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Serie zum Gipsabbau in Mechern
Krieg bringt Abbau zum Erliegen

Von Stefan Siebenborn


Die Firma Knauf prüft, ob sich Gipsabbau in Merzig lohnen könnte (wir berichteten). Der Abbau des Baustoffs hat in Merzig Tradition. Die Geschichte der Gipsgrube Mechern, besser bekannt als „Gipskaul“, kann in drei Zeitabschnitte eingeordnet werden. Die erste Abbauphase beginnt Ende 1897 und endet kurz vor dem 1. Weltkrieg. 1919 wird zum zweiten Mal der Betrieb für kaum fünf Jahre aufgenommen. Zwischen 1924 und 1936 ruht der Abbau. Im Herbst 1935 übernehmen die Gebr. Knauf den Betrieb. Erst mit der vollständigen Ausbeutung der Gipslager kommt im Frühjahr 1955 die endgültige Stilllegung der Gipsgrube „Auf Kappen“. Teil neun: die Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Obwohl die Reichsbahn den Gleis­anschluss genehmigt hat, ist aufgrund von Materiallieferschwierigkeiten im Sommer 1940 noch nicht einmal mit dem Projekt begonnen worden. Das Bergamt Saarbrücken-Ost, das nach Ottweiler ausgelagert ist, möchte am 4. Juli 1940 wissen, ob das Vorhaben inzwischen in Angriff genommen worden ist.

In dem Zeitraum von September 1939 bis August 1940 ruht kriegsbedingt die Förderung. Sechs Tage lang räumt die Organisation Todt auf, ehe am 7. August 1940 der Betrieb wieder In Gang kommt. Zu dieser Zeit arbeiten nur sechs Mann, die Belegschaft soll aber wieder auf 20 bis 25 Mann erhöht werden. Teile der Förderstrecke sind eingestürzt und müssen erst wieder freigeräumt werden. Der Luftschacht ist von deutschen Truppen gesprengt worden und muss neu geöffnet und ausgezimmert werden. Fast die komplette elektrische Ausrüstung ist abhanden gekommen. Der größte Teil des Bauholzes an der unteren Kippbrücke hat Verwendung beim Bau von Unterständen im benachbarten Wald gefunden. Aufenthaltsraum und Magazin sind ebenfalls von der Truppe abgerissen worden.

Diese Einrichtungen müssen erst neu errichtet werden, damit die Grube wieder fördern kann. Die Förderstrecke wird im Laufe der nächsten Monate in ein einheitliches Gefälle gelegt und im Ausbau verstärkt, sodass in Zukunft der Einsatz einer Grubenlokomotive möglich ist, so wie er kurze Zeit vor Kriegsbeginn probeweise anlief.



Wurden bisher die Kipploren mit Pferdekraft aus dem Stollen zum Bremsberg gezogen, so möchte die Firmenleitung – um die Produktion zu steigern – in Zukunft eine Diesellokomotive einsetzen. Vorgesehen ist eine Lokomotive der Fa. Jung aus Jungenthal, 11 PS stark, acht Stundenkilometer schnell und 3000 Kilo schwer. Die Lokomotive soll 500 bis 600 Meter vom Stollenmundloch entfernt vor Ort fahren und täglich 12 bis 15 Fahrten unternehmen. Als Liefertermin ist Ende 1940 vorgesehen. Da die Grube durch Stollenzugang und einen Luftschacht mit Frisch­wettern gut versorgt ist, dürften für deren Einsatz keinerlei Bedenken bestehen. Die vom Oberberg­amt beanstandeten Mängel an den elektrischen Installationen können nicht behoben werden, da die dafür beauftragte Elektrofirma Luckas aus Merzig vorrangig Aufträge für die Wehrmacht erledigen muss. Die Firma Knauf bittet im Dezember 1940 das Berg­amt, der Firma Luckas einen Brief „in drohendem Ton“ zu schreiben, damit diese die notwendigen Arbeiten in der Grube erledigt.

Kriegsbedingt sieht das Oberberg­amt sich nicht in der Lage, den Betrieb einer Diesellokomotive zu genehmigen, da hierfür der wertvolle Dieselkraftstoff verbraucht würde. Außerdem kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden, ob diese Diesellokomotive die Anforderungen für den Untertagebetrieb (CO-Gehalt der Abgase) erfüllt. Es empfiehlt die Anschaffung eines zweiten Pferdes.

Der Gipsabbau geht, wenn auch nicht vorrangig, bis zum Herbst 1944 weiter. Da die Gipsproduktion nicht als kriegsentscheidend eingestuft wird, kommt der Abbau beim Näherrücken der Front zum Stillstand. Wegen der immer größer werdenden Bedrohung durch Luftangriffe für kriegswichtige Produktionsstätten werden gefährdete Betriebe unter die Erde verlegt. Die Gipsgrube Maria in Mechern könnte wegen ihrer sieben Meter breiten sowie 3,50 Meter hohen Stollen und ihrer damals etwa 200 mal 300 Meter Ausdehnung durchaus einen kleinen Industriebetrieb aufnehmen.

Im Rahmen des „Geilenberg-Programm“, einer Auflistung unterirdischer Produktionsstätten wie Gruben, Stollen, Höhlen, Keller und Tunnel, erhält sie den Decknamen Fogosch, einer Zanderart, wie sie am Plattensee geschätzt wird. Für Bergwerkstollen sind Fischnamen vorgesehen. Zu keinem Zeitpunkt wird eine Fabrik in den ausgedehnten Stollen des Bergwerkes eingerichtet. Der stillgelegte Stollen der Gipsgrube Siersburg, Deckname Sild (kleiner Hering), wird indes zur Herstellung von Flugzeugbatterien genutzt.