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Zelt 1
„Entführung aus dem Serail“ in neuer Fassung

Der Kultur-Unternehmer Joachim Arnold.
Der Kultur-Unternehmer Joachim Arnold. FOTO: Lothar Warscheid
Merzig. Dass er in diesem Jahr eine Oper auf das Programm gesetzt hat, sei Wünschen des Publikums geschuldet, sagt Joachim Arnold vom Zeltpalast. Von Margit Stark

Duftig leicht, streckenweise auch ein wenig niedlich lassen die Macher die Oper nach Worten von Joachim Arnold daherkommen ­ – ganz im Sinne von Mozart. „An dem Singspiel wird nichts verändert“, verrät der Chef von Musik & Theater Saar (Foto: Lothar Warscheid). Die Geschichte um die Entführung von zwei Europäerinnen aus dem Harem des türkischen Bassa Selim ist nach Arnolds Ansicht aktueller denn je. „Es geht hier um den Unterschied zwischen Orient und Okzident.“ Die Bedrohung durch den Islam, ob real oder vermeintlich, ist nach seiner Überzeugung nichts Neues. Die Oper aber mit Schock-Fotos von Gräueltaten des IS zu dramatisieren, ist ihm zu einfallslos. Es müsse was mit der Story passieren. „Schließlich geht es auch um das Verhältnis zwischen Mann und Frau, nicht nur im Orient.“ Im Zuge der Bewegung „Me Too“ haben weltweit viele Frauen ihr Schweigen gegenüber dem Machtmissbrauch von Männern gebrochen. Auch diesem ernsthaften Thema wolle man Rechnung tragen.


„So wird Boris Jacoby, der in die Rolle von Bassa Selim schlüpft, rückwirkend die Geschichte aus seiner Sicht erzählen, ganz so, wie es die Erzähler aus 1001 Nacht tun. Und diese Art der Darstellung hat im Orient Tradition.“ Für die Neufassung der Geschichte hat Arnold das Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel gewonnen, was ihn mächtig stolz macht „Die Textfassung wird im Rowohlt Theaterverlag verlegt“, verrät er.

Zaimoglu, gebürtig in Anatolien, ist nach den Worten von Arnold in beiden Welten zu Hause. Über den „wortgewaltigen Autor“ gerät er ins Schwärmen – nicht nur wegen seines Romans über Luther, der den Titel „Evangelio“ trägt. Auch das 1995 erschienene Buch „Kanak Sprak“ hat es dem Chef von Musik und Theater Saar angetan. „In dem Werk hat der Mann, der unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet worden ist, die dritte Einwanderer-Generation zu Wort kommen lassen. In dem Buch hat er Episoden aus dem Leben junger Männer türkischer Abstammung zusammengestellt, deren Erlebnisse er literarisch bearbeitet hat.“ Was sich der mehrfach prämierte Schriftsteller und sein Co-Autor für den Merziger Zeltpalast genau haben einfallen lassen, darüber schweigt sich Arnold aus. „Das Geheimnis lüften wir bei der Premiere.“



Für die Regie hat sich Arnold wieder Andreas Gergen an die Seite geholt. „Er wird das Spielerische und die Ernsthaftigkeit zusammen bringen.“ Ob die Gag-Parade von Spamelot und Co im vergangenen Jahr, die einschlug wie eine Bombe, die Geschichte der Grusel-Mischpoke „The Addams-Family“ und, und, und: Seit Jahren zieht der gebürtige Saarlouiser die Fäden im Zeltpalast. Dem Mann, der einst im TV den Filius von Heinz Becker verkörperte, hat auch Musical-Star Uwe Kröger seine erste Begegnung mit Saarlouiser Platt zu verdanken: „Dau bischt mei bescht Schtick“, lobte Edna Turnblad Tochter Tracy in „Hairspray“ – ein Satz, der Gergen während der Proben eingefallen war. Etwas üben musste der Mann, gebürtig in Kamen, schon, bis er den richtigen Slang drauf hatte. Klaffen doch Welten zwischen dem „sch“, wie die Saarländer diese Lautfolge akzentuieren, und der Aussprache in Nordrhein-Westfalen.

Auf 35 junge Leute beziffert Arnold das Orchester. Der musikalische Leiter stamme aus Merzig. „Stefan Bone ist als Kapellmeister am Opernhaus Kiel tätig. Auf sein Gastspiel in seiner Heimatstadt freut er sich riesig.“

Noch haben Konstanze, Blonde, Osmin, Belmonte und all die anderen Protagonisten die Bühne im Zeltpalast nicht in Besitz genommen. Ende Juli, so verrät Arnold, sind die ersten Proben angesetzt. Gut drei Wochen hat das Ensemble Zeit, die Festival-Neuproduktion von Mozarts Singspiel einzustudieren – eine Geschichte, die nicht nur den Hausherren fasziniert.

Dass der Chef von Musik & Theater Saar mit der „Entführung aus dem Serail“ nach mehr als sechs Jahren wieder eine Oper auf die Bühne bringt, ist nach seinen Worten auch der Nachfragen vieler Besucher geschuldet. „Wir kommen von der Oper. Was 1994 mit ‚Cosi fan tutte’ begann, soll in diesem Jahr wieder in Szene gesetzt werden – mit einer Mozart-Oper.“ An neuen Ideen für Musicals habe er für die kommenden Jahre „viel in der Pipeline“.

„Doch in diesem Jahr wollen wir mal durchatmen und keine neue Musical-Produktion stemmen.“ Einen Unterschied zwischen beiden Genres hat er ausgemacht: „Ist die Arbeit an einem Musical von vorneherein durchgetaktet und durch und durch geregelt, ist die Arbeit an einer Opern-Produktion Entwicklung.“

Der Merziger Zeltpalast wird in diesem Jahr zur Spielstätte der Mozart-Oper „Die Entführung aus dem Serail“.
Der Merziger Zeltpalast wird in diesem Jahr zur Spielstätte der Mozart-Oper „Die Entführung aus dem Serail“. FOTO: rup / Ruppenthal