Im Kampf gegen die Angst

Lichtet den Anker und Leinen los. Johoo, hebt auf! Ein großes Piratenschiff hat beim Merziger Hafen angelegt. Hier können Leichtmatrosen und Seebären in luftigen Höhen ihren Mut beweisen – oder entspannt von unten zusehen.

An einer Seilrutsche geht es von einer Plattform zur nächsten.
Gleichgewicht und Körperspannung: Der Weg über die herabhängenden Steigbügel ist gar nicht so einfach.
Der Kletterhafen ahmt die Form eines großen Piratenschiffs nach. Fotos: Rolf Ruppenthal

Der Wind braust um die Ohren, zerrt am Pulli. Nach wenigen Schritten erreichen die Zehenspitzen das Ende der Plattform. Ich strecke mein Kinn vor, blicke in die Tiefe. 19 Meter. Ruckartig trete ich zurück. Die Augen tränen. Ob vom Wind oder vor Angst, kann ich nicht sagen. Hier soll ich runterspringen?!

Zwei Stunden zuvor. Ein Pirat empfängt mich am Merziger Kletterhafen. Die Strohpuppe auf dem Dach der Blockhütte legt ihre Hände steif um das Steuerrad, ein Papagei sitzt auf der Schulter. Dahinter ragen dicke Stämme in die Luft, dazwischen ein Gewirr aus Seilen, Netzen, Planken. Bevor es dort hinauf geht, benötige ich die richtige Ausrüstung. Am Eingang bekomme ich einen Ganzkörpergurt und einen blauen Helm. Roman, einer der Sicherheitstrainer, hilft mir beim Anziehen. Beine rein, hochziehen, über die Schultern legen. Dann die Gurte an Oberschenkeln, Hüfte und am Oberkörper festziehen. "Jetzt noch der Helm, am besten bindest du deine Haare zusammen." Bunte Haargummis liegen bereit. Roman führt mich zu einem Einweiseparcours. Mit festem Boden unter den Füßen zeigt er, wie das Sicherungssystem funktioniert. Immer nur einer der beiden Karabiner, die am Gurt angebracht sind, lässt sich öffnen. Diesen hänge ich an das Seil. Unten ist eine Öse, die gegen einen ovalen Mechanismus gedrückt wird. Es klickt, der andere Karabiner lässt sich öffnen. "Tweezeln" nennt Roman das. Er erklärt, was ich bei Hindernissen beachten muss, bei Seilrutschen, bei Sprüngen. "Hast du Höhenangst?" - "Och, ein bisschen", antworte ich schief lächelnd. Mein rumorender Magen enttarnt mich. Unsicher blicke ich zu Roman hoch. Seine Augen strahlen Zuversicht aus. So schlimm wird es schon nicht werden.

Ich beginne mit einem leichten Parcours, Start ist am Boden. Meine Finger zittern leicht, als ich den ersten Karabiner am Seil befestige. Es dauert kurz, bis ich den Auslöser zum Tweezlen finde, klick, der zweite Karabiner kommt ans Seil. Ich halte mich an die blauen Markierungen. Erste Aufgabe ist es, über eine Reihe von Baumstämmen zu kommen, die an Seilen hängen. Ich halte mich an ihnen fest, balanciere aus, trete auf den nächsten Stamm. Schnell erreiche ich die erste Plattform. Das war ja leicht. Aushaken, am nächsten Punkt einhaken, weiter. Mit einem Tau ziehe ich ein fassförmiges Holzboot heran. Als ich mein rechtes Bein reinstelle, wackelt es bedenklich. Erst als ich stabil stehe, folgt das andere Bein, und ich setze mich auf eine Planke. Am Tau ziehe ich mich durch die Höhe. Der Wind bläst, graue Wolken ziehen über den Himmel. Ich fühle mich wie ein Leichtmatrose auf tosender See. Nur eben an einem Angelhaken befestigt. Das nächste Podest, aushaken, einhaken. Dann begehe ich einen Fehler - und schaue nach unten. Etwa sechs Meter sind es nur bis zum Boden, aber sie reichen aus. Vor meinen Augen dreht sich alles, ich halte mich an einem Stamm fest. Einatmen, ausatmen. Der Schwindel verfliegt so schnell, wie er gekommen ist. Der Wille ist stärker als die Angst. Also balanciere ich über Balken, hangele mich an einer Kletterwand entlang. Der Gurt ist manchmal im Weg, einmal besteige ich ein Hindernis von der falschen Seite und muss zurück. Eine Rutsche beendet den blauen Parcours. Besser, zwei Stangen in Form einer Rutsche. Dazwischen nur Luft. Ich schwinge beide Beine nach außen über das Gerüst und gleite runter, bremse mit den Händen leicht ab. Als die Füße den Kies erreichen, fühle ich mich erleichtert. Und habe Blut geleckt.

Eine Leiter führt zum höher gelegenen roten Parcours. Er besteht unter anderem aus drei 44 Meter langen Seilrutschen, Flying Fox genannt. Ich hänge mich am Tau ein, stoße mich mit den Füßen ab - und sause los. Ich genieße die Sekunden in der Luft, den Ritt gegen den Wind . Hui! Die schräge Plattform auf der anderen Seite ist gepolstert. Statt elegant darauf zu landen, pralle ich mit den Knien dagegen. Ich rappele mich auf, hangele mich weiter und lande diesmal bedeutend sanfter - auf den Füßen. Nach weiteren Übungen beendet eine Seilrutsche den Parcours.

