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In seiner Arbeit geht er voll auf

Andreas Solmecke bei seiner Arbeit in Rehlingen-Siersburg: Er faltet Verpackungen für Tiefkühl-Fisch.
Andreas Solmecke bei seiner Arbeit in Rehlingen-Siersburg: Er faltet Verpackungen für Tiefkühl-Fisch. FOTO: Rosi Gruhn
Merzig. Geld verdienen ist für Andreas Solmecke wichtig. Der 54-jährige Behinderte will niemandem auf der Tasche liegen, sagt er.

Die Waage lässt er nicht aus den Augen, zumal der Beerenobstteller fast das zulässige Gewicht erreicht hat. 750 Gramm hat die Packung – eine Zahl, die Andreas Solmecke weder unter- noch überschreiten will. Als sich der Zeiger bei 730 Gramm einpendelt, greift er, die Hände von Einweghandschuhen geschützt, die Früchtchen einzeln: ein paar Heidelbeeren – 740 Gramm, zwei, drei Brombeeren, 748 Gramm, eine Erdbeere: Das Sollgewicht ist erreicht. Lesen kann er nicht, aber  Zahlen beherrscht er aus dem Effeff. Bevor sich der 54-jährige Behinderte weiter das tief gefrorene Obst vorknöpft, reicht er die Tüte an Kollegen weiter zum Verpacken. Nicht nur beim Verwiegen macht dem sympathischen Zeitgenossen niemand etwas vor – auch beim Anfertigen von Verpackungsmaterial ist er Fachmann. „Grün sind die Schachteln, die für den  Fisch in der Marinade provençale bestimmt sind, rot für den mit der Soße Salsa verde“, sagt der Mann, der vor mehr als zehn Jahren bei der Firma Paulus angeheuert hat. Von den rund 170 Mitarbeiter, die Traditions-Unternehmen zählt, haben zirka 100 Menschen eine Behinderung.  „Wir sind damit aufgewachsen, dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammen arbeiten“, verraten Susanne Gross, geborene Paulus, und Bernhard Paulus, die den Betrieb leiten. „Dieses Miteinander war für unseren Vater eine Selbstverständlichkeit, und wir setzen dies fort.“ Andreas ist stolz, Mitglied dieser Firmen-Familie zu sein. „Ich habe mein ganzes Leben gearbeitet. Zuerst habe ich im Betrieb meiner Eltern geholfen, später dann in einer Werkstatt, bis ich zur Firma Paulus kam. Da will  ich auch nicht mehr weg“, verrät er. Dass für seinen Job morgens gegen sechs der Wecker klingelt, ist nach seinen Worten kein Problem. „Ich weiß, dass mein Job wartet und ich gebraucht werde.“ Den ganzen Tag vor der Glotze zu sitzen, ist nach seinen Worten nicht sein Ding, was Sinnvolles tun, kommt ihm gelegen. Und das ist seine Arbeit. Was ihm besonders wichtig ist: „Ich verdiene mein eigenes Geld und liege niemandem auf der Tasche.“ Seine Stippvisite in der Merziger Stammfirma genießt er, ebenso das Wiedersehen mit den vielen Bekannten und Freunden, die der Mann, der in der Regel in dem Betrieb in Rehlingen arbeitet, arbeitet, trifft. „Hallo, Andreas, wie geht’s?“, will einer von ihm wissen. „Guuuut“, pariert der stets lächelnde Mann prompt und rückt seine Schutzhaube zurecht, bevor es weiter mit dem Früchte-Verwiegen geht.


Was der bekennende Florian-Silbereisen-Fan genießt wie seinen Job, sind die gemeinsamen Unternehmungen mit seinen Mitbewohnern in den Wohnstätten in Rehlingen-Siersburg. Die hat die Familie Paulus 1977 in der Wallerfanger Straße hochgezogen – ein Haus, das für Andreas  längst zur Heimat geworden ist. „Wir machen Ausflüge, gehen spazieren und besuchen Veranstaltungen“, zählt er auf und strahlt Rosi Gruhn an. Die Leiterin der Wohnstätten ist ausnahmsweise zu Besuch im Merziger Stammsitz. Andreas wechselt mit ihr ein paar freundliche Worte.  „Andreas ist ein großer Fan der Saarlouiser Royals und organisiert seine Termine zu den Basketball-Damen fast ohne Unterstützung“, erzählt sie. Der 54-Jährige hat sich wieder voll auf seine Arbeit konzentriert. „Ich will nicht trödeln, sondern will meinen Job machen“, sagt er bescheiden. Was nach Worten von Rosi Gruhn für Andreas ebenso wichtig  ist wie das eigene Geld verdienen:  die sinnvolle Tagesstruktur. „Das gilt für Menschen mit Behinderung, aber auch für Menschen, die nicht behindert sind“, sagt sie.  Für Menschen mit Behinderung wie Andreas biete ein geregelter Tagesablauf verlässliche Zeit- und Personalstrukturen sowie positive und zielorientierte Motivationsanlässe  und vermittle damit Sicherheit, Orientierungsfähigkeit und emotionale Stabilität.