| 17:11 Uhr

Initiative Kirchengemeinde vor Ort
Laien bieten dem Bischof die Stirn

Sie sind mit den geplanten „Pfarreien der Zukunft“ nicht einverstanden: Reinhard Biringer, Siegfried Klemm, Harald Cronauer, Helmut Dellwing, Peter Meyer, Helmut Baltes, Marcus Jung und Armin Benning (von links) von der Initiative Kirchengemeinde vor Ort.
Sie sind mit den geplanten „Pfarreien der Zukunft“ nicht einverstanden: Reinhard Biringer, Siegfried Klemm, Harald Cronauer, Helmut Dellwing, Peter Meyer, Helmut Baltes, Marcus Jung und Armin Benning (von links) von der Initiative Kirchengemeinde vor Ort. FOTO: Lisa Kutteruf
Merzig. Das Bistum Trier strebt eine radikale Reform an: Aus 887 Pfarreien sollen 35 Großpfarreien werden. Widerstand formiert sich – nun auch im Saarland. Von Lisa Kutteruf

Viele offene Fragen und das Gefühl, übergangen zu werden, bestimmten die Informationsveranstaltung der Initiative Kirchengemeinde vor Ort am Mittwochabend. Um die 40 Ehrenamtlichen, unter anderem aus Beckingen, Hilbringen, Mettlach, Wallerfangen und Nonnweiler, waren in der CEB-Akademie im Merziger Stadtteil Hilbringen gekommen, um sich zu informieren und mit den Initiatoren der Initiative zu diskutieren. Anwesend waren auch der Wallerfanger Pfarrer Herbert Gräff und der Mettlacher Pfarrer Hans-Thomas Schmitt.


Der Hintergrund: Das Bistum Trier, dem auch große Teile des Saarlands angehören, strebt eine gewaltige Umstrukturierung an, die „Pfarreien der Zukunft“. So sollen die bisher 887 katholischen Pfarreien zu 35 Großpfarreien zusammengelegt werden, davon 25 in Rheinland-Pfalz und zehn im Saarland. In den 35 Großpfarreien soll es jeweils einen Pfarrort geben, an dem Verwaltung und kirchliches Angebot gebündelt sind. Die Kirche vor Ort wird in vielen Gemeinden wegfallen. Als Gründe gibt das Bistum den „epochalen Wandel“ an, den die Kirche erlebe: zahlreiche Kirchenaustritte, demographische Entwicklung und Priestermangel.

Mit der Reform geht einher, dass das Bistum die Vermögen der einzelnen Kirchengemeinden auf die neuen Großpfarreien übertragen will – eine der Hauptsorgen der Initiative Kirchengemeinde vor Ort. Diese ist der Überzeugung: Wenn das Vermögen nicht bei den Gemeinden bliebt, was „einer faktischen Enteignung“ gleicht, wird auch keine Verantwortung mehr vor Ort wahrgenommen; das Ehrenamt stirbt aus. Diese und weitere Überzeugungen und Kernforderungen gegenüber dem Bistum hat die Initiative in den sogenannten Schweicher Thesen festgehalten, die die Anwesenden im Laufe des Abends mit großer Mehrheit verabschiedeten.

Peter Meyer und Helmut Baltes gehören zu den Gründern der Initiative. Die Verbandsvertretung des Kirchengemeindeverbandes Prüm hatte im Juli 2017 beschlossen, sich gegen die Vorgehensweise des Bistums zu wehren. Bei der Veranstaltung in der CEB in Hilbringen erzählten Meyer und Baltes von den Treffen, die bisher mit Vertretern der Bistumsleistung stattgefunden haben. Ihr Fazit: Das Bistum war zwar bereit, sich mit ihnen zu treffen, allerdings wurden sie letztlich immer wieder mit pauschalen Aussagen hingehalten.

Harald Cronauer aus Quierschied, der die Initiative rechtlich unterstützt, berichtete von einem Gespräch mit dem Bischof. „Ich hatte das Gefühl, dass er nicht versteht, was uns umtreibt und den Kontakt zur Basis verloren hat. Das hat mich traurig gemacht.“



„Niemand weiß, wie die Realisierung vor Ort aussehen soll“, sagte Baltes. Laut Bistum soll sich kirchliches Leben dennoch „(auch weiterhin) nicht an einem einzelnen, sondern dezentral an möglichst vielen Knotenpunkten der Pfarrei der Zukunft abspielen“. Was das konkret heißt, ist unklar. Das Bistum hat zu diesem Zweck sogenannte Erkundungsteams in die Gemeinden geschickt. Sie „sollen mit den Leuten vor Ort entdecken, was das kirchliche Leben dort prägt und welche Entwicklungspotenziale jeweils am Ort und im pastoralen Raum noch schlummern und zu wecken wären.“ Meyer: „Die Leute in den Erkundungsteams sind geimpft. Da sind nur Personen drin, die bistumstauglich sind.“

