1. Saarland
  2. Merzig-Wadern
  3. Merzig

Der Sänger, Liedermacher und Autor Heinz Rudolf Kunze im SZ-Interview

Liedermacher Heinz Rudolf Kunze im SZ-Interview : „Es hat sich in Deutschland nichts geändert“

Am Dienstag gastiert der Künstler in Merzig – nicht als Musiker, sondern als Schriftsteller.

Bereits seit 40 Jahren steht Heinz Rudolf Kunze auf der Bühne. Der Rocksänger, Liedermacher und Schriftsteller liest am kommenden Dienstag, 24. August, ab 19.30 Uhr in der Stadthalle in Merzig aus seinem aktuellen Buch „Wenn man vom Teufel spricht“. Im SZ-Interview spricht der 64-Jährige davon, warum er nun eine Autobiografie geschrieben hat, wie er die aktuelle politische Lage im Land einschätzt und warum ein Auftritt in Merzig ihm besonders in Erinnerung geblieben ist.

Worum geht es in Ihrem Buch „Wenn man vom Teufel spricht“ und was erwartet die Zuhörer bei der Lesung?

KUNZE Die Zuhörer erwartet eine Mischung aus Harald Schmidt Show und Bruce Springsteen – Solo live am Broadway, würde ich sagen. Lauter kleine Parabeln, Gleichnisse, Kurztexte, zum Teil gereimt, meistens ungereimt. Über schlichtweg alles, was mir durch den Kopf geht und kein Lied werden will. Ich mache ja auch Solo-Konzerte, mit denen ich auch schon im Saarland war, letztes Jahr etwa in Blieskastel in einem Autokino. Aber bei der Lesung in Merzig bekommt man das, was auf dem Plakat draufsteht – es steht Lesung drauf und es ist Lesung drin. Diese Lese-Tour ist durch die Pandemie im vergangenen Jahr ausgefallen und wir holen jetzt einige Termine nach.

Interessant ist dabei, dass Merzig in meiner Karriere den absoluten Beifall-Rekord hält. Ich habe vor vielen Jahren, irgendwann in den 90ern, schon einmal in der Stadthalle Merzig gespielt. Und da haben die Menschen eine Viertelstunde lang applaudiert, auch als schon alle Geräte von der Bühne abgebaut waren, das ist Weltrekord. Das habe ich noch nirgendwo anders erlebt, da ist Merzig die Nummer eins.

Im Oktober soll ihr neuestes Buch, „Werdegang“, erscheinen, Ihre erste Autobiografie. Warum haben Sie sich jetzt dazu entschieden, ihr Leben aufzuschreiben?

KUNZE Mein Management und der Verlag fanden die Idee super und herausgekommen ist dabei – zu meiner großen Überraschung und unter großer tätiger Mithilfe meines Freundes und Autor Oliver Kobold – ein Buch, das ich so gar nicht erwartet hätte. Das hat tatsächlich Roman-Qualitäten. Es ist doch mehr passiert in meinem Leben, als ich gedacht hatte. Ich hatte gedacht, wen soll das schon groß interessieren, was ich mache? Ich habe doch gar nicht so viel erlebt, ich habe doch die meiste Zeit mit Arbeiten und Schreiben und Komponieren verbracht, hatte ich gedacht. Aber es ist doch eine Menge passiert. Und man könnte fast meinen, dieser Heinz Rudolf Kunze, der dort beschrieben wird, könnte auch eine erfundene Person sein.

War das Jubiläum 40 Jahre auf der Bühne ein Anlass für diesen Blick auf Ihr Leben?

