„Jetzt ist er endlich heimgekehrt“
Hilbringen · Verwandte, Nachbarn, viele Hilbringer und Schüler erlebten gestern mit, wie Bürgermeister Markus Hoffeld und Hilde Hilgert, die Tochter des Nazi-Opfers, einen Stolperstein für Valentin Kiefer verlegten.
Für den Stolperstein, der die Inschrift ihres Vaters trägt, geht Hilde Hilgert in die Knie - eine Ehrfurchtsbezeugung, die Merzigs Bürgermeister Marcus Hoffeld ihr gleichtut. Passgenau setzen sie das vergoldete Mahnmal in die Lücke der Pflasterung vor der Haustür in der Hilbringer Mittelstraße 6, die Mitarbeiter des städtischen Bauhofes geschaffen haben. "Jetzt bist du heimgekommen, jetzt hast du wieder einen Platz in der Gesellschaft", kommentiert die Tochter von Valentin Kiefer, der von den Nazis umgebracht worden war, die Zeremonie. 1940 wurde der Hilbringer wegen Kritik am System verhaftet, kam erst ins Gefängnis, danach ins Konzentrationslager Dachau. Von dort wurde er ins KZ Neu-Rohlau/Karsbad verlegt, wo er kurz vor der Befreiung durch die Amerikaner erschossen wurde.
Was die 86-Jährige und ihre Tochter Wally Weber freut: Viele sind gekommen, um des Opfers des Nationalsozialmuses zu gedenken - Familie, Freunde, Nachbarn . "Selbst Leute aus meinem Jahrgang sind dabei", verrät Wally Weber mit bewegter Stimme. "Seit 2012 ist es in Merzig bis dato der 20. Stolperstein, den wir setzen", sagt der Verwaltungschef - ein Akt, dem nach Worten von Hoffeld weitere folgen werden. Er nennt es eine symbolische Geste, den Opfern der Nazis wieder einen Platz in der Gesellschaft zurückzugeben. Zur Aufarbeitung der Geschichte sind Verlegungen von Stopersteinen nach Worten des Bürgermeisters wichtig. Zudem nennt er es ein Zeichen gegen jegliche Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit. Was ihn anrührt: Das Engagement, mit dem die künftigen Abiturienten des Merziger Berufsbildungszentrums (BBZ) und ihr Geschichtslehrer Uwe Schönborn sich dem traurigen Schicksal von Kiefer und dem dunklen Kapitel der Historie gewidmet haben. Im Frühjahr hatte die Stadtverwaltung das Projekt auf neue Füße gestellt.
Mit seiner Idee, Schulen als Partner zu gewinnen, lief Hoffeld nicht ins Leere - im Gegenteil. "Er hat uns eingeladen, bei dem Projekt mitzuwirken, und wir haben sofort Ja gesagt", verrät Lehrerin Michaela Reinert, beim BBZ zuständig für die Pressearbeit. Intensiv haben sich die 18-Jährigen mit der Hitlerzeit auseinandergesetzt, die Lebensumstände von Kiefer und seinen gewaltsamen Tod im KZ studiert. Derweil haben laut Hoffeld Schüler der Merziger Gemeinschaftsschule Flyer in der Fußgängerzone verteilt, die im Vorfeld auf die Veranstaltung hinwiesen. Zu Ehren von Kiefer halten die 14 Leute der Jahrgangsstufe 13 je eine weiße Rose, garniert mit Tannen, in den Händen, ebenso ihr Lehrer, Schulleiter Andreas Nikolaus Heinrich und Lehrerin Michaela Reinert - eine Arbeit der Leute von der Berufsfachschule für Haushaltsführung und ambulante Betreuung. Ein Gebinde mit weißen Edelwicken legt Hoffeld auf dem Stolperstein nieder. Familie und Freunde lassen Rosen in warmem Orange regnen. Während Kiefers Enkelin, Gaby Bastian, Sekretärin am BBZ, Lehrer und Schüler begrüßt, lässt ihre Cousine Wally Weber "Amazing Grace" auf dem Dudelsack erklingen, als Zugabe folgt der Song "The Rose". "Das Lied passt zu den vielen Rosen , die für Opa niedergelegt wurden", meint sie mit Blick auf das Blumenmeer, das sich über dem Stolperstein ergießt. "Papa, ich bewundere dich wegen deines ungebrochenen Willens, deiner Stärke", würdigt Hilgert ihren Vater, der vor 70 Jahren umgebracht worden war.
"Er war ein liebevoller Papa, der uns die Liebe zur Natur beigebracht hat", verrät sie der SZ. "Bei schönem Wetter waren wir unterwegs in Wald und Flur, er hat uns gelehrt, Giftiges von Ungiftigem zu unterscheiden. Haben wir Kinder ein Büschel Gras ausgerissen und es weggeworfen, hat ihm das missfallen. Seine Theorie war, dass Pflanzen und Tiere eine Seele haben und ihnen diese Behandlung wehtut." Regnete es, so setzte sich Kiefer nach Worten von Hilde Hilgert mit seinen Kindern in die Küche, nahm einen Atlas hervor und ging mit ihnen auf eine virtuelle Reise. "Flüsse wurden abgefragt, ebenso Städte und Länder", erinnnert sie sich.