Haus Zimmer in Merzig war früher jüdisches Geschäft Rauner

Abriss in Merzig : Haus Zimmer hat auch jüdische Vergangenheit

Die Geschichte des charakteristischen Gebäudes in der Merziger Poststraße kann weit über 100 Jahre zurückverfolgt werden.

Dass die ehemalige Kaffeerösterei Zimmer in der Merziger Innenstadt abgerissen und durch einen vierstöckigen Neubau ersetzt werden soll, hat für eine wahre Welle der Kritik gesorgt. Denn auch wenn das Gebäude selbst eher unscheinbar ist, verschwindet mit seinem Abriss ein Teil der Geschichte Merzigs. Über viele Jahrzehnte war das Traditionsgeschäft Zimmer ein Teil der Poststraße, bis es vor etwas mehr als zwei Jahren schloss. Doch schon vor den 50er Jahren, als die Familie Zimmer ihre Kaffeerösterei und Confiserie dort eröffnete, beherbergte das Gebäude ein Geschäft: Seit 1882 vertrieb dort die Familie Rauner Kaffee- und Zuckerwaren.

Das Gebäude stellte somit zu dieser Zeit einen Teil des jüdischen Lebens in Merzig dar. Mit genau diesem Thema – dem jüdischen Leben im Kreis Merzig-Wadern bis 1940 – hat sich Hans Peter Klauck von der Vereinigung für Heimatkunde im Landkreis Saarlouis auseinandergesetzt.

Bereits Mitte des 17. Jahrhunderts sind jüdische Familien im Grünen Kreis nachgewiesen. „In Hilbringen, Losheim und Brotdorf gab es eine jüdische Gemeinde“, erläutert er. Das Großzentrum der hiesigen Gegend war jedoch Merzig selbst: „Es gab in jeder Straße jüdische Geschäfte, größere und kleinere, in allen Branchen“, erläutert Klauck. „Allein in der Poststraße hat es mindestens 20 Geschäfte gegeben“, ebenfalls in vielen weiteren Straßen, beschreibt er die Situation vor dem Zweiten Weltkrieg. Die Juden handelten mit Vieh oder Stoffen, boten Bekleidung an, führten Metzgereien oder Geschäfte in der Art von Tante-Emma-Läden. Und eins dieser Geschäfte eröffnete eben die Familie Rauner 1882 dort, wo später die Kaffeerösterei Zimmer war. Aus welchem Jahr das Gebäude stammt, lässt sich laut Klauck allerdings nicht mehr genau sagen. Von der Gestaltung der Fenstersimse her könne es der Epoche des Barocks entstammen. Ältere Karten wiesen zudem darauf hin, dass das Grundstück bereits im 18. Jahrhundert bebaut gewesen sein könne.

Für die Zeit ab 1882 zeugen Geschäftsanzeigen von den Aktivitäten der Familie Rauner. „Zur Kirmes“ ist eine dieser Anzeigen aus dem Jahr 1885 in großen Lettern überschrieben. 1915 warb das Geschäft Rauner unter anderem mit Zwieback, Pflanzen-Butter und Husten-Bonbons. Die Anzeigen hat Klauck in seinem Buch abgebildet – bis zu den Todesanzeigen für Isaac Rauner von 1925 und Miriam Rauner von 1933. Die chronologisch letzte Anzeige in dem Buch stammt von 1933, als aus dem Geschäft der Familie Rauner das Geschäft von Max Kahn geworden war. „Ostereier in allen Größen“ sind pünktlich zu Ostern im Angebot, außerdem Kaffee sowie „Schokoladen, Bonbons, Keks“.

Neben den Anzeigen enthält das Buch historische Aufnahmen der Poststraße. Diese zeigen, wie das Gebäude damals aussah, bevor die Fassade verändert wurde. Klauck kritisiert die Pläne, das Gebäude abzureißen und durch einen modernen Neubau zu ersetzen (die SZ berichtete): „Es geht nicht an, dass man alle historischen Gebäude abreißt. Die Stadt verliert dadurch an Charakter.“ Er räumt allerdings ein, dass das Gebäude durch die Ergänzung der Schaufenster „verbaut“ wurde. Eine klare Wunschvorstellung, was mit dem Gebäude passieren könnte, hat Klauck: „Eine Lösung wäre, die Fassade wieder in den Zustand von früher zu versetzen.“ Aber das wird wohl ein Traum bleiben – der Investor hat bereits angekündigt, den alten Bau abzureißen und durch einen modernen Neubau zu ersetzen.

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