Es hält mich nicht lange am Boden. Wieder die Leiter hoch, diesmal folge ich der schwereren grünen Route. Über eine Planke geht es steil nach oben. Übung für Übung arbeite ich mich vor, komme gut voran. Bis ich über ein Drahtseil balancieren muss, so dick wie mein Daumen. Als einzige Stütze dienen Balken, die in Hüfthöhe baumeln. Ich stemme meine Arme dagegen, beuge mich leicht nach vorne und balanciere aus. Muss immer wieder neuen Halt suchen. Die Oberarme brennen. Vor Konzentration bekomme ich nichts um mich herum mit. Nicht die anderen Kletterer, nicht das Treiben am Boden. Nach unten schaue ich schon gar nicht mehr, nur nach vorne.

Die nächste Herausforderung folgt sogleich. Über den Abgrund führt nur ein dickes Tau. "Halt das Seil weit oben fest", ruft mir Trainer Joachim vom Boden aus zu. Ich kralle meine Fingernägel in die Fasern, versuche, meine Füße auf den Knoten am unteren Ende zu stellen. Vergeblich. Also muss es so gehen. Mit Schwung werfe ich mich nach vorne, strampel durch die Luft - und lande unsanft auf dem nächsten Podest. Ich fühle mich unbesiegbar. Bis ich die nächste Station sehe. Von oben hängen Seile herab, mit Steigbügeln an den Enden. Mehr nicht. Sobald ich meinen rechten Fuß in einen Bügel setze, wackelt das Tau. Ich baumele in der Luft, versuche, mit dem linken Fuß in ein weiteres Dreieck zu kommen. Zwei Mal stoße ich dagegen, bringe es in Schwung. Die Beine rudern wild. Endlich finde ich Halt. Nach einem halben Spagat findet der Fuß den nächsten Bügel. Jeder Muskel ist angespannt, ich versuche, mich möglichst ruhig zu bewegen. Ganz schön anstrengend.

Nach einem Kampf durch ein Gewirr aus Seilen stehe ich oben. In 19 Metern Höhe. Die Aussicht auf die Umgebung nehme ich kaum wahr. Vor mir baumelt das Tau, das mich zum Boden bringen soll. Zitternd greife ich danach und hake mich ein. Ja, ich habe Angst. Der Atem geht schnell, das Herz klopft laut, die Hände schwitzen. Ich setze mich auf die gepolsterte Matte am Rand des Plateaus. Langsam rutsche ich bis zur Kante vor. Meine Beine baumeln im Nichts. Dann stoße ich mich ab. Falle. Halte die Luft an. Krampfe meine Finger um das Seil. Starre geradeaus. Ein kurzer Ruck. Die Abfangvorrichtung greift. Langsam schwebe ich dem Boden entgegen. Meine Beine geben endgültig nach. Ich sitze im Kies. Löse die Sicherung. Dann blicke ich auf und lächle. Trotz aller Angst macht das Klettern Spaß. Die anderen Parcours hebe ich mir für den nächsten Besuch auf. Vielleicht wage ich mich dann auch auf das höchste Podest: 22 Meter über dem Boden. Der Kletterhafen zieht seit der Eröffnung viele Wagemutige und Schaulustige an. "An den Wochenenden haben wir die meisten Besucher, sonntags sind es etwa 200 bis 400", sagt Martin Bach, zuständig für das Marketing. Wer sich nicht selbst in die Höhe traut, kann anderen dabei zusehen und im Biergarten und dem angelegten Sandstrand sitzen. Unter der Woche kämen viele Schulklassen zum Klettern. "Wir wünschen uns, dass der Hafen immer mehr zum Lebensmittelpunkt wird", sagt Bach.

Der Kletterhafen besteht aus zwölf Parcours. Zwei davon sind für Kinder zwischen fünf und zehn Jahren angelegt. In acht weiteren Parcours können je nach Schwierigkeit Kinder ab acht, zehn und 14 Jahren klettern. In zwei Einweiseparcours bekommen die Besucher das Sicherungssystem erklärt. Dieses entspricht den EU-Normen und ist Tüv-geprüft. In der Anlage gibt es mehr als 100 Übungen. "Eines der beliebtesten Elemente ist der Flying Fox ", sagt Bach. Von den längsten, 44 Meter langen Seilrutschen gibt es im Kletterhafen sechs. "Weitere Highlights sind der Tarzan-Sprung, bei dem man in ein Netz hüpft, der Basejump in 19 Metern Höhe und der Quickjump in 22 Metern Höhe", ergänzt Bach. Darüber hinaus gibt es für Firmen und Teams einen speziellen Parcours.

Der Kletterhafen ahmt die Form eines Piratenschiffes nach. Große Teile der Begrenzung stehen bereits, weitere sollen folgen. Eine Totenkopf-Flagge am höchsten Punkt, der Pirat über dem Eingang, flotte Musik und weitere Details setzen das Thema um. Wer klettern will, sollte bequeme, wetterfeste Kleidung sowie feste Schuhe tragen. Schwangere sowie stark Übergewichtige dürfen die Anlage aus Sicherheitsgründen nicht benutzen.

Der Kletterhafen ist bis September montags bis freitags von 12 bis mindestens 19 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen von 10 bis mindestens 20 Uhr geöffnet. In den Wintermonaten ändern sich die Zeiten. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.kletterhafen.de .