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Hilfe für Familien schneller und effizienterBetroffene müssen aktiv mitarbeiten

Hilfe für Familien schneller und effizienterBetroffene müssen aktiv mitarbeiten

Merzig. Seit einigen Jahren gibt es an verschiedenen Stellen in unserem Landkreis Familienzentren, die als Jugendhilfe-Einrichtung für eine dezentrale Betreuung von Kindern und Familien in Problemlagen fungieren. Diese Familienzentren sind die konkrete Umsetzung des Konzeptes der "sozialraumorientierten Jugendhilfe"

Merzig. Seit einigen Jahren gibt es an verschiedenen Stellen in unserem Landkreis Familienzentren, die als Jugendhilfe-Einrichtung für eine dezentrale Betreuung von Kindern und Familien in Problemlagen fungieren. Diese Familienzentren sind die konkrete Umsetzung des Konzeptes der "sozialraumorientierten Jugendhilfe". Mit Sozialraum ist damit die unmittelbare Lebensumwelt der Betroffenen gemeint, also ihre Heimatkommune (oder, in größeren Einheiten, zumindest die Heimatregion). Die Standorte der Familienzentren sind in Beckingen-Haustadt (für die Gemeinde Beckingen), Wadern-Dagstuhl (für Wadern), Losheim (für Losheim am See und Weiskirchen), Orscholz (für Mettlach und Perl) sowie in Merzig. Dort befinden sich zwei Familienzentren unter einem Dach: Sowohl die Einrichtung für die Kernstadt selbst als auch die für die Stadtteile sind im Gebäude des ehemaligen Hallenbades am Alten Leinpfad untergebracht.Jetzt haben diese beiden Einrichtungen, stellvertretend für alle Familienzentren im Kreis, eine Bilanz ihrer Arbeit im zurückliegenden Jahr 2011 gezogen. Die Familienzentren sind mit Mitarbeitern des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) beim Kreisjugendamt sowie Fachkräften von verschiedenen freien Trägern besetzt, die sich im Rahmen eines Kooperationsmodells die personelle Ausstattung der jeweiligen Familienzentren aufgeteilt haben. Das Familienzentrum Merzig-Kernstadt befindet sich unter der gemeinsamen Trägerschaft von Arbeiterwohlfahrt, Jugendhilfe Mondorf, Lebenshilfe und Verein für Familienförderung. Diese vier Träger arbeiten auch bei der Einrichtung für die Stadtteile zusammen, ergänzt noch um das Sozialwerk Saar-Mosel.

Das Fazit der Verantwortlichen nach rund zwei Jahren gemeinsamer Arbeit in der 2010 eröffneten Einrichtung fällt positiv aus: "Wir haben mit dem gleichen Leistungsvolumen mehr Familien erreichen können als noch unter einer zentralisierten Struktur", sagt Stephanie Nickels, Leiterin des Kreisjugendamtes. Durch die dezentrale Struktur könnten die Fachkräfte näher an die Betroffenen herankommen: "Sie gehen ins direkte Lebensumfeld der Familien und schauen sich deren Alltag an", erläutert Nickels.

Das Leistungsspektrum der Familienzentren ist vielfältig. So gibt es eine anonyme Einmalberatung, die jeder in Anspruch nehmen kann und die sich über bis zu drei Beratungstermine hinziehen kann. Solche Angebote wurden in beiden Einrichtungen im Jahr 2011 insgesamt 56 Mal in Anspruch genommen. Daneben bieten die Familienzentren eine flexible Kinder- und Jugendförderung am Nachmittag im Rahmen der so genannten Hilfen zur Erziehung. Sie sollen Kindern mit Entwicklungsschwierigkeiten und Verhaltensproblemen helfen, die bestehenden Probleme zu überwinden, wenn diese nicht mehr über das normale Betreuungsangebot (zum Beispiel in der Ganztagsschul-Betreuung) in den Griff zu bekommen sind. Die Förderangebote umfassen zum Beispiel Hausaufgaben-Unterstützung, Angebote zum sozialen Lernen oder gezielte freizeitpädagogische Maßnahmen. Andrea Wolter vom Sozialwerk Saar-Mosel, die als so genannte Steuerungsverantwortliche beim Familienzentrum Merzig-Stadtteile arbeitet, erläutert: "Bei diesen Angeboten wird alle drei Monate überprüft, ob es bei dem Kind oder Jugendlichen oder seiner Familie einen positiven Entwicklungsschub gibt und ob die Begleitung durch die Einrichtung dem Bedarf angemessen geleistet wird." Die Intensität der Fördermaßnahmen könne passgenau an den Entwicklungsstand des jeweiligen Kindes angepasst werden.

Überhaupt sei die ständige Rückkopplung und der Austausch innerhalb des Sozialraumteams einer der großen Vorteile der dezentralen Struktur in den Familienzentren, findet Ralf Michler vom Allgemeinen Sozialen Dienst des Kreisjugendamtes, der dort für alle Familienzentren im Kreis verantwortlich ist: "Über den regelmäßigen Austausch mit den Sozialraumteams über die ambulanten oder teilstationären Fälle sind wir viel näher an den Betroffenen dran." Es gebe standardisierte Abläufe und kurze Informationswege, was die Durchlaufzeit von Jugendhilfemaßnahmen erheblich verkürzt, sagt Stephanie Nickels: "Wir können früher wieder aus den Familien raus gehen."

Auch Präventionsangebote zählen zum Leistungsspektrum der Familienzentren. Solche offenen Angebote haben zum Beispiel Lernfragen zum Thema, aber auch praktische Alltagsprobleme wie etwa das Kochen oder Fragen des Umgangs miteinander. "Der Bedarf für diese Workshops oder Kurse wird ebenfalls über den Austausch im Sozialraumteam ermittelt", erläutert Ralf Michler.

