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Jüdisches Leben prägt bis heute das Stadtbild in Merzig

Jüdisches Leben prägt bis heute das Stadtbild in Merzig

Kein Thema bewegt in diesen Tagen die Gemüter im Land so sehr wie die durch die Flüchtlingskrise bedingte Masseneinwanderung nach Deutschland. In diesem Beitrag soll die Zuwanderung in die Merziger Region während der letzten 200 Jahre als eine Geschichte der auf vielfache Weise stattgefundenen Begegnung mit dem Fremden dargestellt werden.

Weiter heißt es in dem Artikel der Merziger Volkszeitung vom 13. Dezember 1909: "Bei solchen Schlachtungen kommt es dann gar oft zu schauderhaften Szenen. Vier bis fünf Mann knien gewöhnlich auf dem armen Tier. Ohne die Lage der Blutgefäße zu kennen, säbelt, sticht und bohrt dann einer mit einem Messer am Halse des Tieres herum, solange bis es tot ist oder wenigstens nicht mehr fortlaufen kann. Oft ist der ganze Hals zerstochen und immer sind die Hauptadern noch nicht geöffnet. Das Blut fließt schwach und das Tier stößt ein fürchterliches Schmerzensgeschrei aus, bis es endlich nach langer Qual ausgeröchelt hat. Dass bereits gestochene Schweine sich von ihren Peinigern befreit haben und eine Strecke Weges fortgelaufen sind, ist durch Beispiele zu beweisen. Viele Bauern sind sogar der Meinung, dass man beim Schlachten das Tier möglichst lebend erhalten müsse, um eine vollständige Ausblutung und dadurch ein dauerhaftes Fleisch zu erzielen. Deswegen wird das Töten oft absichtlich hingezogen. Der Schlächter macht nur eine kleine Wunde, hält das Messer darin fest und schneidet, wenn das Blut aufhört zu fließen, wieder etwas weiter." Der Artikel schließt mit der Feststellung: "Es ist vielmehr eine Schande für unsere Zeit und ein schlechtes Zeichen für unsere Gegend, dass diese grausame Sitte bei uns noch so vielfach besteht und unangefochten weiter bestehen kann."

Gerade in Merzig war eine beträchtliche Zahl der Juden in den bürgerlichen Mittelstand aufgestiegen und lebte in Wohlstand und gehobenen Verhältnissen. Erwähnung muss daher noch finden, dass gerade im letzten Jahrzehnt vor dem 1. Weltkrieg vor allem jüdische Kaufleute wesentlich dazu beigetragen hatten, Merzig ein städtisches Aussehen zu verleihen, indem sie repräsentative Wohn- und Geschäftshäuser aus Sandstein errichteten, etwa am Kirchplatz, in der Poststraße und in der Schankstraße. Die Häuser bilden zum Teil heute noch eindrucksvolle Baudenkmäler der Wilhelminischen Zeit. Jüdische Gewerbebetriebe waren ein bedeutender Faktor im Wirtschaftsgefüge der Stadt, die zahlreiche Kunden vom Land in die Stadt lockten.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich beim Ausbruch des 1. Weltkrieges auch in der Merziger Region die Mehrheit der Juden von der allgemeinen Kriegsbegeisterung mitreißen ließ. Sie hofften, durch die Betonung ihrer patriotischen Gesinnung die letzten Hindernisse auf dem Weg der Eingliederung in die deutsche Gesellschaft zu überwinden. In der Merziger Synagoge wurde wie in den christlichen Kirchen der Region für den "Sieg der deutschen Waffen" gebetet. So vermeldete die Merziger Zeitung am 20. August 1914: "Wir schrieben gestern über die pietätvolle Sitte, den im Felde befindlichen Kriegern Gebete zu weihen und wiesen auf die Abendandachten in den katholischen Kirchen zur Nachahmung hin. Wie uns soeben mitgeteilt wird, finden seit Beginn des Krieges jeden Tag auch Andachten in der Synagoge statt. Der erste Bittgottesdienst für die Krieger fiel auf den größten jüdischen Trauertag, die Zerstörung Jerusalems vor gerade 2500 Jahren. Herr Kantor Tannenberg hielt dabei eine tief ergreifende Ansprache und erflehte für die ins Feld ziehenden Krieger , unter denen sich auch sein eigener Sohn befindet, mit fast tränenerstickter Stimme den Segen des Himmels.” < Wird fortgesetzt.