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Interview Anna Hahner
Ein Erfahrungsbericht für die Läuferseele

Anna (links) und Lisa Hahner bei einem Trainingslauf.
Anna (links) und Lisa Hahner bei einem Trainingslauf. FOTO: RUN2SKY.com
Merzig. Beim Literaturfestival in Merzig stellen Anna Hahner und ihre Schwester Lisa in dieser Woche ihr Buch „Time to Run“ vor.

Gute Schuhe, Körpergefühl und Visualisierung, so geht es für Läufer nach Olympia. Zumindest steht das so in Anna und Lisa Hahners Buch „Time to Run“. Anna Hahner wird das Buch mit dem Untertitel „Das Trainingsbuch für alle, die das Laufen lieben“ am Mittwoch, 19. September, beim siebten Saarländischen Literaturfestivals in Merzig vorstellen. Was von dem Buch zu erwarten ist und wieso Visualisierung für die Hahner-Zwillinge so wichtig ist, erzählte Anna Hahner der SZ vorab im Interview. Los geht es in Merzig in der Stadthalle um 18 Uhr. Der Eintritt kostet 15 Euro.


Im Eurem Buch „Time to Run“ steht, dass Ihr beide erst spät zum Laufsport gekommen seid. Wann war es denn so weit, dass das Laufen für Euch zum Hobby und letztendlich auch zum Beruf wurde?

Anna Hahner Wir waren damals bereits 17 Jahre alt und dass es das Laufen wurde, war reiner Zufall. Wir hatten in der Zeitung gelesen, dass Joey Kelly einen Vortrag in unserer Heimatstadt halten würde. Da mussten Lisa und ich als alteingesessene Kelly-Family-Fans natürlich hin. Er hielt einen Motivationsvortrag über seinen Extremsport: das Laufen.



Und dieser Vortrag war so überzeugend, dass Ihr sofort loslegen wolltet?

Hahner Ja, er sagte zum Beispiel: „Wenn ihr etwas tun wollt, dann fangt jetzt damit an.“ Und das nahmen wir uns nicht nur vor, sondern taten es einfach – direkt am nächsten Morgen. Es ging uns in erster Linie gar nicht ums Laufen. Wenn es ein Vortrag über Schach gewesen wäre, wären wir jetzt womöglich Schach-Profis.

Aber sportlich wart Ihr vor Joey Kellys Vortrag schon. Was war denn vorm Laufen Euer Hobby?

Hahner Ja, aktiv waren wir immer, schon als kleine Kinder. Das liegt vermutlich am Dorfleben, das wir in dem kleinen Ort Rimmels in Ost-Hessen, der nur 270 Einwohner zählt, seit jeher genießen. Wir haben Tischtennis gespielt oder Jiu Jitsu gemacht und saßen auch sonst nie ruhig zu Hause.

Aber bei diesem Sport bleibt es jetzt, oder was kommt als Nächstes?

Hahner Auf jeden Fall! Wir haben schnell gemerkt, dass Laufen irgendwie anders ist. Dass es voll unser Ding ist. Laufen ist kein Zeitvertreib für uns, sondern etwas, das wir sind.

Das Buch trägt den Untertitel: „Das Trainingstagebuch für alle, die das Laufen lieben“. Wie wichtig ist denn solch ein Trainingstagebuch, wie man es beispielhaft in „Time to Run“ findet?

Hahner Ein Trainingstagebuch ist eine riesige Motivation. Man dokumentiert seine Erfolge darin und sieht sie schwarz auf weiß. Man sollte auch eintragen, was man schaffen will, und die Ziele hinterher abhaken. Das gibt einem ein gutes Gefühl. Wenn man etwas nicht machen würde, müsste man es durchstreichen und dafür ist die Hemmschwelle meist zu groß. Man wäre von sich selbst enttäuscht und das hilft dabei, den eigenen Schweinehund zu überwinden.

Im Buch steht sehr viel über Visualisierung. Ist das das Geheimrezept zum Erreichen Deiner Ziele?

Hahner Definitiv. Es ist das Wichtigste, sich vorzustellen, wie sich der Erfolg anfühlt. Die meisten machen das automatisch, wenn auch unbewusst. Es ist oft Motivation genug, daran zu denken, wie es sich anfühlt über die Ziellinie zu laufen, um sie tatsächlich zu überqueren. Es führt einem ein klares Bild vor Augen, und das kann Wunder bewirken.

Wolltest Du direkt zu den Olympischen Spielen, oder was war dein erstes klares Ziel im Laufsport?

Hahner Am Anfang wollte ich einfach nur laufen. Am Geburtstag meiner Patentante dann nahmen Lisa und ich uns zum Spaß vor, einfach nach Hause zu laufen. Das sind 17 Kilometer und die schafften wir. Dann kam schon das Ziel, einmal einen Marathon mitzulaufen. Und das nicht nur irgendwie, sondern schnell. Das erste richtig große Ziel war dann die Teilnahme an den Olympischen Spielen, dazwischen lagen neun Jahre und unzählige Kilometer sowie Trainingsstunden. Daran haben wir ab dem Zeitpunkt auch jeden Morgen beim Aufwachen und jeden Abend beim Zubettgehen gedacht und es visualisiert.

