Eisenbahn-Bau kurbelte die Wirtschaft an

Eisenbahn-Bau kurbelte die Wirtschaft an

Dass die Bevölkerungsentwicklung in den saarländischen Kreisen so unterschiedlich verlief, das heißt in den einen mehr oder weniger stagnierte, in den anderen sprunghaft anstieg, erklärt sich weitgehend aus der Binnenwanderung von Berg- und Hüttenarbeitern. Dies kann man auch an der Bevölkerungsentwicklung des Kreises Merzig sehen. Während die Bevölkerung im Kreis im Zeitraum von 1815/18 bis 1855 zwar um beachtliche 63 Prozent anstieg, wuchs sie in diesem Zeitraum demgegenüber in den Kreisen Saarbrücken und Ottweiler, den Zentren des industriellen Aufschwungs, jedoch jeweils um 109 Prozent.

Trotz des immensen Aufschwungs hier in der Saarregion hielt gerade zwischen 1850 und 1870 die Auswanderung aus Deutschland unvermindert an. Nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 sahen vor allem viele politisch Enttäuschte in der Auswanderung einen Ausweg aus den reaktionären Verhältnissen in Deutschland und suchten ihr Glück in der Auswanderung vor allem nach Übersee. Zwischen 1850 und 1870 verließen etwa zwei Millionen Deutsche ihre Heimat zumeist in Richtung USA. Fast die Hälfte davon wanderte sogar in den Jahren bis 1855 aus. Gerade dies lässt sich anhand der Auswandererlisten auch für die Auswanderer aus den Ortschaften des Kreises Merzig bestätigen. Die seit 1831/32 ansteigende Emigration erreichte Anfang der 1850er Jahre ihren Höhepunkt. Allein zwischen 1840 und 1850 verließen 7500 Personen aus den preußischen Saarkreisen ihre Heimat. Von 1815 bis 1874 hatten 2241 Menschen den Kreis Merzig verlassen, von diesen zog es 1864, also 83 Prozent, nach Übersee, 288, was 13 Prozent ausmachte, nach Frankreich, während sich der Rest auf andere deutsche Staaten verteilte.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde hier in unserer Region, wie im Grunde genommen in ganz Deutschland der Eisenbahnbau eine treibende Kraft für die rasante Entwicklung von Industrie und Wirtschaft. Die enorme Nachfrage nach Rohstoffen, Maschinen und Schienen kurbelte gerade in der Saarregion die Steinkohleförderung sowie die Eisen- und Stahlindustrie an. Durch den Ausbau des Schienennetzes sanken die Transportkosten deutlich. Produktionsstandorte wurden unabhängiger von Rohstoffvorkommen, Fertigwaren konnten grenzüberschreitend exportiert werden.

Schon am 15. November 1852 war mit der Eröffnung der Saarbrücker Eisenbahn eine Verbindung des Kohlereviers an der Saar mit Süddeutschland und Frankreich hergestellt worden. Von Metz über Forbach kommend, führte diese Strecke über Saarbrücken durch das Sulzbachtal nach Neunkirchen und weiter zur pfälzischen Ludwigsbahn, die bis Ludwigshafen führte. Die durch die Eisenbahn geschaffene neue und sichere Transportmöglichkeit des Massengutes Steinkohle begründete und begünstigte den weiteren Aufschwung der Gruben an der Saar. Die "Industrielle Revolution" hatte sozusagen auch an der Saar begonnen.

Der weitere Ausbau der Eisenbahn erfolgte danach recht zügig. Schon 1860 wurden zwei weitere, überaus wichtige Strecken eröffnet: Die Rhein-Nahe-Bahn von Neunkirchen durch das Nahetal bis nach Bingerbrück stellte die Verbindung zum Rhein, dem wichtigsten innerdeutschen Transportweg, her. Die zweite Strecke verband Saarbrücken durch das Saartal mit Trier.

Bereits am 16. Dezember 1858 war die Strecke von Saarbrücken bis Merzig, mit der rund drei Jahre zuvor begonnen worden war, fertiggestellt. Auf diesem Teilabschnitt waren keine besonderen technischen Schwierigkeiten zu bewältigen. Eine erste Probefahrt auf der Strecke wurde bereits am 15. Juli 1858 erfolgreich durchgeführt. Nachdem der Mettlacher Tunnel fertiggestellt war, konnte der Verkehr dann durchgehend bis Trier erfolgen.

