diesen Worten rief der Kaiser sein Volk auf, in gemeinsamer Andacht am 5. August 1914 einen außerordentlichen nationalen Bettag zu begehen, "zur Anrufung Gottes, dass Er mit uns sei und unsere Waffen segne".

Auch die Merziger Zeitung appellierte am 5. August 1914 im schwülstigen Pathos der Zeit an ihre Leserschaft: "Mag auch die laute Begeisterung, wie sie in den letzten beiden Tagen herrschte, einer gewissen Ruhe gewichen sein, so glänzt doch aus den Augen eine vertrauensvolle Zuversicht auf die kommenden Ereignisse. (…) Trotzdem die Berichte spärlich fließen, so herrscht doch im ganzen Lande eine nationale Begeisterung für unsere heilige Sache, die der überzeugteste Vaterlandsfreund kaum erwartet hat. Manchem alten Krieger perlten in diesen Tagen die Tränen der Freude in den Augen, als er sah, wie die waffenfähige Mannschaft dem Ruf des höchsten Kriegsherrn willig Folge leistet. Solche Begeisterung hat das deutsche Volk in den Jahren 1870/71 nicht erlebt. Da muss man schon 100 Jahre zurückgehen, als dasselbe Volk nach jahrelanger Knechtschaft die ehernen Fesseln fremder Zwingherrschaft abschüttelte. Wir aber, die wir nicht berufen sind, die Ehre unseres Vaterlandes und den Schutz der heimatlichen Scholle mit den Waffen in der Hand zu verteidigen, zeigen wir in diesen Tagen, dass auch wir der großen Stunde würdig sind. Ihr Frauen schart euch zusammen zu edler Liebestätigkeit! Zeigt euch würdig, jenen Heldenfrauen der großen Zeit, die ihren Schmuck, selbst das Haar preisgaben, um die Not zu lindern, die nun einmal jeder Krieg im Gefolge hat! Folget alle soweit es die häuslichen Pflichten gestatten, dem Rufe jener edlen Damen, die mit unermüdlichem Eifer zu all der Arbeit auffordern, die am sorgfältigsten von Frauenhand geleistet werden kann! Und wenn der Morgen graut oder der Abend sich nieder senkt, dann wollen wir alle uns vereinen im stillen Gebet für alle diejenigen, die draußen im Felde stehen und bereit sind, unsere Heimat zu verteidigen. Im Ernst der Stunde hat unser Kaiser an das deutsche Volk die Aufforderung zum Gebet ergehen lassen. So möge denn in den nächsten Tag Stadt und Land zeigen, welch große Hoffnung unser Volk auf den Lenker der Schlachten setzt. Gott, der uns diese Not erleben lässt, will der Menschheit wiederum zeigen, wohin der Weg auf Erden führen soll. Auf denn, deutsches Volk, und erkenne die Wege, die dein Gott dich führen will! Beuge in Demut dein Haupt vor dem Herrn der Heerscharen; er wird deine Not und deine Trübsal wieder in lauter Freude verwandeln!"

Dem Aspekt des gerechten Krieges trugen auch die Geistlichen Rechnung, indem sie versuchten, ihre Gläubigen zum Gebet für die Angehörigen im Feld anzuhalten. "In den katholischen Kirchen finden während des Krieges allabends Andachten statt, die stets zahlreiche Beteiligung aufweisen”, notierte die Merziger Zeitung am 19. August 1914. "Es ist auch eine erhebende Sache, wenn für die im Felde kämpfenden Angehörigen und für einen glücklichen Ausgang des Krieges inbrünstig gebetet wird. Auch in den Gotteshäusern Andersgläubiger sollte dies geschehen, wenn vielleicht auch nur einmal in der Woche.”

Bereits einen Tag später musste das Merziger Blatt die im letzten Satz des vorstehenden Artikel geäußerte Kritik am Verhalten der jüdischen Minderheit einerseits revidieren. Zum anderen schien die Kritik, was die protestantische Seite betraf, auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein. "Wir schrieben gestern über die pietätvolle Sitte, den im Felde befindlichen Kriegern Gebete zu weihen und wiesen auf die Abendandachten in den katholischen Kirchen zur Nachahmung hin. Wie uns soeben mitgeteilt wird, finden seit Beginn des Krieges jeden Tag auch Andachten in der Synagoge statt. Der erste Bittgottesdienst für die Krieger fiel auf den größten jüdischen Trauertag, die Zerstörung Jerusalems vor gerade 2500 Jahren. Herr Kantor Tannenberg hielt dabei eine tief ergreifende Ansprache und erflehte für die ins Feld ziehenden Krieger , unter denen sich auch sein eigener Sohn befindet, mit fast tränenerstickter Stimme den Segen des Himmels. - Auch in der evangelischen Kirche findet von jetzt ab während des Krieges jeden Mittwoch, abends um 8 Uhr, Bittgottesdienst statt.”

