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Rundgang durch Merzig: Ein Leben auf Sparflamme

Kostenpflichtiger Inhalt: Rundgang durch Merzig : Ein Leben auf Sparflamme

Die Auswirkungen des Corona-Virus entschleunigt das öffentliche Leben der Bevölkerung in Merzig zusehends.

Ein Mann sitzt mit seinem Hund in der Merziger Fußgängerzone auf einer Bank und ruht sich aus. Eine Frau marschiert mit schnellem Schritt, ein Baguette unter ihren Arm geklemmt, an ihm vorbei, ein anderer trägt einen Beutel Toilettenpapier über der Schulter, ein älteres Pärchen schiebt Fahrräder durch die Stadt. Auch wenn das Leben in der Kreisstadt deutlich sichtbar auf Sparflamme läuft, so ist es doch nicht gänzlich zum Erliegen gekommen. Lebensmitteleinkäufe können erledigt, Rezepte in der Apotheke eingelöst, Zeitschriften gekauft, der Döner um die Ecke gegessen werden. Ein Rundgang durch die Merziger Innenstadt zeigt, dass die Menschen sich nicht in die Knie zwingen lassen, auch wenn sich der Alltag  deutlich verändert, vor allem aber verlangsamt hat.

„Bitte benutzen Sie unseren Online-Shop“, „Wegen der aktuellen Corona-Krise haben wir für Kundschaft bis auf Weiteres geschlossen“, „Bitte Abstand halten“, „In dringenden Fällen klingeln Sie bitte“, „Ihre Schuhe können Sie im Internet bestellen“. So oder so ähnlich steht es derzeit auf vielen Schildern, Info-Blättern und an Eingangstüren in der Merziger Innenstadt geschrieben. Einige Geschäfte  – wie die Merziger Waffle-Brothers – haben einen Liefer- und Abholservice eingerichtet. Einige der Gäste saßen bei milden Frühlingstemperaturen an Tischen vor der Tür. Ddie meisten anderen Läden, die keine Ware des täglichen und notwendigen Bedarfs haben, mussten ihre Türen schließen. Reiseanbieter, Boutiquen, Schuhgeschäfte, Juweliere, Kosmetikstudios und Versicherungen mussten allesamt ihren Betrieb einstellen.

Sogar der Spielplatz im Stadtpark, auf dem sich sonst Kinder ausgelassen tummeln und miteinander spielen oder raufen, ist abgesperrt und verwaist. Hier haben die Krähen die Führung übernommen und geben lautstark den Ton an. Nur zwei Radfahrer, die einen Zwischenstopp zum Desinfizieren ihrer Hände einlegen und zwei junge Männern, die sich verwundert über den abgesperrten Spielplatz unterhalten, bringen vereinzelt Leben in den ansonsten menschenleeren Park.

Die Menschen, die sich in der Fußgängerzone noch einander annähern, kennen nur ein einziges, alles beherrschendes Thema: Corona hört der Merziger allen Ortens, die Menschen machen sich Sorgen, beim Abschied heißt es nicht mehr „bis bald“, sondern „bleib gesund“. Die Menschen sind vorsichtiger geworden, überall zu beobachten sind nun Passanten, die sich nicht mehr die Hände schütteln, die auf Abstand zueinander gehen, zwei, drei Meter voneinander entfernt ins Gespräch kommen, die Handschuhe tragen und in die Armbeugen husten. Hin und wieder sieht der Merziger auch einen Passanten, der aus Verwunderung über die außergewöhnliche Situation, ein Andenkenfoto einer menschenleeren Fußgängerzone oder eines der zahlreichen Hinweisschilder schießt. Wieder andere wollen sich die Freude über die  ersten Frühlingstage durch Corona nicht verderben lassen und genießen bei einem Eis an den Tischen vor dem Eiscafé Giannetti die wärmende Sonne.

Auch in den Geschäften, die weiter geöffnet bleiben, ist nichts mehr wie zuvor. Bei Bock&Seip dürfen Kunden ab Mittwoch nur noch den vorderen Teil des Geschäftes betreten, ein rot-weißes Absperrband mit der Aufschrift „Tatort“ versperrt den Weg zum Großteil des Ladens: „Das Ordnungsamt genehmigt uns nur den Zeitschriftenbereich für unsere Kundschaft offenzuhalten“, sagt Geschäftsführerin Hedi Minas, die bei unserem Besuch deutlich auf Abstand geht: „Wir haben die Order, zu jedem Kunden einen Sicherheitsabstand einzuhalten.“ Zwar könnten die Kunden auch andere Waren aus dem hinteren Teil des Ladens bekommen, diese müssten die Verkäufer dann aber holen.

Auch werde bei Bock&Seip jetzt verstärkt für den Online-Handel geworben. Dadurch, dass so viele Schüler nun zu Hause seien und sogar Schularbeiten machen müssten, laufe das Geschäft mit Büchern, Schulheften und anderen Büromaterialien nach wie vor ganz ordentlich, sagt Minas. Da aber niemand wisse, wie es in Zukunft weitergehe, hätten die Lieferanten nun erst einmal die Order erhalten, keine weitere Ware mehr zur Verfügung zu stellen.

Auch das Optikergeschäft „Helfen“ in Merzig gehört zu einer Branche, die weiter Kunden empfangen darf, sagt die Geschäftsleiterin Marion Britz: „In der Stadt ist allerdings fast gar nichts mehr los, die Leute haben spürbar Angst – da geht es mir genauso, ich mache mir große Sorgen, wie es weitergehen soll.“ Sie denke derzeit nur von Tag zu Tag, eine Hiobsbotschaft jage die nächste, was kommende Woche sein wird, das könne niemand wissen. Kundschaft besuche so gut wie keine mehr den Laden, wenn dann, nur aus medizinischen Gründen, wenn beispielsweise vom Arzt eine Prismenfolie für die Brille verschrieben wurde: „Wir versuchen dann auch Abstand zu halten, normalerweise arbeiten wir ja ganz nah an den Augen der Kunden, das ist zurzeit nicht möglich“, betont Britz und fügt hinzu: „Ich habe das Gefühl, dass die Realität derzeit einem Film ähnelt, so surreal empfinde ich die ganzen Entwicklungen der vergangenen Wochen.“

Bei Bock&Seip in Merzig wurde nur der vordere Bereich mit den Zeitschriften für die Kunden zugänglich gemacht. Ein Absperrband verhindert den Zutritt zu einem Großteil des Geschäfts. Foto: Daniel Bonenberger. Foto: Daniel Bonenberger
Die Spielgeräte im Merziger Stadtpark sind abgesperrt. Foto: Barbara Scherer

Da er Drogerieprodukte, Zeitschriften und Nahrungsmittel verkauft, darf der Inhaber des City-Kiosks, Hussein Abdurahman, seinen Laden offen lassen, auch wenn sich kaum noch ein Kunde in seinen Laden verirre: „Ich habe ein Schild aufgehängt, dass die Kunden Abstand zueinander halten sollen, da aber sowieso kaum jemand kommt, ist das Schild eigentlich überflüssig.“ Gegen Abend verirre sich niemand mehr in die Merziger Innenstadt, dann könne auch Abdurahman, der normalerweise bis 22 Uhr geöffnet hat, sein Geschäft schließen. Ob er das  mache, entscheide er allerdings spontan.