Um Platz für die Bahnanlagen zu schaffen, hatte in Beckingen der alte Weinberg der Deutschordenskommende weichen müssen. Die hohen roten Sandsteinfelsen zeigen auch heute noch den Umfang der Abtragungen an. Auf dem davor geschaffenen Plateau errichtete man das Empfangsgebäude. Der im Tudor-Stil der englischen Neogotik errichtete Bau war einer kleinen Burg des Hochmittelalters mit Zinnen und einem 20 Meter hohen Bergfried nachempfunden. Kein anderes Bahnhofsgebäude vergleichbarer Größe an der Strecke Saarbrücken-Trier war in so aufwändiger Form erstellt worden. Warum gerade in Beckingen ein Bauwerk errichtet wurde, das so vollkommen von den Regelbauten der übrigen Bahnhöfe an der Saarstrecke und darüber hinaus abweicht, ist bis heute im Grunde genommen ein Rätsel.

Neben Beckingen gab es zu diesem Zeitpunkt im Kreisgebiet nur noch Bahnhöfe in Merzig und Mettlach. Während der Merziger Bahnhof damals ein repräsentatives Gebäude in neoklassizistischem Stil war, der infolge später durchgeführter Umbau- und Renovierungsarbeiten viel von seinem ursprünglichen Aussehen eingebüßt hat, war der Bahnhof in Mettlach ein schlichter Werksteinbau. 1879 wurde die Haltestelle Fremersdorf auf Bietzener Bann unterhalb von Menningen eingerichtet, 1885 kam in Besseringen ein weiterer Haltepunkt hinzu. 1888 erhielt dann schließlich auch Saarhölzbach einen Bahnhof. Die Saartalstrecke verlief zunächst eingleisig, erst in den Jahren 1882/83 kam dann noch ein zweites Gleis hinzu.

Neue Beschäftigungsmöglichkeit

Die mit dem Bau der Saarstrecke verbundenen Arbeiten, die sich insgesamt rund vier Jahre hinzogen, boten natürlich vielen Männern aus der Region vorübergehend neue Beschäftigungsmöglichkeiten. An die Bevölkerung der entlang der Bahnlinie gelegenen Dörfer ergingen Aufrufe, sich für den Eisenbahnbau zur Verfügung zu stellen. 1857 meldete beispielsweise der Haustadter Bürgermeister, seit zwei Jahren seien beständig zwischen 80 und 90 Personen aus der Bürgermeisterei auf der Saarbrücker Bahn beschäftigt und zwar aus Haustadt 6, Honzrath 8, Erbringen 3, Reimsbach 15, Hargarten 8, Beckingen 11, Fickingen 4 und Düppenweiler 30 Männer. In den weiter in Richtung Trier entlang gelegenen Ortschaften sah es nicht anders aus.

Der große Arbeitskräftebedarf zog eine ungewöhnliche Steigerung des Tagelohns nach sich, wie in diesem Zusammenhang der Saarlouiser Landrat berichtete. Unter den zuvor gegebenen Umständen wäre der Lohn, was ja bereits an anderer Stelle berichtet worden ist, durch das Überangebot an Arbeitskräften und der Konkurrenz um die geringen Beschäftigungsmöglichkeiten auf ein niedrigeres Niveau gedrückt worden.

Die 1856 begonnen Bauarbeiten am Mettlacher Tunnel dauerten vier Jahre. Der Eisenbahntunnel zwischen Mettlach und Besseringen ist der einzige Tunnel im Verlauf der Saarstrecke und mit rund 1,2 Kilometern Länge zudem der längste Eisenbahntunnel des Saarlandes. Er dient dazu, die Strecke auf der dem Flussverlauf folgenden ohnehin schon sehr kurvenreichen Bahnstrecke im Bereich der Saarschleife abzukürzen. Dazu verläuft er nahezu schnurgerade zwischen Mettlach und Besseringen durch die massiven Felsen des hier zu findenden harten Taunusquarzitgesteins. Gerade an dieser Baustelle wurden natürlich besonders viele Arbeitskräfte und vor allem Spezialkräfte, wie beispielsweise Mineure, benötigt. Solche Kräfte waren natürlich nicht auf dem regionalen Arbeitsmarkt zu finden. Sie mussten deshalb von außerhalb her angeworben werden.

