Kriegsende im Kreis Merzig-Wadern: Belagerungszustand im Saargebiet

Serie „Kriegsende im Kreis“ : Belagerungszustand im Saargebiet

Die Franzosen hatten nach den Bestimmungen des Waffenstillstandsvertrages das Land an der Saar besetzt und waren damit nun auch die neuen Herren in der Merziger Region. Das Jahr 1919 begann und die Menschen sahen sich einer für sie bis vor wenigen Monaten noch unvorstellbaren Umbruchsituation ausgesetzt. In den folgenden Teilen der Serie soll nun das Geschehen, das die Menschen in der Merziger Region vor 100 Jahren in Atem hielt, nachgezeichnet werden.

Vor allem machte den Menschen nach dem Kriegsende, was weiter vorstehend bereits erwähnt wurde, eine deutlich wahrnehmbare und sich ständig steigernde Verteuerung von Waren und Gütern zu schaffen. Dies war mit ein entscheidender Grund dafür, dass sich die Bewältigung des Übergangs von der Kriegswirtschaft zu normalem Wirtschaften überaus schwierig gestaltete. Für die Saargegend kam noch erschwerend hinzu, dass die Sperre beziehungsweise Einschränkung des Warenaustausches mit Elsass-Lothringen und den rechtsrheinischen Reichsgebieten durch die Alliierten die Wirtschaft zudem stark behinderte. Da die Preise für Lebensmittel stark anstiegen, kam es zu Lohnforderungen und Streiks, die letztlich dazu führten, dass sich die Inflationsspirale immer weiterdrehte.

In diesem Zusammenhang sind auch gewisse Vorgänge, die mit einem Generalstreik vom Oktober 1919 in Verbindung stehen und bei denen auch jüdischen Kaufleuten übel mitgespielt wurde, zu sehen. Hier trat erstmals nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ein sich steigernder Antisemitismus, der schon im Verlauf des Krieges entstanden war, zum Vorschein.

Damals war in der Saargegend ein enormer Preisanstieg zu verzeichnen. In der Ausgabe der Merziger Zeitung vom 3. Oktober 1919 wird aus Saarbrücken berichtet, dass man für ein Hühnerei, das vor dem Krieg acht Pfennig gekostet hatte, mittlerweile zwei Mark zahlen müsse. Man schob dies allerdings nicht allein auf den allgemeinen Anstieg der Teuerungsrate infolge des Krieges, sondern darauf, dass „auch zum großen Teil ein schamloser Wucher und schmutzige Schiebereien mit im Spiele ist“. Für jeden Eingeweihten liege das auf der Hand. „Der weitaus größte Teil unseres Volkes, soweit er nicht den Schieber- und Wucherkreisen angehört, muss nach und nach auf jedes Lebensmittel außer Brot, Kartoffeln und billigstes Gemüse verzichten – bis dem begaunerten Volke die Geduld bricht.“

Agitatoren riefen die Bevölkerung zu einem Generalstreik auf, dem viele Saarländer auch Folge leisteten. Es kam in erster Linie in Saarbrücken zu Unruhen und schweren Plünderungen nicht zuletzt von jüdischen Geschäften in der Bahnhofsstraße. Der oberste Befehlshaber der französischen Besatzungstruppen an der Saar, General Andlauer, verhängte daraufhin am 7. Oktober 1919 den Belagerungszustand über das Saargebiet und sorgte durch ein rigoroses Durchgreifen für Ordnung. „37 Waffen tragende Plünderer wurden standrechtlich erschossen“, meldete die Merziger Zeitung am 10. Oktober und stellte gleichzeitig fest: „Jetzt ist anscheinend Ruhe eingetreten.“ Der Belagerungszustand war tatsächlich am 10. Oktober wieder aufgehoben worden, „nachdem die Unruhen, Plünderungen und dergleichen. im Saarstaate aufgehört haben“, wie die Merziger Zeitung in ihrer Ausgabe vom 13. Oktober 1919 melden konnte. Bemerkenswert an diesem Artikel ist vor allem der Umstand, dass darin bereits die Rede vom „Saarstaat“ ist, obwohl es das „Saargebiet“ zu diesem Zeitpunkt offiziell noch gar nicht gab.

