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Erfolgreiche Entschärfung der Bombe in Ballern

Im Merziger Ortsteil Ballern : Otterbein und Co. nehmen Bombe die Schärfe

Mit Rohrzange und Flex macht das Team des Kampfmittelräumdienstes aus dem explosivem Fund einen harmlosen Haufen Schrott.

Aus einem Hügel aus rotem Sand ragt ein blauer Metallstab. Was für Unwissende unspektakulär aussieht, ist in Wirklichkeit hochexplosiv. Denn unter dem vom Unwetter der vergangenen Nacht durchweichten Stück Erde, verbirgt sich eine rund 125 Kilo schwere Bombe. Ein amerikanisches Modell, wie Dirk Otterbein vom Kampfmittelräumdienst (KRD) nach einer Inspektion am Freitag bereits weiß. Ein Baggerfahrer hatte die Bombe bei Bauarbeiten auf dem Gelände im Merziger Ortsteil Ballern entdeckt, wo später ein Lebensmittelmarkt gebaut werden soll. Um den explosiven Koloss vor Schaulustigen zu verstecken, haben die Männer ihn wieder zugeschüttet.

Kampfmittel-Experten entschärfen Bombe in Merzig

Otterbein lutscht entspannt ein Bonbon und wartet geduldig auf seine Kollegen, die noch im Stau stecken. Aufgeregt scheint er nicht zu sein. Er führe keine Strichliste, sagt der 58-Jährige, aber an die 100 Bomben werden es schon gewesen sein, denen der Experte seit 1991 die Schärfe genommen hat. Erst als Helfer und heute als Leiter. Eine Bombe wie diese treibt ihm sichtbar keinen Schweiß auf die Stirn. Standardzünder und nur mittelgroß, sagt er.

Sein Team ist für das gesamte Saarland zuständig und muss sich um alle Überbleibsel aus den beiden Weltkriegen kümmern, von der Gewehrpatrone über Granaten bis eben hin zur Fliegerbombe. „Es ist nicht jedes Mal eine Fliegerbombe, aber in der Regel haben wir beim Kampfmittelräumdienst eine Meldung am Tag“, sagt Otterbein. So sammelt der saarländische KRD vier bis fünf Tonnen Munition im Jahr ein, die Passanten im Wald finden oder Anwohner in ihren Gärten ausbuddeln. Meistens aber tauchen sie bei Bauarbeiten auf, wie eben hier. Ganze acht Bomben habe man beim Bau des Bauhauses in Saarbrücken gefunden.

Otterbein und die drei weiteren Mitarbeiter des KRD, die in der Zwischenzeit eingetroffen sind, tragen keine spezielle Kleidung, keinen dick gepolsterten Anzug zur Bombenentschärfung, wie es in Hollywood-Filmen gerne dargestellt wird. Lediglich eine graue Funktionshose, festes Schuhwerk und ein paar Arbeitshandschuhe trägt er. Ein Anzug würde nichts nützen, meint Otterbein. Anzüge seien auf vier bis fünf Kilo Sprengkraft ausgelegt. „Bei 50 bis 60 Kilogramm Sprengkraft, wie hier, ist der Anzug vielleicht noch ganz, aber der, der drin steckt nicht mehr“, klärt Otterbein auf.

Wegen des Drucks. Ein Roboter könne hier auch keine Abhilfe schaffen. Und modernes Gerät, das etwa mit Wasserstrahl-Schneidetechnik arbeite, gebe es im Saarland noch nicht. Otterbein und seine Männer müssen also selbst Hand anlegen. Und zwar mit einer Rohrzange. Und Öl, um die verrosteten über 70 Jahre alten Zünder zu lösen. Das liegt aber alles noch in der Zukunft. Denn zunächst müssen die rund 100 Anwohner, die im Umkreis von 300 Metern um die Fundstelle wohnen, evakuiert werden.

An den meisten Häusern sind die Rollläden bereits unten, viele Anwohner sind zur Arbeit gefahren. Andere sind gerade noch dabei einige Sachen in die Autos zu laden. Eine Familie packt einen Schlitten in den Kofferraum ihres Kombis: „Na so lange wird es hoffentlich nicht dauern“, scherzen die Männer vom Kampfmittelräumdienst. Polizisten, Mitarbeiter des Ordnungsamtes und Feuerwehrleute gehen indes von Tür zu Tür. Sie klopfen und klingeln. Wenn keiner aufmacht, gehen sie weiter zur nächsten Tür. „Es kam schon vor, dass sich Leute versteckt haben“, erzählt Otterbein. Oder sogar ein Kissen auf die Fensterbank gelegt haben, um besser zuschauen zu können. Aber den Sicherheitsbereich muss jetzt jeder verlassen. Niemand, außer Otterbein und seine Mitarbeiter, darf bleiben. Polizisten sperren die Straßen ab, Autos, die jetzt noch angefahren kommen, müssen umdrehen.

