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Feldarbeit und Militärdienst statt Ausbildung und Schule

Feldarbeit und Militärdienst statt Ausbildung und Schule

In einer Meldung der Merziger Zeitung vom 5. September 1914 heißt es: "Am nächsten Donnerstag, dem 10. des Monats, beginnen die Herbstferien für die Volksschulen der Bürgermeistereien Haustadt, Hilbringen, Losheim, Merzig-Land, Mettlach, mit Ausnahme der Ortschaften Mettlach und Keuchingen, Wadern und Weiskirchen. Letzter Schultag mithin 9. September. Die Ferien dauern 5 Wochen, so dass am Donnerstag, dem 15. Oktober, der Schulunterricht wieder zu beginnen hat. Bei denjenigen Schulen , welche 14-tägige Heuferien hatten, dauern die Herbstferien nur 4 Wochen und der Schulunterricht beginnt an diesen Schulen bereits am Donnerstag, dem 8. Oktober. Wegen des Krieges musste vor einer Woche die Schule geschlossen werden; die Jugend hat in diesem Jahr also sehr viel freie Zeit. Dieser Umstand kommt den Landbewohnern bei der Ernte sehr zustatten. Die Kinder arbeiten wie die Heinzelmännchen; es geht daher Dank der bisher vorzüglichen Witterung auch alles gut ein." Das zweite Heer des Kaisers

In einer Meldung der Merziger Zeitung vom 5. September 1914 heißt es: "Am nächsten Donnerstag, dem 10. des Monats, beginnen die Herbstferien für die Volksschulen der Bürgermeistereien Haustadt, Hilbringen, Losheim, Merzig-Land, Mettlach, mit Ausnahme der Ortschaften Mettlach und Keuchingen, Wadern und Weiskirchen. Letzter Schultag mithin 9. September. Die Ferien dauern 5 Wochen, so dass am Donnerstag, dem 15. Oktober, der Schulunterricht wieder zu beginnen hat. Bei denjenigen Schulen , welche 14-tägige Heuferien hatten, dauern die Herbstferien nur 4 Wochen und der Schulunterricht beginnt an diesen Schulen bereits am Donnerstag, dem 8. Oktober. Wegen des Krieges musste vor einer Woche die Schule geschlossen werden; die Jugend hat in diesem Jahr also sehr viel freie Zeit. Dieser Umstand kommt den Landbewohnern bei der Ernte sehr zustatten. Die Kinder arbeiten wie die Heinzelmännchen; es geht daher Dank der bisher vorzüglichen Witterung auch alles gut ein."

Das zweite Heer des Kaisers

Die Formen und Ausprägungen des Militarismus des wilhelminischen Reiches machten natürlich nicht vor der Schule halt. Dies ist bereits an früherer Stelle zum Ausdruck gekommen. Auch in den Schulen war ein militärischer Kommandoton weit verbreitet. Den Lehrern sollte das Befehlen und den Schülern das Gehorchen zur zweiten Natur werden. Um die Begeisterung der Jugend für das Militärische zu steigern, wurde den Schulen u.a. der Besuch von Manövern und Paraden nahe gelegt. Es verwundert daher nicht, dass sich im August 1914 viele Schüler der höheren Lehranstalten als Kriegsfreiwillige meldeten.

Besonders für die Gymnasien wurde die Zahl ihrer Kriegsfreiwilligen zum Erfolgsmaßstab der vaterländischen Erziehung. Da es zu diesem Zeitpunkt in Merzig noch keine gymnasiale Oberstufe gab, besuchten Schüler aus Merzig und der Region das Gymnasium in Dillingen. Am 10. September berichtete in diesem Zusammenhang die Merziger Zeitung: "Dillingen. Am Realgymnasium hatte vorgestern der Unterricht wieder begonnen. Von den 13 akademisch gebildeten Lehrern der Anstalt stehen zurzeit 8 unter den Fahnen, davon 3 als Kriegsfreiwillige. Sofort nach der Mobilmachung traten ferner als Kriegsfreiwillige ins Heer : sämtliche 7 Oberprimaner, 8 Unterprimaner, 5 Obersekundaner, 8 Untersekundaner, 4 noch nicht 16 Jahre alte Obertertianer und ein Quartaner von 14 einhalb Jahren. Während der Ferien hat sich eine Reihe von Ober- und Untersekundanern der Post als Briefträger zur Verfügung gestellt, ebenso verschiedene Schüler in den Dienst des Roten Kreuzes."