In der Kreisstadt Merzig war es im Gegensatz zu Saarbrücken dabei relativ ruhig geblieben. Die Geschäftsinhaber blieben hier von Plünderungen und Ausschreitungen verschont. Allerdings galt dies keineswegs für das übrige Kreisgebiet. Am 9. Oktober 1919 war es vielmehr in einigen Dörfern zu schlimmen Vorfällen gekommen. So wurde aus Haustadt gemeldet:

„Ein großes Schadenfeuer äscherte heute früh nach 7 Uhr das Wirtschaftsanwesen des Landwirtes und Dreschmaschinenbesitzers Matthias Adam bis auf die Umfassungsmauern ein. An den reichen Frucht- und Futtervorräten fand das Feuer willkommene Nahrung. Auch die wertvolle Dreschmaschine sowie die Keltereieinrichtungen wurden ein Raub der Flammen. Das Vieh und die Hausmobilien konnten gerettet werden. Über die Entstehungsursache kursieren die verschiedensten Gerüchte, von denen das der Brandstiftung durch vorbeiziehende Fremde sich am hartnäckigsten hält, aber bisher zur sicheren Annahme keinen Anhalt bot. Wie verlautet soll der Geschädigte nur gering versichert sein, so dass von einem enormen Verlust für diesen gesprochen werden kann. – In Erbringen wurde, nachdem vorher der Hund totgeschossen wurde, heute Nacht ein fettes Schwein aus dem Stalle der einsam am Walde gelegenen Mühle gestohlen. – In Confeld wurde der Lehrer Spang nachts erschossen.“

Zwei Tage später, am 11. Oktober 1919, schrieb die Merziger Zeitung:

„Im Anschluss an die Nachricht von der Ermordung des Lehrers Spang sei erläuternd noch mitgeteilt, dass eine Rotte bewaffneter Männer sich abends gegen 9 Uhr an den Läden des Hauses Spang (Frau Spang führt das Geschäft ihrer verstorbenen Tanten auf ihren Namen weiter) lärmend zu schaffen machten. Als der Hausherr das Fenster des zweiten Stockes öffnete, um zu sehen was los sei, riefen die Männer: ‚Es lebe Spartakus!‘ Bald darauf krachten 4 Schüsse, wovon einer den Lehrer in die Brust traf. Der Getroffene wankte noch in das daneben liegende Schlafzimmer seiner Frau und brach tot zusammen. Gleich darauf begann die totale Ausplünderung des großen Lokals und man schätzt die entwendeten Sachen (Seidenballen, Stoffe, Schuhe u. dgl.) auf ca. 40.000 Mk. Schwer beladen zog die Bande ab. Einem älteren Mann, der die Leute stellen wollte, riefen sie drohend zu: ‚Wenn dir dein Leben lieb ist, dann mach dich fort!‘ Der Einzige, der beherzt und furchtlos erschien, war der Herr Pastor. Er konnte aber nur noch ein Gebet über der Leiche sprechen und die Frau und den Sohn des Ermordeten trösten. Es fällt schwer, die Namen der Plünderer herauszubekommen, denn jeder hat vor den Folgen Angst.“

In ihrer Ausgabe vom 19. Oktober korrigierte das Blatt seine gemachten Aussagen dergestalt, dass „nicht der Herr Pastor als ‚einziger beherzt und furchtlos erschien‘, sondern derselbe durch eine männliche Person, die nach der Tat am Tatort vorbei musste, erst gerufen wurde und dass, als der Herr Pfarrer erschien, fast alle Einwohner des Ortes sich auf den Straßen befanden. Bis heute sei noch kein Mann oder auch irgendeine Person von Confeld verhaftet worden und auch kein Confelder habe sich an der Plünderung beteiligt.“

Noch einmal zwei Tage später ergänzte die Merziger Zeitung die Angaben zu dem Vorfall in „Confeld“, so lautete damals die Schreibweise des Ortes, wie folgt:

„(…) Hier sind bis jetzt auch noch keine Hausdurchsuchungen vorgenommen worden. – In der betreffenden Nacht wäre es sehr gewagt gewesen an die Plünderer heranzutreten, um sie zu stören. Der Anführer der Bande rief mit lauter Stimme: ‚Keiner wage sich hierher!‘ Als dennoch der Feldhüter Louis bis etwa 100 Meter heranging, flog ihm eine Kugel um die Ohren. Konnten denn überhaupt die waffenlosen Leute gegen eine etwa 30 Mann starke, teilweise mit Karabinern bewaffnete Bande angehen?“

Diese Klarstellung war unterschrieben mit: „Mehrere Einwohner von Confeld“.

Mehr von Saarbrücker Zeitung