Im Bürgerhaus haben sich um kurz nach 9 Uhr um die 30 Menschen versammelt. Die meisten kennen sich. Sie trinken Kaffee, knabbern Müsliriegel oder Schokolade und unterhalten sich. Einer der evakuierten, Adolf Buschbaum, kann sich sogar noch an die Bombardierung von 1944 erinnern, als die Tiefflieger ankamen und geschossen haben. Aber sie wurden früh evakuiert, erzählt das Ripplinger-Urgestein wie der 80-Jährige sich selbst bezeichnet. Er hat sich zusammen mit seiner Frau und der Nachbarschaft im Bürgerhaus eingefunden. Den Bahnhof in Besseringen konnte man von ihrem Haus aus sehen, erzählt er. Als Fünfjähriger habe er beobachtet, wie die Lokomotiven angeschossen wurden und die Züge dann stehen blieben. Daran kann sich der ehemalige Villeroy-und-Boch-Mitarbeiter noch erinnern. Mit ihm am Tisch sitzt Renate Kalmes. Sie und Adolf Buschbaum seien die ältesten Ripplinger. Die 78-Jährige nutzt die Zeit, um ein zierliches Deckchen zu häkeln. Das blaue Garn hat sie vor sich auf dem Tisch ausgebreitet. Die Ballerner bekommen langsam Routine. Schließlich ist es das zweite Mal in kürzester Zeit, dass sie evakuiert werden.

Erst im Juli dieses Jahres wurde nicht mehr als zehn Meter von der jetzigen Bombe eine weitere gefunden. Die war allerdings mit 250 Kilogramm doppelt so schwer. So scheinen sich die Evakuierten keine Gedanken über ihre Zuhause zu machen. „Es wird schon stehen bleiben“, sagt Marliese Lippert. „Die liegt schon so lange da.“ Zusammen mit ihrem Mann Hermann-Josef, ihrem Bruder Erwin Neusius und dessen Frau Birgit sitzt sie an einem der langen Holztische im Bürgerhaus und trinkt Kaffee. „Letztes Mal waren wir frühstücken, das hätten wir besser heute auch gemacht. Vielleicht beim nächsten Mal wieder“, scherzt die Gruppe.

In der Ballerner Feuerwehr, direkt neben dem Bürgerhaus, hat Hermann Friedrich eine kleine Einsatzzentrale eingerichtet. Als Leiter des Ordnungsamtes hat er die Einsatzleitung übernommen. Weil der Herbst bis jetzt so mild war, zieht die Kälte besonders schnell in die Knochen der Wartenden. Die Helfer halten sich mit Kaffee bei Laune. Alle warten darauf, dass der Kampfmittelräumdienst die Entwarnung ausspricht. „Es dauert schon länger als beim letzten Mal“, stellt eine Helferin fest. Dann klingelt das Telefon des Einsatzleiters. „Psst, psst“ zischen die Helfer. Doch die erlösende Entwarnung ist es nicht. Lediglich Bürgermeister Marcus Hoffeld, der wissen will, wie es vorangeht.

Keine zwei Minuten später, gegen 11.10 Uhr, kommt er dann aber doch, der erlösende Anruf. Die Bombe ist entschärft. Die Polizei beginnt gleich damit, die Straßensperren aufzuheben.

„Schwierig war es“, sagt Otterbein. „Wir sind mit den Möglichkeiten, die wir hier haben an unsere Grenze gekommen.“ Die Rohrzange hat nicht ausgereicht. Die Zündschraube ließ sich nicht lösen. Zu verrostet und zu alt, war sie. Mit einer Flex haben die KRD-Männer einen Teil des Zünders entfernt, um so den Schlagbolzen entfernen zu können. Anderthalb Stunden hat das gedauert. Jetzt liegt das harmlose Stück Eisen mit dem zerbrochenen Zünder auf dem Kies. Reimund Meiser, auch beim KRD, schnallt sie am Baggerlöffel fest. Der hebt sie vorsichtig hoch und setzt sie langsam im dunkelblauen Kastenwagen des KRD ab. Der wird sie jetzt ins Munitionslager bringen. Zerstört wird sie nicht direkt. Denn das ist teuer, sagt Otterbein. Rund 100 Bomben sind zurzeit noch eingelagert. Die rund 50 Helfer wärmen sich im Bürgerhaus mit einem dampfenden Eintopf auf. Für heute ist der Einsatz beendet. Allerdings wird eine Kampfmittelsondierung auf dem hinteren Teil des Geländes in den nächsten Tagen zeigen, ob es der Letzte gewesen sein wird, auf dem Donatusplatz, in Ballern.