Historisches Dorf mit vielen Namen

Merzig · Das Fest, das die Merchinger an diesem Wochenende feiern, geht auf eine gefälschte Urkunde aus dem 11. Jahrhundert zurück, mit der das Kloster Horreum bei Trier gegenüber den Begehrlichkeiten des Bischofs von Trier den Nachweis erbringen wollte, dass das Kloster in Abhängigkeit des Kaisers und nicht des Bischofs stehe. So soll König Ludwig der Fromme, der Sohn Karls des Großen, im Jahre 816 dem Kloster in vielen verschiedenen Dörfern eine Jahresfruchtrente zugesichert haben. Das Dokument hat seinen Wert, da die Dörfer im Jahre 816 zweifellos existiert haben dürften. In dieser Urkunde tritt Merchingen als "Morichinga" das erste Mal in Erscheinung. Die Redlichkeit gebietet es, zu erwähnen, dass auch Morhange/Mörchingen in der Seille-Region mit einigem Recht diese Ersterwähnung auf sich beziehen kann.

 Ein Blick auf Merchingen von 1883. Dieses ist das älteste bekannte Foto des Dorfes. Foto: Archiv Josef Bohr

Ein Blick auf Merchingen von 1883. Dieses ist das älteste bekannte Foto des Dorfes. Foto: Archiv Josef Bohr

Foto: Archiv Josef Bohr

Wer einen Blick auf eine Landkarte wirft, kann erkennen, dass Merchingen mit vielen anderen Dörfern mit Endung -heim, -dorf und -ingen/-ange sich in einem abgegrenzten Raum befindet, der in etwa gleichzeitig am Ende der Völkerwanderungszeit durch die Rheinfranken besiedelt wurde. Diese Region bestand schon in der Römerzeit aus kultivierten ertragreichen Böden. Dies dürfte ein Grund gewesen sein, warum sich in dem geschützten Merchinger Tal eine fränkische Sippe mit einem Anführer namens Mauruch oder Moricho, also eines Mannes, den sie den "Mohr" nannten, niederließ.

Der Name des Dorfes wird sich im Laufe der Geschichte noch öfters ändern, 816 Morichinga, 1267 Morcingen, 1277 Morchinge, Morekinga, 1363 Murchingin, 1387, 1489, 1519 Morchingen und erstmals 1587 Merchingen.

Die genaue Geschichte der Region zwischen Seffers, Prims und Saar, die nicht zum direkten Einflussbereich Triers gehörte, bleibt lange Zeit geschichtlich im Dunkeln. Im 13. Jahrhundert nach der Gründung der Propstei in Merzig wird Merchingen 1267, 1275 und 1277 im Zusammenhang mit Zehnt- und Grundstücksangelegenheiten erwähnt.

Im 14. Jahrhundert werden erstmals Zusammenhänge erkennbar. Ein Hennekin von Pierle als Vasall König Johann von Böhmens gibt 1338 von seinem Lehen aus Merchingen eine jährliche Abgabe für die neu errichtete Burg Vreudemberch (Freudenburg). In der Trierer Handwerkerliste des Jahres 1363 finden sich eine stattliche Anzahl von Personen mit Namen "Murchingin", "Murchingers Sohn", "der zu Murichingin wohnt", "Murchin", "stammt von Murchingen", was einen regen Austausch von Stadt und Land vermuten lässt. Im Jahr 1379 findet sich die erste Merchingen betreffende Urkunde vor, einem Pfandbrief eines Johann von Mengen an den Abt Johann des Klosters Mettlach. Die Urkunde wird mitgesiegelt durch den Herzog von Lothringen. Aus dem Jahre 1384 liegt eine weitere Urkunde eines Konrad, Herr zu Homberg betreffs Merchingen vor, die wiederum durch den Herzog bestätigt wird. Daraus wird eine territoriale Zugehörigkeit des Dorfes Merchingen zu Lothringen erkennbar. Dies ist bedeutend, denn im Jahr 1333 gab es starke Auseinandersetzungen zwischen Lothringen und Trier wegen Merzig und Umgebung. In einer Kompromisslösung wurde 1368 von Lothringen und Trier für die strittigen Gebiete ein gemeinsam verwalteter Schutzbezirk (Kondominium) eingerichtet. Merchingen als direkter Nachbarort Merzigs gehörte nicht zu diesem Schutzbezirk.

Aus dem 15. Jahrhundert liegen die ersten schriftlichen Weistümer vor. In ihnen ist die Beziehung zwischen den Herrschaften und dem Dorf geregelt. Sie legen den "Bann", also den Geltungsbereich, die Gerichtsbarkeit, die in Merchingen eine Blutgerichtsbarkeit war und die Abgaben und einige weitere Regularien fest. Das Weistum war das Ergebnis des Jahrgedinges, welches einmal jährlich oder nach Bedarf einberufen wurde. Schriftlich überliefert sind die Weistümer von 1417, 1494, 1528, 1587 und 1701.