Die vorstehend erwähnten jungen Männer, die sich bei Kriegsausbruch Anfang August als Freiwillige gemeldet hatten, absolvierten eine dreimonatige Ausbildung und kamen dann an die Front. Am 4. November 1914 meldete die Merziger Zeitung: "Heute Mittag passierte der Ersatz der 13. Reitenden Jäger (Saarlouis) unsere Station nach dreimonatiger Ausbildung. Es befinden sich darunter junge Krieger aus Merzig und Umgegend sowie ehemalige Zöglinge des hiesigen Seminars und Notabiturienten der Dillinger und Saarlouiser Gymnasien, welche gleich beim Kriegsausbruch in glühender Begeisterung fürs Vaterland in das schmucke Reiterregiment als Kriegsfreiwillige eingetreten sind. Sie kommen jetzt an die Front, um die verhassten Engländer, Franzosen und Russen verhauen zu helfen. Gott befohlen, ihr jungen Vaterlandsverteidiger! Macht eurem Regiment Ehre!"

Nur allzu schnell sollten die jungen Männer merken, dass das, auf das sie sich als Kriegsfreiwillige eingelassen hatten, keineswegs ein Spiel, sondern tödlicher Ernst war. Es ging nämlich keineswegs darum, die "verhassten Engländer, Franzosen und Russen zu verhauen". Vielmehr lernten die jungen Rekruten schon sehr bald das Elend der Schützengräben, das zu diesem Zeitpunkt längst begonnen hatte, ausführlich kennen.

Gleich nach dem Beginn der Kampfhandlungen im August wurde die vormilitärische Kriegserziehung der Jugendlichen auch auf außerschulische Bereiche ausgeweitet. Ein gemeinsamer Erlass des preußischen Kriegsministers, des Kultusministers und des Innenministers vom 16. August 1914 appellierte an die Jugendlichen, ab dem 16. Lebensjahr in die Jugendwehr einzutreten und sich an militärischen Vorbereitungsmaßnahmen zu beteiligen.

Die Merziger Zeitung druckte in diesem Zusammenhang folgende Meldung: "Einrichtung einer Jugendwehr - Ein ministerieller Erlass vom 16. August des Jahres "Aufruf an Deutschlands Jugend zur militärischen Vorbereitung" fordert, dass die heranwachsende männliche Jugend vom 16. Lebensjahr ab in Gruppen gesammelt durch besondere Übungen für den späteren Dienst in Heer und Marine vorgebildet werden. Damit hierdurch besonders die Vaterlandsliebe gepflegt und auch unsere Jugend befähigt werden soll, nötigenfalls für den militärischen Hilfs- und Arbeitsdienst herangezogen zu werden, wird von dem hochpatriotischen Geist der jungen Männer erwartet, dass sie es als Ehrenpflicht betrachten, sich freiwillig zu den erforderlichen Übungen einzufinden."

Der Sinn und Zweck der Jugendwehr bestand also darin, die Jugendlichen in ihrer Freizeit für einen späteren Dienst beim Militär vorzubereiten. Demgegenüber wurde für Jugendliche auch die Möglichkeit geschaffen, in eine sog. Militärvorbildungsanstalt einzutreten. Eine solche Anstalt sollte hier in unserer Region am Militärstandort Saarlouis eingerichtet werden, wie der nachfolgenden Meldung der Merziger Zeitung vom 12. September 1914 zu entnehmen ist: "Im Anzeigenteil der Zeitungen liest man zurzeit viel davon, dass junge Leute, die das 16. Lebensjahr bereits vollendet haben, und von denen mit Sicherheit zu erwarten ist, dass sie mit vollendetem 17. Lebensjahr felddienstfähig sind, sofort in eine Militärvorbildungsanstalt eintreten können. Eine solche ist für Saarlouis in Aussicht genommen. Von der sonst üblichen Prüfung auf Schulbildung wird abgesehen. Eine andere Vergünstigung ist die, dass die jungen Leute nicht verpflichtet sind, etwa für jeden Monat, den sie in einer Militärvorbildungsanstalt zubringen, zwei im Heere nachzudienen. Sie haben nur ihrer gesetzlichen Dienstpflicht zu genügen. Es sollten Eltern, deren 16jährige Söhne Neigung zum Soldatenstand haben, aus diesen günstigen Verhältnissen einer unentgeltlichen Aus- und Fortbildung Nutzen ziehen. Sie mögen für ihren Sohn eine Einverständniserklärung aufsetzen, die Unterschrift beglaubigen und dazu von dem zuständigen Polizeirevier ein Führungszeugnis ausstellen lassen."

Aufgrund der in vielerlei Hinsicht geförderten Begeisterung der Jugendlichen für alles Militärische liegt es auf der Hand, dass sich eine ganze Reihe von ihnen um Aufnahme in die Saarlouiser Militärvorbildungsanstalt bewarb.