Eine wichtige Aufgabe der Mitarbeiter in den Familienzentren ist zudem die ambulante Einzelfallhilfe im Rahmen von Erziehungsbeistandschaften oder sozialpädagogischer Familienhilfe. Im Jahr 2011 wurden zum Beispiel vom Familienzentrum Kernstadt 39 Familien mit insgesamt 61 Kindern über solche Maßnahmen unterstützt. Beim Familienzentrum für die Stadtteile war diese Zahl noch höher, hier waren es 119 Kinder in 58 Familien (siehe separaten Text).Merzig. Wie funktioniert die sozialpädagogische Arbeit der Fachkräfte in den Familienzentren im konkreten Fall? Am Beispiel der ambulanten Familienhilfe geben die Verantwortlichen aus den Einrichtungen einen Einblick in ihre Arbeit: "Wir prüfen bei Familien mit Problemlagen stets, welche Ressourcen innerhalb der Familie bestehen und genutzt werden können", sagt Jugendamtsleiterin Stephanie Nickels. Sonja Jakobi vom Verein für Familienförderung, die für das Familienzentrum Merzig-Umland als Steuerungsverantwortliche arbeitet, ergänzt: "Oft ist den Leuten in einer krisenhaften Situation gar nicht bewusst, auf welche Ressourcen aus ihrem persönlichen Umfeld oder ihrem Sozialraum sie zurückgreifen können." Ihre Kollegin Andrea Wolter stellt allerdings klar: "Unsere Arbeit ist keine Serviceleistung in dem Sinn: 'Ich habe ein Problem, rück' mir mal mein Kind zurecht.'" Familien, die die Hilfe der Fachkräfte in Anspruch nehmen, müssen sich auch dazu verpflichten, ihren eigenen Beitrag zur Überwindung der Problemsituation zu leisten. "Die Familie formuliert Ziele, die sie erreichen möchte. Die Betroffenen werden dann von den Fachkräften darin unterstützt, dass diese Ziele in konkrete Maßnahmen umgesetzt werden", sagt Wolter. Dabei erfolge eine regelmäßige Überprüfung, inwieweit die Familie dem Erreichen der selbst gesteckten Ziele näher gekommen ist. Sonja Jakobi: "Da ist die aktive Mitarbeit der Betroffenen gefragt, ansonsten kann die Zusammenarbeit mit unseren Fachkräften auch beendet werden." In den wöchentlich stattfindenden Sitzungen der Sozialraumteams werden unter anderem fachliche Einschätzungen der aktuellen Fälle ausgetauscht, es wird die aktuelle Situation der Familien unter Berücksichtigung ihrer gesteckten Ziele und der vorhandenen Ressourcen besprochen und auf diese Basis auch über konkrete Einzelfall-Maßnahmen entschieden.

Mit welchen sozialen Problemen haben die Mitarbeiter in den Familienzentren besonders häufig zu tun? Dazu Ralf Michler: "Es gibt einige übergreifende Themen, auf die wir in fast jedem Sozialraum treffen: Lernprobleme, der Umgang mit Trennungssituation, der Umgang mit Überforderung und Stress, Krisen in der Pubertät, aber auch das Thema Essen." Dabei habe das Auftreten solcher familiären Probleme nichts mit dem Bildungsstand oder dem sozialen Status einer Familie zu tun, betont Andrea Wolter: "Die Probleme beruhen meistens auf krisenhaften Situationen, wie dem Aufbrechen verlässlicher sozialer und familiärer Strukturen. Das kann durch den Verlust des Arbeitsplatzes, durch Probleme in der Partnerschaft oder gesundheitliche Rückschläge hervorgerufen werden."

Wobei die Unterstützung und Betreuung durch die Fachkräfte der Familienzentren trotz der besonderen Nähe zu ihren Klienten auch nicht zu intensiv werden darf, betont Stephanie Nickels: "Wir könne keine fehlenden Freundschaften oder sozialen Kontakte durch unsere professionellen Helfer kompensieren." Diese könnten die Betroffenen lediglich dabei unterstützen, "dass sie ihren Alltag auf eigene Weise regeln".

Diese Hilfe zur Selbsthilfe trage inzwischen auch Früchte, findet Sonja Jakobi: "Wir haben in unserer Einrichtung einen selbst organisierten Elterntreff aufbauen können, der alle 14 Tage zusammenkommt und ohne die Begleitung professioneller Helfer auskommt." cbe

"Wir können keine fehlenden Freundschaften oder sozialen Kontakte durch unsere professionellen Helfer kompensieren."

Stephanie Nickels, Kreisjugendamt

"Wir sind näher an den Betroffenen dran."

Ralf Michler, Allgemeiner Sozialer Dienst

"Probleme beruhen meistens auf krisenhaften Situationen, wie dem Aufbrechen verlässlicher sozialer und familiärer Strukturen."

Andrea Wolter, Mitarbeiterin

im Familienzentrum

Auf einen blick

Im Familienzentrum Merzig-Stadtteile arbeiten zehn Fachkräfte von den freien Trägern, die dort kooperieren, sowie drei Mitarbeiter vom ASD beim Kreisjugendamt, ein großer Teil davon in Teilzeit. Bei der Einrichtung für die Kernstadt sind insgesamt neun Fachkräfte von Trägerseite beschäftigt sowie zwei Mitarbeiter des ASD, auch hier einige in Teilzeit.

Die Adresse für beide Einrichtungen: Alter Leinpfad 5, 66663 Merzig. Kontakt per Tel. (0 68 61) 93 96-9 15, E-Mail info@fzm-kernstadt.de (Kernstadt), Tel. (0 68 61) 93 96-9 25, E-Mail info@fzm-stadtteile.de (Stadtteile). cbe