Die Merchinger Kirche wird in dem Weistum von 1494 erstmals erwähnt und mit ihr die Patronin Sankt Agatha, die noch heute Patronin der Pfarrei ist.

Sind in der Anfangszeit die Herren von Merchingen nicht eindeutig zu identifizieren, so ergeben sich ab dem beginnenden 15. Jahrhundert als Hochgerichtsherr die Herren von Meinsberg (Montclair), des Weiteren die Herren von Felsberg, zeitweise das Kloster Mettlach und die Herren von Warsberg in Freistroff. Vor dem Dreißigjährigen Krieg erwirbt Laudwein von Bockenheim die Anteile von Felsberg und von Warsberg, das später das Lehen des Baron de Haens auf der Burg Esch bildet. Daneben stellte die Merchinger Mühle mit Herrenhaus ein eigener Bereich und Zugehörigkeit dar. Auch gab es Splitterbesitztümer, die schwer zuzuordnen sind.

Trauriger Höhepunkt waren die Hexenprozesse 1593 gegen Lawers Barbell, Wendels Sunna und deren Sohn Lorenz, die Stoff für mehrere Publikationen lieferten.

Durch und nach dem Dreißigjährigen Krieg ab 1635 veränderte sich das Dorf dramatisch. Kamen 1667 die ersten Heimkehrer nach Merchingen zurück, wurde das Dorf bereits 1677 durch französische Soldaten gebrandschatzt.

Das 18. Jahrhundert war geprägt durch Wiederaufbau und Reformen. 1711 wurde die zerstörte Mühle wieder errichtet, 1720 in einer großen Bannteilung das Losverfahren abgelöst durch feste Besitzverhältnisse an Grundstücken. In den 1750er Jahren gab es die ersten landwirtschaftlichen Reformen, das Hochgericht beschäftigte sich im Wesentlichen um Vormundschaften. 1759 wurde eine Waldordnung erlassen. Die Gemeinde Merchingen bemühte sich intensiv um die Loslösung von der Pfarrei Merzig. Es bildet dabei eine Konstante über Jahrhunderte, dass es zwischen der geistlichen oder weltlichen Herrschaft und dem Dorf zu Auseinandersetzungen wegen als ungerecht empfundenen Maßnahmen gab. 1766 wurde Merchingen mit dem Tode des Herzogs Stanislas Leszczynski französisch. 1778 wurde die deutsch-französische Grenze, die der Gemarkungsgrenze Merchingens ausmachte, vermessen und 1779 ausgesteint. 1793 wurde die Kirche komplett erneuert. Im 18. Jahrhundert belieferte Merchingen die Dillinger Hütte mit Erz.

Die französische Revolution brachte das Ende der Feudalzeit. In den 1790er Jahren gab es auf dem Merchinger Berg einige Scharmützel französischer mit österreichischen Soldaten. Nach der Besetzung der Rheinlande durch die Franzosen und der Aufteilung Frankreichs in Departements, kam Merchingen zu dem Departement Moselle, Merzig hingegen zu dem Departement Sarre. Nach der endgültigen Niederlage Napoleons bei Waterloo wurde Merchingen 1816 preußisch.

Die urlothringischen Dörfer wurden in der Bürgermeisterei Haustadt zusammengefasst. Bis 1912 sollte Merchingen zu diesem Amt gehören, danach wechselte es zu dem Amt Merzig-Land.

Das 19. Jahrhundert beginnt mit der Etablierung einer eigenen Pfarrei 1821 und erhält mit Pastor Deutsch einen tatkräftigen Seelsorger und landwirtschaftlichen Reformer. Während des gesamten 19. Jahrhunderts wanderten Menschen aus Merchingen aus. 1830 wurde Merchingen durch drei große Brände fast komplett zerstört. Im gleichen Jahr wurde Merchingen kartographiert und das Urkataster errichtet. 1834 wird die erste Schule errichtet. Zahlreiche stattliche Bauernhäuser werden erbaut. In Merchingen wird unaufhörlich Kalk gebrannt und saarlandweit vermarktet. Die ersten Vereine werden gegründet.

Im 20. Jahrhundert kann sich in Merchingen ein reges Vereinsleben herausbilden. Größtes Werk in Merchingen ist die Errichtung der neuen Kirche 1929/30 durch Pastor Johann Speicher, der mit Clemens Holzmeister einen Stararchitekten seiner Zeit aus Österreich engagieren kann. War Merchingen im ersten Weltkrieg noch von direkten kriegerischen Handlungen verschont, mussten die Merchinger im 2. Weltkrieg die Heimat zweimal verlassen. Zahlreiche Merchinger Soldaten sind in den Kriegen gefallen. Dreimal war Merchingen im 20. Jahrhundert von Hochwasserkatastrophen heimgesucht. Dies geschah 1920, 1930 und 1995. 1953 erhält Merchingen ein modernes Schulgebäude, 1956 wird die Marienkapelle eingeweiht.