Die Appelle an die Jugendlichen, in die Jugendwehr einzutreten und sich einer vormilitärischen Ausbildung zu unterziehen, fielen allem Anschein nach auf fruchtbaren Boden. Am 12. Oktober 1914 konnte die Merziger Zeitung beispielsweise vermelden: "Am Sonntag fand eine Übung der Jugendwehr-Kompanie Merzig statt, zu der sich 160 junge Leute der Orte Merzig , Merchingen, Bietzen und Harlingen eingefunden hatten. Anerkennung verdient das Verhalten der Schüler der höheren Unterrichtsanstalten unserer Stadt, die sich, soweit sie das vorgeschriebene Alter haben, sämtlich eingefunden hatten. Ebenso die Jugendwehr von Merchingen, die unter ihrem Führer Ludwig geschlossen anmarschierte und erkennen ließ, dass ein guter Geist in der dortigen Jugend steckt. Zu tadeln ist, dass ein großer Teil, der sich von Merzig zu der Jugendwehr gemeldeten jungen Leute vollständig fehlte. Wir erwarten, dass der patriotische Sinn und opferwillige Geist unserer Merziger Bevölkerung dafür sorgt, dass nächsten Sonntag niemand fehlt. Das umso mehr als die Jugend hier sich unter treuer Obhut befindet und die Übungen für Körper und Geist von höchst segensreichem Einflusse sind. Erwünscht ist die Beteiligung nicht mehr dienstpflichtiger Soldaten als Gruppenführer, die sich bei dem Leiter der hiesigen Jugendwehr, Rektor Sehr, melden wollen. Nächsten Sonntag tritt die Jugendwehr-Kompanie Merzig um 4.15 Uhr auf der Annaburg an. Um 4.00 Uhr versammeln sich die Teilnehmer aus Merzig auf dem Hof der Kath. Volksschule."

Drückende Sorgen

Neben den drückenden Sorgen um die Angehörigen an der Front, die die Menschen hier in der Heimat in jenen Tagen quälten, wartete die Bevölkerung natürlich geradezu begierig auf Nachrichten vom Kampfgeschehen. In dieser Beziehung herrschte allerdings eine weitgehende Nachrichtensperre, um die militärischen Operationen nicht zu gefährden.

In diesem Zusammenhang hatte die Merziger Zeitung bereits am 6. August 1914 an das Verständnis ihrer Leser für diese Maßnahme appelliert: "Gegenüber den Klagen, dass die Zeitung so wenige Nachrichten vom Kriegsschauplatz bringt, sei noch einmal darauf hingewiesen, dass unsere militärischen Maßnahmen vor dem Gegner und dem Land geheim gehalten werden müssen. Sicher werden Ungewissheit und Zweifel gerade jetzt doppelt schwer empfunden, aber das Wohl des Vaterlandes fordert das Opfer strengster Verschwiegenheit in allen militärischen Fragen unseres Heeres und der Streitmacht unserer Verbündeten. Die Leser werden also die Wünsche der Kriegsleitung zu achten wissen und sich mit den Nachrichten , die vom Generalkommando an die Presse zur Veröffentlichung weitergegeben werden, begnügen.”

Auch am 11. August warb die Merziger Zeitung bei ihren Lesern in geswissem Sinn um Verständnis für das Ausbleiben von Nachrichten der Angehörigen aus dem Feld, indem sie schrieb: "Wer keine Nachrichten von seinen im Feld stehenden Verwandten erhält, möge sich vergegenwärtigen, dass nach Gefechten keine Feldpostkarten und so wieter in die Heimat bestellt werden, weil vorerst nicht bekannt werden soll, wo diese Gefechte stattgefunden haben. Erst die amtliche Mittelung ist ein Beweis dafür, dass ein Soldat gefallen oder verwundet worden ist."

Der deutsche Vormarsch durch Belgien war nach der Eroberung Lüttichs überaus zügig vorangegangen. Am 20. August zogen deutsche Truppen in Brüssel ein, am 26. eroberten sie Namur. Französische und englische Einheiten wurden am 26. und 27. August bei Montigny und St. Quentin geschlagen. In der Zeit vom 28. bis 31. August erfolgte die Eroberung von Givet-Montmédy. Es schien, als könnten die belgischen, französischen und englischen Verbände dem Ansturm der deutschen Armeen nicht standhalten.

Auf der anderen Seite machten sich bei den deutschen Soldaten mittlerweile die Strapazen der hohen Marschleistung bemerkbar: In der heißen Augustsonne schleppte ein Infanterist in der Regel 30 bis 40 kg Gepäck mit sich, d.h. Gewehr, Bajonett, Munition und Tornister, und manche Einheiten legten bald 40 km am Tag zurück. Das waren körperliche Belastungen, die sich nur über eine begrenzte Zeit durchhalten ließen. Und schließlich marschierten die Soldaten nicht nur fortwährend, sondern hatten auch fast ununterbrochen Feindberührung. Größere Pausen oder gar Erholungsphasen gab es nicht.

