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Tafel
„Die Tafel ist eine Komm-Einrichtung“

Im Kreis Merzig-Wadern gibt es zwei Tafel-Einrichtungen, in Merzig und in Wadern. Die Tafel in der Kreisstadt versorgt etwa 450 Kunden.
Im Kreis Merzig-Wadern gibt es zwei Tafel-Einrichtungen, in Merzig und in Wadern. Die Tafel in der Kreisstadt versorgt etwa 450 Kunden. FOTO: dpa / Roland Weihrauch
Merzig. Die Tafeln als soziale Einrichtung sind aktuell in Deutschland stark in der Diskussion. Wie läuft der Alltag in der Merziger Tafel? Die SZ war vor Ort. Von Barbara Scherer

Vor der Tür der Merziger Tafel hat sich eine kleine Schlange gebildet. Es ist Montag, kurz vor 15 Uhr, und die ersten Menschen warten darauf, dass die Ausgabe der Lebensmittel beginnt. Einige Augenblicke darauf setzt sich die Schlange in Bewegung und die ersten Kunden des Tages betreten die Räume der Tafel. Dort warten bereits viele fleißige Helfer mit blauen Tafel-Schürzen, die die Waren in den Regalen an die Kunden ausgeben.


Alles geht sehr geordnet zu: Dank eines Nummernsystems (siehe Infokasten) wissen die Kunden, wann sie ungefähr erscheinen sollen. Die Menge ist bunt gemischt: Männer und Frauen, Rentner und junge Eltern, Deutsche und Migranten. Behandelt werden alle gleich. Nach einem Verteilungsschlüssel erhalten die Kunden Obst und Gemüse, Backwaren, Milchprodukte und haltbare Waren. An diesem Montag gehören dazu Süßigkeiten, Konserven, Nudeln und Dinge wie Mehl, Zucker oder auch Backmischungen. Susanne Theobald verteilt die haltbaren Sachen an die Kunden. Aus dem Angebot dürfen sie teilweise auswählen – manche wollen lieber Dosengemüse, andere Spaghetti. Ein Teetrinker freut sich, dass Kandiszucker im Angebot ist. Ein Kind hält glücklich die Tafel Schokolade in der Hand, die Theobald ihm gegeben hat.

Neben den haltbaren Sachen gibt es heute Mineralwasser. Für einen Kasten müssen die Kunden drei Euro bezahlen – das Pfand. Nur wenige nehmen dieses Angebot an: Viele haben die drei Euro nicht dabei, andere trinken kein Wasser mit Kohlensäure. Oder sie haben keine Möglichkeit, den schweren Kasten nach Hause zu transportieren. „Die Tafel ist eine Komm-Einrichtung“, erläutert Frank Paqué von der evangelischen Kirchengemeinde, die die Tafel in Merzig betreibt. Die Menschen müssen also kommen und die Waren abholen. „Das sehe ich als eine Schwäche der Tafel an“, meint er. Denn viele Menschen hätten keine Möglichkeit, überhaupt zu der Einrichtung zu gelangen.

Doch viele sind an diesem Montag gekommen und viele nutzen ihre Anwesenheit nicht nur, um Lebensmittel abzuholen. Sie sprechen miteinander und mit den Ehrenamtlichen, die die Ware verteilen. Man merkt, dass viele sich schon gut kennen. Warum die Tochter nicht dabei sei, fragt Johanna Theobald eine der Kundinnen. Johanna ist die Tochter von Susanne Theobald und macht gerade ihr Freiwilliges Soziales Jahr bei der evangelischen Kirchengemeinde. Dazu gehört montags und freitags der Dienst bei der Tafel. Den kannte die 20-Jährige aber schon vorher – durch ein Praktikum und als freiwillige Helferin.

Für die Ehrenamtlichen beginnt der Dienst nicht erst um 15 Uhr mit der Ausgabe der Waren, sondern schon am Vormittag. Mit mehreren Autos holen sie die Waren bei Supermärkten, Bäckern und Metzgern der Umgebung ab. Dann wird gezählt und sortiert, um festlegen zu können, wie viel pro Person beziehungsweise Haushalt ausgegeben werden kann. „Heute ist das Angebot sehr umfangreich“, meint Johanna Theobald. Sie kümmert sich um die Ausgabe des Obstes. Auf einem Zettel steht, wie viel sie pro Haushalt und wie viel pro Person ausgeben darf. Teilweise ist vorgeschrieben, was es gibt, teilweise können die Leute wählen – zum Beispiel, ob sie lieber Erdbeeren, Himbeeren oder doch Avocado möchten.



Neben haltbaren Waren und Obst gibt es für jeden Kunden Gemüse, Milchprodukte und Brot. Außerdem verteilt Adelheid Pauly an der letzten Station des Rundgangs Tulpen. Wie alle Mitarbeiter plaudert sie mit den Kunden, lächelt, geht freundlich mit allen um. Dass einige der Kunden nur wenig Deutsch sprechen, ist für sie kein großes Problem. „Ich erkläre dann mit Händen und Füßen“, lacht Pauly. Johanna Theobald kennt die Namen einiger Produkte schon auf Arabisch und behilft sich damit. Eine Freundin habe ihr ein wenig von dieser Sprache beigebracht, sagt sie. Komplexere Sachverhalte, wie das Pfand bei den Mineralwasserkästen, erklärt ein arabischsprachiger Mitarbeiter.

Mit prall gefüllten Einkaufstaschen verlassen die Kunden die Tafel. Ganz umsonst bekommen sie die Waren aber nicht: 1,50 Euro kostet der Mindestbeitrag pro Portion, erläutert Paqué. Ganz nach dem Motto: Jeder gibt, was er kann. „Ich bin der Meinung, dass das jeder Kunde leisten kann“, erläutert er. Für die Deckung der Kosten – beispielsweise für Strom, Miete und Entsorgung – reiche der Beitrag aber nicht aus, betont er. Hier ist die Tafel auf Spenden angewiesen.

Dabei bekommt sie auch Unterstützung von der Stadt Merzig. „Wir machen zum Beispiel Verkaufsaktionen zugunsten der Tafel“, erläutert Bürgermeister Marcus Hoffeld. Die Wege zwischen Tafel und Rathaus seien zudem kurz, betont er. Besonderes Lob findet er für die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer, die sich zusammen mit Frank Paqué jede Woche aufs Neue engagieren: „Es ist phänomenal, was hier geleistet wird.“ Der Organisationsgrad sei verhältnismäßig gering, erläutert Paqué, doch die Struktur hoch. Die Kunden würden alle im PC erfasst und es werde zudem darauf geachtet, wer regelmäßig komme. Wer grundlos nicht erscheine, werde aus der Kundschaft entlassen – genauso wie diejenigen, die sich respektlos gegenüber den Mitarbeitern verhalten.

„Wir sind wirklich bemüht und haben als evangelische Kirchengemeinde einen besonderen Anspruch“, betont er. Und die freundliche Atmosphäre vor Ort scheint zu bestätigen, dass sein System funktioniert.  „Es ist anstrengend, aber es macht auch total Spaß“, findet Johanna Theobald, und Adelheid Pauly lacht: „Ich könnte hier den ganzen Tag stehen.“

Frank Paqué.
Frank Paqué. FOTO: SZ / MATTHIAS HARLOFF