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Genscher bleibt in guter Erinnerung

Genscher bleibt in guter Erinnerung

Nicht nur einmal war Hans-Dietrich Genscher im Grünen Kreis zu Gast. Zwei Visiten bleiben über Jahre in Erinnerung: Er war Schirmherr beim Viezfest und interessanter Referent beim Sparkassen-Forum.

 Genscher trägt sich ins Goldene Buch ein. Von rechts die Sparkassen-Chefs Fritz und Jakobs, Sparkassen-Präsident Lauer, Landrätin Schlegel-Friedrich und Bürgermeister Hoffeld.
Genscher trägt sich ins Goldene Buch ein. Von rechts die Sparkassen-Chefs Fritz und Jakobs, Sparkassen-Präsident Lauer, Landrätin Schlegel-Friedrich und Bürgermeister Hoffeld.

Die Organisatoren des Viezfestes 1989 zitterten bis zur letzten Minute. "Kommt der Schirmherr oder kommt er nicht?", lautete die bange Frage an jenem 7. Oktober 1989. Der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher hatte im Frühjahr eine Schirmherrschaft zugesagt. Im Herbst überschlugen sich jedoch die Ereignisse durch den sich abzeichnenden Untergang des deutschen Ostens. Genscher war in jenen Tagen nur unterwegs, saß öfter am Verhandlungstisch als im heimischen Wohnzimmer. Aber er schaffte es gerade noch rechtzeitig zum Auftakt des Merziger Traditionsfestes - direkt aus Budapest war er an die Saar gekommen, nach einem kurzen Abstecher nach Hause. "Ich musste mir einen frischen Pulli überstreifen", sagte der bestens gelaunte Politiker augenzwinkernd beim Rundgang über die Viezstraße mit Verweis auf sein langjähriges Markenzeichen, den gelben Pullover.

Seinen Platz in der Geschichte hatte Genscher sich ein paar Tage vor dem Viezfest - genau am 30. September 1989 - auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag gesichert. Dort verkündete er vor tausenden DDR-Flüchtlingen: "Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise . . ." - der Rest ging im Jubel unter.

Bis zum Ende des Festes konnte er nicht in Merzig bleiben. Amtsgeschäfte riefen ihn noch am gleichen Tag zunächst wieder nach Bonn, dann nach Prag. Aber Merzig , gab Genscher zu Protokoll, und die Menschen hier, das werde er in guter Erinnerung behalten. Sagte es und verschwand samt Ehefrau wieder im Dienst-Mercedes, der unmittelbar danach losdüste.

Im November 2014 war Genscher dann wieder zu Gast in Merzig . Auf Einladung der Sparkasse trat er als Redner bei deren Forum in der Stadthalle auf. Der Politiker, inzwischen 87 Jahre alt, referierte über das Thema "Europa". Da die Veranstaltung aber zwei Tage vor dem 25. Jahrestag des Mauerfalls stattfand, waren natürlich auch die für Deutschland und Europa entscheidenden Wochen, die ein Viertel Jahrhundert zurücklagen, ein Thema des Vortrags.

Genscher erzählte locker, zeigte Detailkenntnisse, vor allem aber Souveränität. Humorvoll erzählte er manche Anekdote, sprach aber auch - frei, ohne Manuskript - engagiert über die Zukunft Europas und der Welt. Er schlug dabei einen Bogen von der zweigeteilten Weltordnung zur Zeit des Kalten Krieges zur unübersichtlicheren Lage heute. Da heute alle viel enger miteinander verknüpft seien, brauche es ein "neues Denken” in der Außenpolitik, sagte er. Der frühere Außenminister hinterließ einen sehr guten Eindruck. Sein Vortrag war nicht eine Sekunde langweilig oder gar besserwisserisch. Er sprach ohne erhobenen Zeigefinger, und das Publikum dankte es ihm am Schluss mit herzlichem Applaus.

Als einen "großen Europäer" hatte ihn Sparkassenchef Frank Jakobs begrüßt. Als ein Mensch mit hervorragendem Gedächtnis erwies er sich am Rande der Veranstaltung. Ob er sich noch an Merzig erinnere, lautete eine Frage angesichts seines Versprechens 25 Jahre zuvor. "Klar", grinste Genscher, "da gibt es zu jedem Viez einen Schnaps. Wie kann man das vergessen?" Sagte es, und entschwand erneut.