1974 kommt Merchingen in der Gebiets- und Verwaltungsreform nach Merzig. Die Vereinsgemeinschaft hat mit dem Vereinshaus 1979 einen Ort für Veranstaltungen und Feiern gefunden. 1989 wurde bei einem großen landwirtschaftlichen Umzug noch einmal die landwirtschaftliche Tradition eindrucksvoll dargestellt.

Das Dorf stellt sich heute mit der Schule zum Broch und der Caritastagesstätte als ein Ort dar, in dem ein soziales Bewusstsein vorhanden ist. Daneben ringt das Dorf mit seiner Identität und dem demographischen und strukturellem Wandel.

Dies ist ein skizzenhafter Überflug über 1200 Jahre Merchingen. In dem Dorf gibt es auch einen Geschichtsweg, der an fünf historisch bedeutsamen Orten einen Einblick in die Geschichte des Dorfes gibt.

Noch in diesem Jahr wird ein Familienbuch von Wolfgang Reget über die Familiengeschichte des Dorfes erscheinen. In ihm werden neben der Familiengeschichte noch viele bisher unbekannte historische Ereignisse und Zusammenhänge veröffentlicht werden.

Zum Thema:

 Grenzstein von 1779. Foto: bohr

Grenzstein von 1779. Foto: bohr

Foto: bohr
 Merchingen um die Jahrhundertwende Foto: Archiv Hans Dillschneider

Merchingen um die Jahrhundertwende Foto: Archiv Hans Dillschneider

Foto: Archiv Hans Dillschneider
 Gasthaus „Zum Blütental“. Foto: Pater Wendelinus Naumann

Gasthaus „Zum Blütental“. Foto: Pater Wendelinus Naumann

Foto: Pater Wendelinus Naumann

Auf einen Blick Das Dorfjubiläum startet am Samstag, 9. Juli, ab 11 Uhr Kinderunterhaltung auf dem Festgelände mit "Kids-Express" und großer Tombola, organisiert vom Elternbeirat des Kindergartens. Ab 14 Uhr Ausstellung landwirtschaftlicher Nutzgeräte. Alte funktionsfähige Traktoren und, und und. Demonstration alter Handwerkskunst mit der Fa. Bies, Angebot von Kutschfahrten rund um Merchingen. Ab 16 Uhr Empfang der Gäste aus Merchingen/Bauland. Ab 19.30 Uhr offizieller Festakt mit der Schirmherrin Ministerpräsidenten Annegret Kramp-Karrenbauer . Das Programm gestalten die Ortsvereine. Außerdem: Auftritt der Musikklasse der Schule zum Broch. Tanzeinlage der Tanzschule La Danse. Anschließend musikalische Unterhaltung mit dem Musikverein Merchingen/Bauland unter der Leitung von Bernd Otterbach. Sonntag 10. Juli: Um 9.30 Uhr Festgottesdienst in der Pfarrkirche St. Agatha unter Mitwirkung des Kirchenchores Merchingen und des Gemischten Chores Merchingen Ravenstein. Ab 11 Uhr Frühschoppenkonzert auf dem Dorfplatz, ab 12 Uhr Mittagessen im Vereinshaus, anschließend Großes Kuchenbüfett. Ab 13 Uhr Unterhaltung auf dem Dorfplatz mit Motorshowsägen mit Sigurd Bratzel; Harmonika Orchester Bietzerberg, MV Fremersdorf. Angebot einer geführten Wanderung auf dem Dorfgeschichtsweg Angebot von Kutschfahrten rund um Merchingen. Ab 17 Uhr Shanty-Chor. MK "SSS Passat" Nunkirchen, Hauskapelle Merchingen. Ausklang und ab 21 Uhr Public Viewing (Endspiel um die Fußballeuropameisterschaft). Montag 11. Juli: Ab 15 Uhr Seniorennachmittag bei Kaffee und Kuchen, musikalische Unterhaltung , Filme aus "alten" Zeiten. Ab 19 Uhr Mundart-Abend mit Gau und Griis. Teilnehmer: Marlies Böhm (Dillingen), Harald Ley (Saarlouis), und Gérard Carau, (Beckingen). Weitere Veranstaltungen in diesem Jahr sind am dritten Sonntag im September das große Erntedankfest "Summerhunn", und im Oktober veranstaltet die Musikvereinigung ebenfalls unter dem Festlogo sein Kelterfest. Der S.V. 1928 veranstaltet vom 14. bis zum 18. Juli den Stadtpokal der Stadt Merzig im Stadion auf dem Galgenberg. Die Pfarrgemeinde feiert am 14. August den 60. Jahrestag der Einweihung der Marienkapelle. Parkmöglichkeiten bestehen ausserhalb der Ortslage bei den Windrädern der SW Merzig oder auf dem Parkplatz des Sportplatzes. Es wird ein Shuttleservice eingerichtet. red

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort