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Radsport
„Die wohl schwierigste Etappe der Tour“

Der Gipfel: Wenn das Feld am Samstag an der Kreuzbergkapelle in Merzig angekommen ist, geht’s nur noch abwärts. Das Bild entstand bei der Vorabfahrt.
Der Gipfel: Wenn das Feld am Samstag an der Kreuzbergkapelle in Merzig angekommen ist, geht’s nur noch abwärts. Das Bild entstand bei der Vorabfahrt. FOTO: Schnapka
Merzig. Die Deutschland-Tour ist zurück. Beim Comeback nach zehnjähriger Pause macht der Radrenn-Klassiker am kommenden Samstag auch im Saarland Station. Zielort der 3. Etappe ist Merzig. Der Weg dorthin fordert den Stars einiges ab. Von Roland Schmidt

Ein ganzes Jahrzehnt lang drehte sich kein Kettenblatt, kein Ritzel rotierte. 2018 wurde die Deutschland-Tour nun wiederbelebt, am Samstag schlägt das Herz des Radrenn-Klassikers in Merzig, wo die 3. Etappe enden wird. Deutsche und internationale Profi-Fahrer fiebern dem Comeback entgegen. Ein Radsport-Event auf Weltklasse-Niveau, das hat es in der Kreisstadt noch nie gegeben.


 Die Herzen der saarländischen Sportfans und der Fahrer werden schneller schlagen. Mein Herz rast heute schon. Es pumpt gerade wie wild, als wir am Merziger Kreuzberg im Peloton die Josefkapelle passieren. Mit rund 70 Fahrern sind wir auf der Vorab-Ausfahrt der Deutschland-Tour unterwegs. Zur knackigen Schlussrunde, die von der Welt-Elite zwei Mal geknackt werden muss, gehörten auch die Bergwertungen in Nohn und Mettlach. Die haben wir schon hinter uns gebracht. Beim dritten Anstieg heißt es nun auf 2,4 Kilometern letztmals die Waden zu quälen und auf die Zähne zu beißen.

 „Die Profis schießen hier doppelt so schnell hoch. Insgesamt fahren die wohl einen 40er-Schnitt“, erzählt mir mein Nebenmann Alexander Boos – und wirkt ganz entspannt. Nette Info, aber in meiner Situation wenig motivierend. Mein kleinster Gang ist längst drin. Ich kraxle. Der Elite-Fahrer vom Verein „Weiße Wölfe Merzig“ hat auf seiner Kette dagegen noch Optionen offen, zieht sie aber nicht. Beneidenswert.



Boos ist einer unserer Tour-Guides, die Tipps geben und auf den Verkehr achten. Fahrer von Tri-Sport Saar-Hochwald kurbeln ebenfalls munter mit und natürlich die Bundesliga-Fahrer von Bike Aid, dem Partner der Stadt Merzig bei der Deutschland-Tour, deren 3. Etappe in Trier startet und nach 177 Kilometern in Merzig enden wird.

Rund 3000 Höhenmeter stecken die Cracks beim Finish in der Trierer Straße in den Beinen. Wir kommen heute auf 700 Höhenmeter – immerhin. „Das ist bei einer Strecke von 40 Kilometern sehr ordentlich“, betont Matthias Schnapka von Bike Aid, der unsere Ausfahrt mit dem Service-Fahrzeug begleitet. Fast wäre sein Bundesliga-Team beim Rennen dabei gewesen. Der Veranstalter ASO (Amaury Sport Organisation), der auch die Tour de France organsiert, hatte dem international erfolgreichsten Continental-Team die Teilnahme in Aussicht gestellt. Somit waren Schnapka und Co. bei ihrer Kooperation mit der Stadt Merzig quasi doppelt motiviert. Umso frustrierender war die überraschende Absage. „Wir haben uns ins Zeug gelegt. Bei der endgültigen Nominierung der 22 Mannschaften hat uns die ASO aber aussortiert. Das ist für uns eine riesige Enttäuschung“, seufzt Schnapka.

Das Benefizprojekt seines Vereins zur Tour liegt ihm weiterhin am Herzen. „Wir haben mit der Stadt ein Sonder-Trikot kreiert. Der Gewinn wird an soziale Projekte in der Umgebung gespendet“, erzählt Schnapka. Beim Blick in die Runde stelle ich fest, dass sich viele Mitfahrer schon eingedeckt haben. Auch Marcus Hoffeld. Die Strecke sei anspruchsvoll und landschaftlich ein Erlebnis, findet Merzigs Bürgermeister. „Viele reisen in die Ferne und sehen nicht, wie schön unsere Region ist“, schnauft Hoffeld beim Halt vor der Kaserne auf der Ell, kurz nach dem letzten Anstieg.

Heute keuchten wir den Kreuzberg hoch und durften Deutschland-Tour-Luft schnuppern. In wenigen Tagen wird am wohl atmosphärischten Zuschauer-Spot die Luft brennen. Nach der flachen Startphase entlang der Mosel, der Sprintwertung in Dillingen, dem Abstecher auf den Gau bei Rehlingen und zwei hügeligen Runden um die Saarschleife könnte die 9,5 Kilometer lange Zielrunde in der Merziger Innenstadt die Entscheidung bringen. Aber nicht die Sprinter-Stars Marcel Kittel oder André Greipel sehen die Experten an der Josefkappelle vorn. „Der deutsche Meister Pascal Ackermann hat beste Chancen – auf den Etappen- und Gesamtsieg“, tippt Mit-Radler Stefan Thome. Zustimmung erhält der Vorsitzende vom RV Möve Schmelz auch von Alex Boos und Matthias Schnapka. Der 24 Jahre alte Youngster könnte es den Weltklasse-Sprintern auf der steilen Kreuzberg-Rampe zeigen und sich kurz vor Schluss vom Feld absetzen. „Die Etappe wird extrem umkämpft und von Attacken geprägt sein. Es ist die vermutlich relevanteste und schwierigste Etappe“, schwärmt Schnapka, für den ein Gewinner bereits feststeht: „Die Zuschauer. Sie werden tollen Radrennsport erleben.“

Auf Tour-Testfahrt: Rund 70 Fahrer nahmen schon mal die Schlussrunde der Tour-Etappe unter die Räder.
Auf Tour-Testfahrt: Rund 70 Fahrer nahmen schon mal die Schlussrunde der Tour-Etappe unter die Räder. FOTO: Ruppenthal