Im Frühjahr 1860 waren die Arbeiten am Tunnel und an der übrigen Strecke fertiggestellt. Am 26. Mai 1860 ging dann der Tunnel mit dem letzten Abschnitt der Verbindung Saarbrücken-Trier von Merzig ab in Betrieb. Die Tunneleinfahrten waren damals übrigens sehr aufwendig als Tore im Stil der Neoromanik gestaltet worden. Teilnehmer an der feierlichen Eröffnungsfahrt am Tag zuvor war zusammen mit einigen Ministern auch der damalige preußische Prinzregent, der spätere Kaiser Wilhelm I. Ab 1857 hatten mehrere Schlaganfälle die Gesundheit König Friedrich Wilhelms IV. stark beeinträchtigt, so dass sein Bruder Wilhelm die Regierungsgeschäfte übernehmen musste. Nach dem Tod seines Bruders am 2. Januar 1861 bestieg Wilhelm den preußischen Thron.

Lassen wir an dieser Stelle jemanden zu Wort kommen, der als Zeitzeuge die Eröffnungsfahrt auf der Bahnstrecke Saarbrücken-Trier am 25. Mai 1860 miterlebt hat. Es handelt sich dabei um den 1860 fünf Jahre alten Matthias Schneider, Sohn eines in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Düppenweiler tätigen Dorfschullehrers gleichen Namens. Der Sohn trat in die Fußstapfen des Vaters und ergriff ebenfalls den Lehrerberuf. Nach abgeschlossenem Examen kam er nach Neunkirchen, wo er bis zum Eintritt in den Ruhestand als Konrektor der Volksschule amtierte. Im Alter von 70 Jahren verfasste er mehrere Aufsätze über seine Erinnerungen an das Leben im Haustadter Tal in seiner Kindheit und Jugend.

Einer dieser Beiträge erschien am 9. Oktober 1924 in der Merziger Volkszeitung und trug den Titel "Meine Erinnerungen an den Bahnhof Beckingen". Darin schrieb Matthias Schneider: "Wenn ich bei der bevorstehenden Feier meines 70. Geburtstages all die wach werdenden Erinnerungen von der Blies hinüber gleiten lasse nach der einstigen Heimat der mittleren Saar und dem anmutigen Haustadter Tale, dann höre ich von weitem dumpfes Rollen und Pfiffe, die einen noch nicht schulpflichtigen Knaben wohl erschreckten, doch seine Neugierde nicht immer gleich befriedigten. Es war an einem schönen Sommertag im Jahre 1860, als zum ersten Male die Schuljugend aus der Bürgermeisterei Haustadt, von Lehrern und Lehrerinnen begleitet, einen Saar abwärts fahrenden Eisenbahnzug schauen durfte. Die Saarbrücken-Trierer Eisenbahn war fertig gebaut und eröffnet. Ein seltener aber hoher Fahrgast mit Gefolge fuhr an dem für die Schuljugend denkwürdigen Sommertage in dem mit grünen Baumzweigen geschmückten Extrazuge durch das herrliche Saartal nach der Regierungshauptstadt Trier. Es war Prinzregent Wilhelm von Preußen , dem die Jugend zujubelte und ihn freundlich grüßte. Hinter dem funkelnagelneuen Beckinger Bahnhof mit seinem massiven Turm verschwand alsbald der schnell dahinsausende Eisenbahnzug. Der schöne Gedenktag sollte für die Jugend zugleich ein Festtag sein. Der freundliche Herr Bürgermeister Tiné hatte veranlasst, dass die hungrige und durstige Jugend vor der Heimkehr noch gestärkt und gelabt wurde. Riesengroße Wecken wurden verteilt und aus einer großen Bütte durfte man einen mit Wasser verdünnten Rotwein schöpfen. Der gute Herr Bürgermeister hatte dafür gesorgt, dass kein Schüler, besonders der erst fünf Jahre alte Lehrerssohn aus Düppenweiler, von der süffigen Mischung betrunken wurde. Leichten Fußes, das Preußenlied singend, marschierte eine glückliche Schuljugend durch das lang ausgestreckte Dorf Beckingen den Heimatdörfern zu." < Wird fortgesetzt.