Ein weiter Weg zur barrierefreien Gesellschaft

Ein weiter Weg zur barrierefreien Gesellschaft

Für gehbehinderte Menschen können kleine Alltagssituationen schnell zu riesigen Herausforderungen werden. Deshalb ist es wichtig, Barrierefreiheit zu schaffen. Auch im Landkreis Merzig-Wadern besteht hierzu noch viel Handlungsbedarf.

"Auf den Mond kommen wir, in die Bahn noch nicht", sagt Lutwin Scheuer. Der Kreisvorsitzende des VdK bringt das Problem auf den Punkt, auf das der Infostand am Historischen Rathaus in Merzig am Samstag aufmerksam machen sollte: Die Barrierefreiheit ist bundesweit immer noch nicht in ausreichendem Maße gewährleistet. Zwar hat sich die Bundesregierung 2009 mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, geeignete Maßnahmen für eine barrierefreie Gesellschaft zu treffen, nach wie vor hat sich vielerorts aber noch nichts verändert. "Weg mit den Barrieren" lautet das Motto der Kampagne des VdK, die am 1. Januar gestartet ist und ein Jahr andauern soll. Mit der Kampagne will der Sozialverband verstärkt auf die noch bestehenden Mängel hinweisen. Ziel soll sein, zum Mitdenken zu animieren: "Im Nachhinein die Barrierefreiheit zu schaffen ist teuer", sagt Peter Springborn, VdK-Landesgeschäftsführer: "Gerade wenn noch Denkmalschutz eine Rolle spielt, geht das richtig ins Geld. Wir wollen erreichen, dass die Barrierefreiheit in Zukunft von vorneherein mit bedacht wird. So entstehen zusätzliche Baukosten von lediglich fünf Prozent." Der Landesgeschäftsführer betont, dass es dabei nicht immer um Menschen im Rollstuhl geht. "Auch die älteren Menschen mit Rollator darf man nicht vergessen." Er ergänzt: "Gerade die Arztpraxen sind ein Problem. 80 Prozent der Praxen in Deutschland sind nicht barrierefrei und gerade die Patienten dort sind oft diejenigen, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind."

Nicht immer geht es um eine Bewegungseinschränkung: "Auch Seh- oder Hörbehinderte stehen oft vor Grenzen. Man muss gewährleisten, dass diese Menschen sicher die Straße überqueren können, zum Beispiel durch hörbare Ampeln oder mit ertastbaren Hilfen auf dem Boden." Das trage maßgeblich zur Selbstständigkeit der Betroffenen bei. Oft hakt es allerdings an diesen Stellen. Springborn berichtet sogar von einer sehbehinderten-gerechten Ampelanlage in Besseringen, die aus Kostengründen wieder abgebaut werden soll. "Sie verbrauche zu viel Strom", sagt der Landesgeschäftsführer. Der VdK setzt sich jetzt für die zwei Sehbehinderten ein, die diesen Rückbau beanstanden. "Wir versuchen in solchen Fällen direkt auf die Lokalpolitiker zuzugehen." Und so habe man Bürgermeister Marcus Hoffeld sofort auf die Situation in Besseringen angesprochen, als dieser am Morgen den Infostand am alten Rathaus besuchte. Er habe versichert, dass sich die Verkehrskommission mit diesem Fall noch einmal beschäftigen wird, lobt der Verband. Außerdem begleitete Hoffeld die engagierten Ehrenamtlichen bei einer Stadtbegehung. Dabei haben sich noch viele Baustellen gefunden, die verbesserungswürdig seien. "Einige Geschäfte sind nur über Stufen zu erreichen und vor allem an den Bushaltstellen mangelt es noch", sagt Scheuer.

Den wohl größten Markel in Sachen Barrierefreiheit in Merzig stellt der Hauptbahnhof dar. Vor den nagelneuen Aufzügen stehen noch immer die Bauzäune. Menschen mit Beeinträchtigung stehen hier vor einem Problem. Nur die Züge in Richtung Saarbrücken sind barrienlos zu erreichen, nicht aber die Gleise in Richtung Trier. "Bereits 2014 war Baubeginn. Vorgesehen war die Fertigstellung bis Februar 2016. Zwischenzeitlich wurde auf September verlängert, und weil er immer noch nicht fertig ist, vermuten wir, dass der Berliner Flughafen noch vor dem Hauptbahnhof Merzig fertig wird", sagt Kreisvorsitzender Scheuer und zeigt damit, dass man den Humor nicht verlieren darf.

40 Stufen an der Bushaltestelle

Nicht nur in Merzig wartet noch Arbeit. Günther Leuck, der Behinderten Beauftragte der Gemeinde Perl, berichtet von einer Situation in Perl-Besch: Die Bushaltestelle an der B419 sei zwar "niederflurgerecht" - so heißt es, wenn der Bussteig zum ebenerdigen Einsteigen erhöht wurde. "Um die Bushaltestelle zu verlassen, muss man aber circa 40 Stufen bewältigen", berichtet Leuck verständnislos.

