Ein Leben in Langeweile

Rita Dibos gibt Brotdorfer Asylbewerbern ehrenamtlich einmal die Woche Deutschunterricht, da sie keinen offiziellen Kurs besuchen dürfen. Die Flüchtlinge sind zu einem Leben im Wartestand verdammt.

Einer fehlt. Normalerweise kommen immer alle zehn Flüchtlinge aus Syrien und Eritrea , die im ehemaligen Schwesternheim hinter der Kirche leben, zur wöchentlichen Stunde Deutschunterricht. Heute sind es aber nur neun. "Er ist müde", sagt einer der Flüchtlinge , Taha, über den fehlenden jungen Mann. Der liegt oben in seinem Zimmer und schläft. Sie schlafen hier alle sehr viel. Weil sie nichts zu tun haben. Die meisten von ihnen warten seit Monaten auf ihre Aufenthaltsgenehmigung, bis dahin dürfen sie nicht arbeiten, noch nicht einmal an einem offiziellen Sprachkurs dürfen sie teilnehmen. Es ist ein Leben in Langeweile. Also schlafen sie viel.

Der Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss des Heims, in dem der Kurs stattfindet, ist nicht sehr hell, draußen hängen dicke Winterwolken am Himmel und lassen wenig Tageslicht zu. An der Wand hängt ein Biedermeier-Regal, vor den Fenstern alte Gardinen. Das hier ist kein offizieller Sprachkurs, die Lehrerin, Rita Dibos, macht alles ehrenamtlich, arbeitet hauptberuflich als Deutschlehrerin an der Christian-Kretzschmar-Schule in Merzig. "Ich bin keine Kinder", liest Samri vor, das einzige Mädchen der Gruppe. Sie ist wirklich kein Kind mehr, alle hier sind zwischen 19 und 35 Jahren alt, aber sie hat das Verb verwechselt. "Ich habe keine Kinder", sagt die Lehrerin, "so heißt es richtig." Die Schüler haben einen Fragebogen ausgefüllt, auf dem sie persönliche Fragen beantworten sollten, die in einem Gespräch wichtig sind, etwa: Wie heißen Sie? Woher kommen Sie? Viele der jungen Leute brauchen Hilfe beim Ausfüllen, es dauert auch alles etwas länger. "Gurja", ruft Dibos einem jungen Mann zu, der eine halbe Stunde zuvor beim Begrüßungshandschlag die Hand gar nicht mehr hatte loslassen wollen und dabei bis über beide Ohren strahlte. "Gurja, ein bisschen schneller!"

Es läuft etwas schleppend, aber das ist auch gar kein Wunder. Sechs Flüchtlinge sind aus Eritrea und sprechen Tigrinya, eine Sprache mit einem ganz anderen Alphabet. Sie müssen erst einmal die deutschen Buchstaben lernen. Da haben es die Syrer, die arabisch sprechen und auch ein bisschen Englisch können, etwas leichter. Und dann ist der Unterricht ja auch nur einmal die Woche, jeweils rund eine Stunde. Ziel sei es daher, den Flüchtlingen "einen Bezug zur deutschen Sprache" zu vermitteln, sagt Dibos. Und das funktioniert durchaus. Irgendwann kommt draußen die Sonne raus, scheint auf die Tische, in die Gesichter, wärmt die Atmosphäre auf, es wird viel gelacht. Als es um das Konjugieren der Verben "haben" und "sein" geht, "ganz wichtige Wörter im Deutschen", betont Dibos, geht es schon flüssiger voran, "ich habe, du hast, er, sie, es hat", Basel konjugiert das flott durch.

Basel ist in der Sprache schon etwas weiter als die meisten anderen, denn er hat vor kurzem seine Aufenthaltsgenehmigung bekommen und darf jetzt deshalb ganz offiziell Deutsch lernen. Jeden Tag besucht er den Kurs, das macht sehr viel aus, er kann sich jetzt mehr als Teil der Gesellschaft fühlen. Die anderen sind ja praktisch isoliert. Eine Caritas-Mitarbeiterin für die Flüchtlinge gibt es, aber die hat so viele zu betreuen, dass sie niemanden so richtig betreuen kann. Wenn sich also Bürger wie Frau Dibos, oder eine Kollegin, die den ein oder anderen mal zum Einkaufen fährt, oder der resolute Hausmeister, der schon mal erklärt, wie es sich mit laufender Heizung und geöffneten Fenstern verhält - in Eritrea braucht es ja keine Heizung -, nicht freiwillig um die jungen Leute kümmern würden, würde es gar keiner tun, solange sie nicht offiziell als Flüchtlinge beziehungsweise Asylberechtigte anerkannt sind. Klar, sie alle sind selbstständig, brauchen zwar Hilfe beim Dolmetschen, fahren aber zum Beispiel alleine nach Lebach, zum Amt für Flüchtlinge , um Behördenkram zu erledigen. Aber bei aller Selbstständigkeit: Die einzige Aufgabe, die sie haben, ist zu warten.

Eine absurde Tragik hat diese Warterei im Fall von Taha angenommen. Taha ist 32, aus dem syrischen Aleppo - einer besonders heftig umkämpften Stadt -, er ist ausgebildeter Arzt und spricht sehr ordentlich deutsch, das hat er schon in Syrien im Goethe-Institut gelernt. Aber Taha läuft Gefahr, abgeschoben zu werden. Denn auf seiner Flucht nach Deutschland, die vier Monate dauerte - eine ganze Woche lang musste er in einem Wald schlafen -, ist er in Ungarn von der Polizei aufgegriffen worden. Fingerabdrücke wurden genommen, schon war er im System drin. Er hat es zwar weiter nach Deutschland geschafft, ist in Brotdorf angekommen, aber die europäische Vereinbarung ist: Das Land, in dem ein Flüchtling zuerst aufschlägt, muss ihn auch aufnehmen. Taha muss also zurück nach Ungarn. Ein Arzt, der deutsch spricht. Aber es gibt Hoffnung: Mit Hilfe mehrerer Bürger hat es die Angelegenheit vor die Härtefallkommission geschafft, die bald entscheiden wird. Bis dahin heißt es: warten, und das in dieser belastenden Ungewissheit. Bis das entschieden ist, gibt es auch keine Chance, seine Frau und sein Kind herzuholen, die noch in Syrien sind.

Mehr Kontakt zur Bevölkerung würde den Flüchtlingen helfen. Rita Dibos und einige andere sind da auch sehr bemüht, der örtliche Fußballverein hat die Jungs aus Eritrea zum Beispiel eingeladen und ausgerüstet. Und die Flüchtlinge selbst gehen ganz offen und freundlich auf einen zu. "Kontakt zu jüngeren Leuten würde ihnen guttun", meint Dibos, Leute in deren Altersklasse, zwischen 20 und 30. Um ihnen mal ein einigermaßen normales gesellschaftliches Leben zu ermöglichen. Mal zusammen einen Kaffee trinken gehen. Zum Einkaufen mitnehmen. In die Kneipe vielleicht. Zu Veranstaltungen. Kleinigkeiten eben. Damit die jungen Flüchtlinge nicht den ganzen Tag verschlafen müssen.

Wer Lust hat, mal Kontakt aufzunehmen, kann sich bei Rita Dibos melden: Unter Telefon (01 73) 2 31 12 26 oder per E-Mail: rdibos@web.de.