Nicht nur in Merzig selbst, sondern wohl auch in allen Orten des Kreisgebietes war eine abrupte Steigerung der Religiosität der Bevölkerung festzustellen. Dass in nahezu allen Kirchen ab dem Beginn des Krieges Abendandachten abgehalten wurden, wird auch durch die Eintragungen in den Schulchroniken, die dem Verfasser vorlagen, bestätigt. Aus seinem Heimatort Düppenweiler berichtete dem Verfasser daneben eine alte Zeitzeugin noch persönlich, dass sie als kleines Mädchen ihre Mutter zusammen mit den Frauen des Dorfes allabendlich während des Krieges in die außerhalb des Ortes gelegene Valentinuskapelle zum Bittgebet begleitet habe.

In den Ortschaften der Region wurde nicht allein gebetet, sondern auch tatkräftig zur Sache gegangen. Fast in jedem Ort richtete man einen Raum ein, in dem Frauen und Mädchen Kleidungsstücke für die Soldaten im Feld nähten oder strickten. In Aufrufen wies man die Frauen darauf hin, dass es vor allem erforderlich sei, Unterwäsche für die Soldaten anzufertigen. Unterwäsche werde erfahrungsgemäß in ziemlich kurzer Zeit sowohl bei der berittenen, als auch der unberittenen Mannschaft defekt und sei daher für die Schlagkraft der Truppe von großer Bedeutung, belehrte die Merziger Zeitung ihre Leserinnen am 28. August 1914 und schrieb weiter: "Besonders wertvoll sind auch gute Strümpfe. Viele arme Reservisten sind eingerückt, die nur ein Paar Strümpfe im Besitz haben. ... Drum auf, Frauen und Mädchen, tut Euch zusammen und schickt die Produkte Eurer Arbeit! Vergesst nicht über die Sorge um die Verwundeten, Kranken und Hinterbliebenen Eure gesunden Söhne, Männer und Väter, die draußen stehen und gesund bleiben müssen, um die Strapazen zu ertragen, die der Kampf ihnen auferlegt!”

Die Oppener Schulchronik beispielsweise berichtet in diesem Zusammenhang: "Von Ausbruch des Krieges an haben Frauen und Mädchen unseres Dorfes ihre Kraft in den Dienst des Vaterlandes gestellt. Die Mädchen des Jungfrauenvereins haben im Verein mit den Jungfrauen von Reimsbach in der Schule zu Reimsbach von Anfang des Krieges an jeden Abend einige Stunden eifrig gestrickt und genäht.”

"Unsere Frauen wollen auch nicht müßig zusehen, wenn ihre Gatten, Söhne und Brüder in Feindesland kämpfen”, notierte auch der Chronist der Haustadter Schulchronik. "Sie rufen in ihren Gebeten den Segen Gottes auf unsere Heere herab und arbeiten den Soldaten warme Unterkleider, Strümpfe, Puls- und Ohrwärmer. Da durch die Einberufung der Landwirtschaft viele Arbeitskräfte verloren gingen, gab der Herr Minister den Schulen Kriegsferien, damit sich die Kinder an der Einbringung der Ernte beteiligen könnten. Diese Kriegsferien dauerten vom 3. bis 29. August. Nach dem 23. August blieb die Oberstufe noch weiter beurlaubt bis zu den Herbstferien.”

Dass sich auch die Schülerinnen und Schüler der Volksschulen und der weiterführenden Schulen nicht nur bei den Erntearbeiten, sondern auch im Rahmen von anderweitigen Hilfsdiensten nützlich machten, geht aus einer Reihe von Meldungen und kurzen Notizen der Merziger Zeitung hervor. So schreibt das Blatt am 6. August 1914: "Alle Schulen geschlossen - Der Oberpräsident der Rheinprovinz hat angeordnet, dass sämtliche Lehranstalten und Schulen geschlossen werden. Das Provinzial-Schulkollegium veranlasst für die höheren Lehranstalten das Erforderliche. Es ist auch tunlichst auf die Mitwirkung der Schulkinder, auch der Schüler der höheren Lehranstalten, bei den Erntearbeiten hinzuwirken."

In derselben Ausgabe heißt es dann an anderer Stelle: "Rührend ist zu sehen, in welchen Scharen sich die Schüler drängen, um die Ernte einzubringen; Kleine und ganz Kleine, die kaum über die Tischkante gucken können. Auch zur Krankenpflege gibt sich großer Andrang kund. Aber noch sind viele Hände frei. Auch für sie wird bald ein Feld der Betätigung gefunden werden."

An Schule war in diesen ersten Wochen und Monaten des Krieges angesichts der relativ wenigen Arbeitskräfte, die aufgrund der Einberufungen zum Militär für die Erntearbeiten zur Verfügung standen, nicht zu denken. Kaum hatte der Unterricht nach Beendigung der Kriegsferien Ende August wieder begonnen, so standen schon wieder die Herbstferien an. < Wird fortgesetzt.