KUNZE Ja logisch. Da wird es höchste Zeit für eine Autobiografie und ein Best-of-Album, auf dem ich 24 Titel aus meiner langen Vergangenheit neu eingespielt habe. Es wird auch gerade noch eine Dokumentation über mich fürs Fernsehen gedreht. Ich habe durch die Corona-Pandemie natürlich viel mehr Zeit zu Hause verbracht, als geplant war. Dadurch habe ich am Schreibtisch Unmengen neuer Texte fabriziert. Die meisten davon sind zwar Songtexte, aber es sind doch viele Hundert geworden in den letzten zwei Jahren. Da könnte man jetzt schon ohne Mühe ein neues Buch zusammenstellen. Aber jetzt bin ich erst einmal gespannt, wie die Menschen mein Leben in seinen Einzelheiten so finden.

Wie bewerten Sie die Situation mit der Corona-Pandemie aktuell, gerade mit Blick auf die Lage der Kulturschaffenden?

KUNZE Es hat sich wieder mal gezeigt, dass sich in Deutschland nichts geändert hat. Ich war vor Jahren in einer Kommission Kultur im Bundestag als Sachverständiger. Damals schon haben wir festgestellt, dass Kultur der Bereich ist, wo am ehesten gekürzt, verhindert, niedergemacht wird, weil Kultur die schwächste Lobby hat. Es ist beschämend, wie wenig die Verantwortlichen sich um unsere Sorgen gekümmert haben. Ich will die anderen Sorgen von Pflegern oder Ärzten nicht kleinreden, aber wir sind ganz schön vergessen worden. Es ist eigentlich völlig unverständlich, weil wir eine riesengroße Industrie sind. Es arbeiten unglaublich viele Menschen in der Kulturindustrie oder sind von ihr abhängig. Wenn wir Arbeit haben, dann zahlen wir auch ein enormes Ausmaß an Steuern. Also uns dermaßen stiefmütterlich zu behandeln, ist schon ein Skandal. Ich will gar nicht über den medizinischen Sinn der Abstandsregeln diskutieren, ich bin kein Fachmann. Aber wenn es so ist, dass man zum Beispiel in Kirchen auftreten darf, und die Leute sitzen Meter weit voneinander weg. Aber draußen vor der Kirche sitzen die Leute sich gegenseitig auf dem Schoß ohne Maske. Da fragt man sich schon, ob man im Irrenhaus ist.

Was sagen Sie zur aktuellen politischen Lage, gerade auch mit Blick auf Afghanistan?

KUNZE Die politische Lage in diesem Land ist erbärmlich. Ich lebe nun schon lange auch als bewusst Wählender, ich bin 64 Jahre alt, und ein so trostloses Angebot an Kanzlerkandidaten wie dieses Mal habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt.

Das, was wir hier mit Afghanistan gerade wieder erleben, ist einfach eine unglaubliche Schande, eine Bankrotterklärung der westlichen Welt. Die Menschen, die sich dort auf uns verlassen haben, die mit uns zusammengearbeitet haben, so im Stich zu lassen. Und was unser Außenminister da von sich gibt, er würde nochmal so entscheiden, das ist eine Ohrfeige für alle tapferen, anständigen Männer und vor allen Dingen Frauen in diesem Land. Es ist unglaublich so eine Aussage. Und ich schäme mich einfach nur dafür, dass diese Menschen so im Stich gelassen werden. Ich kenne diese Bilder noch aus meiner Jugendzeit, als Saigon von den Amis geräumt wurde und die Menschen verzweifelt an den Hubschraubern hochgesprungen sind, um mitgenommen zu werden. Es ist eine unglaubliche Bankrotterklärung westlicher Strategie.

Heinz Rudolf Kunze tritt am Dienstag, 24. August, in der Stadthalle in Merzig auf. Beginn ist um 19.30 Uhr. Karten gibt es zum Preis von 20 Euro im Villa-Fuchs-Ticket-Büro in der Stadthalle und in allen geöffneten Ticket-Regional-Vorverkaufsstellen oder online. Weitere Infos gibt es unter Tel. (0 68 61) 9 36 70.

www.ticket-regional.de

www.villa-fuchs.de