Zu den Mitstreitern der Initiative gehören Reinhard Biringer aus Mettlach, Marcus Jung aus Fischbach und Siegfried Klemm aus Oberthal-Namborn. Klemms Kommentar zu der Vorgehensweise des Bistums: „‘Willst du einen Teich trockenlegen, frage nicht die Fische.‘ Mein Eindruck ist, dass genau das gerade mit uns passiert: Die Beschlüsse werden einfach vorgelegt, aber nicht mit denen besprochen, die es betrifft.“ „Ich glaube, das Bistum spielt auf Zeit“, sagte Cronauer. „Die Ämter in den Kirchenräten laufen im Jahr 2019 aus. Dann sind die Kirchengemeinden handlungsunfähig.“

Auch von den Anwesenden kamen zahlreiche Kommentare. Sie kritisierten immer wieder den Mangel an Informationen von Seiten des Bistums. „Wir wissen nicht, was wir den Menschen in den Gemeinden sagen sollen“, sagte einer der Anwesenden. Auf zahlreiche Fragen konnte keiner im Raum eine Antwort geben: Was passiert mit den Verträgen der Beschäftigten in den Kirchengemeinden? Gehen sie reibungslos in die Großpfarreien über? Wie soll das mit der Umschreibung der Grundstücke auf die Großpfarreien ablaufen? Und was geschieht mit den Priestern, die übrig bleiben?

Ein Mann aus der Nähe von Bitburg meinte: „Nach der Fusion gibt es kein Zurück mehr. Die Probleme werden schon bei Kleinigkeiten anfangen. Wo hole ich den Schlüssel fürs Pfarrheim? Da muss ich dann extra nach Bitburg fahren!“ Ein Mann bemängelte, dass die Initiative hauptsächlich von Geld rede. Biringer: „Das liegt daran, dass das Bistum zuerst die Vermögens- und Verwaltungsreform in Angriff nehmen will. Und da haben wir gesagt: Dagegen müssen wir uns als erstes wehren – bevor man mit der Auflösung der Kirchengemeinden alles plattmacht. Alles andere, zum Beispiel die Frage, wie die Seelsorge in Zukunft aussehen soll, hat anscheinend noch ein bisschen Zeit.“ Einer der Anwesenden war unglücklich mit der Formulierung des wegfallenden Ehrenamtes. Pfarrer Schmitt schlug daraufhin eine präzisere Beschreibung vor: „Nicht das Ehrenamt an sich geht verloren. Aber es wird vor Ort kein Ehrenamt mit Recht und Pflichten mehr geben.“

Als es zum Ende der Veranstaltung hinging, gab einer der Zuhörer zu bedenken: „Die große Volkskirche für die Masse wie vor 30 oder 50 Jahren, die gibt es aber leider nicht mehr.“ Die Zahlen geben ihm Recht. Waren es in den 60er Jahren im Durchschnitt noch knapp 12 Millionen katholische Kirchgänger in Deutschland, lag die Zahl 2016 nur noch bei 2,4 Millionen. Tendenz: sinkend. Im selben Jahr traten im Bistum Trier 7394 Menschen aus der katholischen Kirche aus.

Die Initiative kämpft dennoch gegen die Auflösung der Pfarreien. Sie hat alle 169 Pfarreiengemeinschaften im Bistum angeschrieben. Laut Initiative sind bisher 202 Rückmeldungen von Räten aus dem gesamten Bistum eingegangen, davon 189 für den Erhalt der Kirchengemeinden, zehn für die Auflösung und zwei ohne eindeutige Entscheidung. Die Initiative hofft, noch mehr Leute für ihr Vorhaben mobilisieren zu können. Die Mitstreiter betonen, dass sie nicht auf einen Rechtsstreit hinarbeiten. Ihr Ziel ist nach wie vor, zu einvernehmlichen Lösungen mit der Bistumsleitung zu kommen. Den aktuellen Plan des Bistums halten sie jedoch nicht für hinnehmbar: Für den Fall, dass das Bistum bei den jetzigen Plänen bleibt, will die Initiative für eine Mahnwache vor dem Trierer Bischofssitz mobilisieren.

Informationen und Kontakt zur Initiative unter www.kirchengemeinde-vor-ort.de und per Mail an initiative-kirchengemeinde@gmx.de.