Neben all den Problemen gibt es aber durchaus auch positive Beispiele. "Das alte Rathaus ist über eine Rampe zugänglich und hat sogar automatische Türen. Perfekt", loben die VdK-Vertreter. Auch einige Geschäfte in der Innenstadt sind schon über Rampen zu erreichen und haben breite Gänge, damit sich Kunden, die auf Hilfsmittel angewiesen sind, besser bewegen können. Die Tourist-Information hat sich etwas Besonderes einfallen lassen. Die Treppe kann aus Gründen des Denkmalschutzes nicht barrierefrei umgebaut werden. Dafür wurde aber ein Schild mit einer Klingel angebracht, über die bei Bedarf ein Mitarbeiter gerufen werden kann. "Ich habe das ausprobiert", sagt Scheuer. "Es hat keine zwei Minuten gedauert, da war jemand zur Stelle und hat gefragt, ob jemand Hilfe braucht."

Sein Kollege Springborn betont: "Uns geht es nicht um die Durchsetzung jeder Vorschrift. Wir möchten, dass die Menschen mit Behinderung am Leben teilnehmen können und mit ihrer Beeinträchtigung klarkommen. Mit einer Lösung wie an der Tourist-Information sind wir deshalb durchaus sehr zufrieden."

Es könnte alle treffen

Er macht klar, dass das Thema jeden etwas angeht: "96 Prozent der Behinderungen passieren im Laufe des Lebens, nicht schon von Geburt an also", warnt Springborn: "Es könnte uns somit alle betreffen." Marcel Thimmel, Rollstuhlfahrer aus Menningen ist an diesem Samstag mit dem Taxi zum Infostand gekommen, den Bus kann er nicht nehmen. Zwar gibt es keine 20 Meter von seinem Zuhause eine Haltestelle, diese ist aber viel zu niedrig. Ohne Hilfe kann er nicht einsteigen.

Einem Antrag auf Erhöhung der Bushaltestelle ist die Stadt nachgekommen. Allerdings wurde nicht die Haltestelle "Neue Welt" neben Thimmels Wohnhaus umgebaut, sondern die Bushaltestelle "Ortsmitte" 500 Meter weiter weg. Keine Hilfe für Thimmel, denn die Bushaltestelle "Ortsmitte" liegt an einem steilen Hang. Selbst mit Hilfe ist dieser Berg für ihn unüberwindbar. "Es gibt motorisierte Rollstühle und sogar einen motorisierten Zusatz für meinen Rollstuhl, aber das wird von den Krankenkassen oft abgelehnt", bedauert Thimmel. Alleine finanzieren kann der junge Mann, der schon seit früher Kindheit mit der Einschränkung zu kämpfen hat, das Hilfsmittel nicht. Dazu fehlt ihm ein Einkommen. "Da beißt sich die Katze in den Schwanz", bemängelt Gerlinde Koletzki-Rau, als Kreisvorsitzende von St.-Wendel zur Unterstützung der Merziger Kollegen angereist: "Ohne Einkommen kann man sich das Hilfsmittel nicht leisten, komm ich aber nicht von Zuhause weg, kann ich auch nicht für Einkommen sorgen." Nach wie vor ist der Rollstuhlfahrer also auf die Hilfe Anderer angewiesen.

Thimmel erzählt, dass die Busfahrer zwar verpflichtet seien, behinderte Menschen mitzunehmen und beim Einstieg zu unterstützen, er sei aber auch schon mal stehen gelassen worden. "Vermutlich aus Zeitgründen", sagt er achselzuckend.

Zum Thema:

Lösung gefunden trotz Denkmalschutzes. Über eine Klingel sind die Mitarbeiter der Merziger Tourist-Info trotz Treppe erreichbar und können helfen.
Bauzäune versperren noch immer die Aufzüge mim Merziger Bahnhof. Bis jetzt können Menschen mit Beeinträchtigung nur nach Saarbrücken fahren, aber nicht Richtung Trier.
Beispiel für Barrierefreiheit in der Fußgängerzone. Viele Geschäfte sind schon über Rampen zu erreichen.

Hintergrund Der VdK ist mit 1,75 Millionen Mitgliedern bundesweit der größte Sozialverband. Er vertritt Rentner, Menschen mit Behinderung, chronisch Kranke, Pflegebedürftige und deren Angehörige, Familien, ältere Arbeitnehmer und Arbeitslose in Sozialrecht und Sozialpolitik. Im Saarland hat der VdK mehr als 42 000 Mitglieder, im Kreis Merzig-Wadern 6000 Mitglieder. Die Abkürzung VdK bedeutete ursprünglich "Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner." Unter diesem Namen wurde der Verband 1947 gegründet, seine Arbeit war damals vor allem von der Situation der Kriegsopfer geprägt. Heute steht er allen Menschen offen. nid