Es gab aber auch Rückschläge auf deinem Weg zum Ziel. Du schreibst beispielsweise über deinen ersten Marathonlauf im April 2012, bei dem Du die Qualifikationszeit für die Olympischen Spiele nur um Sekunden verpasst hast. Was denkst Du, woran das lag?

Hahner Es hat mir eigentlich nur gezeigt, wie gut Visualisierung funktioniert. Ich hatte bloß das falsche Ziel vor Augen. Ich hatte immer die Ziel-Zeit (2:30:00) vor mir auf der Uhr gesehen, hatte aber nicht mit einberechnet, dass ich diese erst sehen darf, wenn ich schon hinter der Ziellinie bin. Nun visualisiere ich immer, dass ich über die Schulter schaue und dann die passende Zeit erst sehe.

Doch Ziele erfordern Disziplin. In eurem Alltag gibt es einen strengen Zeitplan und jede Minute ist durchgetaktet. Geht dabei nicht die Spontaneität und somit auch eine gewisse Freiheit verloren?

Hahner Ja, aber irgendwie geht es ja allen so. Die meisten Menschen gehen auch zur Arbeit oder in die Schule und ein geregelter Ablauf gibt einem Struktur und Halt. Uns hilft es, dass der Tag strukturiert ist und dass uns nicht am Ende des Tages auffällt, dass wir etwas Wichtiges vergessen haben. Da hilft es einfach, an das große Ziel zu denken.

Wie viel Zeit hast Du am Tag zur freien Verfügung?

Hahner Nie und doch irgendwie immer. Man ist nie frei davon, Läuferin zu sein. Es ist nicht nur unser Beruf, sondern es ist eine Identität, Läuferin zu sein.

Durch den Sport seid Ihr für Trainingslager und Wettkämpfe in der ganzen Welt unterwegs. Hat man da überhaupt noch Lust, privat in Urlaub zu fahren?

Hahner Da wir beruflich viel unterwegs sind, ist es für uns entspannender, einfach mal zu Hause im gewohnten Umfeld zu bleiben – das ist Urlaub für uns. Urlaub beschränkt sich bei uns auf eine zweiwöchige Trainingsplan-Pause nach Wettkämpfen, in den zwei Wochen haben wir sozusagen „Urlaub“ vom Training.

Und fürs Training braucht man eine gute Ausrüstung. Oder?

Hahner Um loszulegen, ist ein Equipment nicht notwendig. Wichtig ist nur, dass man es überhaupt macht. Danach wäre das erste Soll ein guter Laufschuh, denn der beugt möglichen Überlastungen vor. Die Hauptmotivation, Sport zu treiben sollte dennoch sein, etwas für seine Gesundheit zu tun.

Wann hast Du erkannt, dass die richtige Ausrüstung unerlässlich ist?

Hahner Wir sind die ersten Wettkämpfe noch im Baumwollshirt gelaufen, bis wir praktischere Stoffe entdeckten. Und als wir einen Trainer bekamen, mussten wir unsere Zeiten stoppen. Also haben wir uns eine Sportuhr gekauft. Doch das kann auch eine gute Motivation sein. Frauen freuen sich, wenn sie ihr neues Outfit tragen können.

Ernährung ist ein sehr wichtiges Thema im Sport. In Eurem Buch gibt es über Eure Erfahrungen hinaus auch Rezepte und Tipps zur sportlichen Ernährung. Was gilt es dabei besonders zu beachten?

Hahner Das Wichtigste ist es, auf seinen Körper zu hören. Wenn man ein gutes Körpergefühl entwickelt, sagt der Körper einem, was er gerade braucht. Das ist bei jedem Menschen verschieden. Klar: Jeder sollte sich ausgewogen ernähren, frische Zutaten verwenden und keine Fertigprodukte essen. Doch man kann den Körper ganz leicht durch Ernährung unterstützen, von innen heraus gesund zu bleiben.

Und wieso hattet Ihr das Bedürfnis, das alles in einem Buch zu veröffentlichen?

Hahner Wir hatten anfangs selbst sehr viele Fragen zum Laufen. Und genau diese wollten wir in ein Buch packen, um den Leuten die Hemmung zu nehmen einfach loszulaufen. Denn man kann nichts falsch machen und das wollten wir euch vermitteln.

Die Fragen stellte Ann-Sophie Willeitner.

Eintrittskarten zu dieser Lesung gibt es in allen Ticket-Regional-Vorverkaufsstellen, im Ticketbüro des Kreiskulturzentrums Villa Fuchs in der Stadthalle und unter Tel. (0  68  61) 9  36  70.