Außerdem wurde die Versorgung mit jedem Vormarschtag schwieriger: Das Nachführen von Verpflegung und Munition geriet umso mühsamer, je weiter sich die vorstoßenden Truppen von ihren Ausgangsbasen entfernten. Die Deutschen hatten darauf gesetzt, in den belgischen Dörfern und Städten Lebensmittel kaufen zu können, doch wenn sie abends in einer Ortschaft Quartier bezogen, stießen sie auf eine zumeist feindselig eingestellte Bevölkerung und viele Läden wurden geschlossen, sobald sie sich näherten. Daraufhin kam es zu Plünderungen sowie zu Handgreiflichkeiten zwischen deutschen Militärangehörigen und belgischen Zivilisten, wobei auch Schüsse fielen. Die Soldaten rechtfertigten ihre Übergriffe mit der Behauptung, auf sie sei aus dem Hinterhalt geschossen worden. Daraufhin zwangen die deutschen Kommandeure die Belgier Geiseln zu stellen, die hingerichtet werden sollten, wenn es zu weiteren solcher Angriffe käme. Zunächst handelte es sich bei den Geiseln um angesehene örtliche Persönlichkeiten, später auch um Frauen, weil man sie für ein stärkeres Druckmittel gegenüber Heckenschützen hielt. Schon bald kam es zu massenhaften Geiselerschießungen und Angriffen auf Zivilisten.

Über die Existenz von Heckenschützen ist es nach dem Krieg zu einer heftigen Kontroverse gekommen: Während die belgische Seite kategorisch bestritt, dass es überhaupt Überfälle aus dem Hinterhalt gegeben habe und darüber hinaus versicherte, nur reguläre Soldaten hätten sich an den Kampfhandlungen beteiligt, erklärte die deutsche Seite, sie sei solchen Attacken irregulärer Kämpfer massiv ausgesetzt gewesen. Im Nachhinein ist nicht mehr zu klären, was in Berichten zutreffend war oder ob es sich dabei um Fantasien verunsicherter Soldaten handelte. Vieles spricht dafür, dass sich deutsche Truppen beim Vormarsch, zumal in der Nacht, gegenseitig beschossen haben, es sich bei den vermeintlichen Angriffen belgischer Heckenschützen somit um "friendly fire" handelte. Auch die wenig militärisch gestalteten Uniformen der Angehörigen der belgischen Garde civique, einer in Belgien damals existierenden rund 45.000 Mann umfassenden Milizarmee, scheinen für Irritationen gesorgt zu haben: Mit ihren Zylindern als Kopfbedeckung konnten ihre Angehörigen leicht für bewaffnete Zivilisten gehalten werden. Viele der letzten Überlebenden des Ersten Weltkrieges gingen noch Anfang der 1990er Jahre ganz selbstverständlich davon aus, von Zivilisten angegriffen worden zu sein, gegen die sie sich zur Wehr setzen mussten.

Im deutschen Heer grassierte die Vorstellung von einem von der belgischen Regierung geplanten und von der Armeeführung koordinierten unzulässigen Widerstand der Zivilbevölkerung gegen die deutsche Invasion. Die Furcht vor Überraschungsangriffen von Zivilisten und die meist irrtümliche Annahme, dass Zivilisten geschossen hätten, waren der wichtigste Auslöser für Repressalien gegen die Zivilbevölkerung. Zum einen basierte die Vorstellung, wie der Name "Franktireur" suggeriert, auf der wach gehaltenen historischen Erinnerung an die französischen Freischärlertruppen im deutsch-französischen Krieg von 1870/71, zum anderen resultierte die "Franktireur-Furcht" meist aus konkreten Angst besetzten Situationen während des Bewegungskriegs in den Monaten August und September 1914.

Bereits während der Aufmarschphase, also noch vor den ersten Schlachten, waren die ersten Meldungen oder Gerüchte über angebliche "Franktireurs" im Umlauf. Rasch breiteten sich die Geschichten über angebliche Gräuel und hinterhältige Angriffe der belgischen Bevölkerung gegen die deutschen Truppen in Deutschland aus. Gerede dieser Art wurde weder von der Regierung, noch von der Presse gesteuert und in Gang gesetzt. Es entwickelte sich vielmehr von "unten", d.h. auf dem Wege von Gerüchten, die vor allem in den deutschen Grenz- oder Verladestädten kursierten. < Wird fortgesetzt.