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Mechern
Der Gipsstollen wird 1944 zur Zuflucht für viele Zivilisten

Diese Felsnase im Wald nahe dem Ort kann zur Orientierung der Lage des inzwischen verschütteten Stolleneingangs der Gipsgrube Mechern dienen.
Diese Felsnase im Wald nahe dem Ort kann zur Orientierung der Lage des inzwischen verschütteten Stolleneingangs der Gipsgrube Mechern dienen. FOTO: Stefan Siebenborn
Die Firma Knauf prüft, ob sich Gipsabbau in Merzig lohnen könnte (wir berichteten). Der Abbau des Baustoffs hat in Merzig Tradition. Die Geschichte der Gipsgrube Mechern, besser bekannt als „Gipskaul“, kann in drei Zeitabschnitte eingeordnet werden. Die erste Abbauphase beginnt Ende 1897 und endet kurz vor dem Ersten Weltkrieg. 1919 wird zum zweiten Mal der Betrieb für kaum fünf Jahre aufgenommen. Zwischen 1924 und 1936 ruht der Abbau. Im Herbst 1935 übernehmen die Gebrüder Knauf den Betrieb. Erst mit der vollständigen Ausbeutung der Gipslager kommt im Frühjahr 1955 die endgültige Stilllegung der Gipsgrube „Auf Kappen“. Teil zehn: der Wiederaufbau nach dem Krieg.


Bis Ende September 1945 ruht der Gipsabbau. Die Arbeiter, die noch 1944 in der Grube arbeiteten, sind in alle Winde verstreut. Als die ersten aus Britten zurückkehren, wird mit den Aufräumarbeiten begonnen. Wie bei der ersten Evakuierung müssen die Anlagen wieder vervollständigt werden. Die Gleisanlagen des Bremsberges und die Bunkeranlage sind beim Vorrücken der amerikanischen Truppen von deren Panzern stark beschädigt worden. Auch die Benutzung der Grube in den letzten Kriegstagen als Luftschutzstollen hat Spuren hinterlassen.

Um die zweite Evakuierung zu umgehen, suchen zwischen 500 und 600 Zivilpersonen Mitte November 1944 für sechs Tage mit dem Notwendigsten im Gipsstollen Zuflucht. Sie wollen dort das Vorrüberziehen der Front abzuwarten. Neben zahlreichen Mechernern kommt ein Teil der Anwohner aus Fremersdorf und Hilbringen. Kinder, Mütter und die Alten lassen sich etwa 250 Meter tief in dem schwach ausgeleuchteten Bergwerk nieder. Tagsüber verlassen viele die ungemütliche und feuchte Unterkunft, um zuhause das Vieh zu füttern und eine warme Mahlzeit zu kochen. Von den starken Regenfällen ist das gesamte Grubengelände aufgeweicht und verschlammt. Die Kinder müssen zum Eingang getragen werden. Selbst Erwachsene bleiben in dem Morast stecken und kommen nur mit Hilfe frei. Mit Wagen bringen die Leute ständig neues Bergegut zur Verladeanlage. Mit den Loren wird es zum Stollen gezogen.



Während des schweren Luftangriffs auf Merzig am 19. November 1944 fällt der Strom aus, so dass die Haspelanlage stillsteht und die Sachen zu Fuß nach oben gebracht werden müssen. Auf dem Plateau vor dem Stollenmund Richtung Mondorf stehen zwei Panzer, einer davon mit Vierlings-Flak, der die amerikanischen Flugzeuge beschießt. Hier neben einer kleinen Bretterbude, die in der Anfangszeit als Büro diente, beobachten einige Mecherner darunter Thekla Horf, wie die anfliegenden Maschinen ihre Bombenlast abwerfen und die Einschläge im Stadtgebiet Merzig niedergehen.

Am Waldrand neben der Verladeanlade (auf der „Appelsgewann“) sind zur gleichen Zeit drei Artilleriegeschütze in Stellung gebracht worden. Die Überreste des dazugehörigen Unterstandes im Wald sind heute noch erkennbar.

Am 20. November 1944 kommt der Hilbringer Ortsgruppenleiter Arnold mit zwei Mann in den Stollen und fordert die die Zivilisten auf, unverzüglich das Bergwerk zu verlassen. Nach einem kurzen hitzigen Wortwechsel fügen sich die Schutzsuchenden und kommen dem Befehl nach. Sie werden daraufhin mit ihrem Bergungsgut von Soldaten auf Wehrmachts-Lkw über die Saar nach Rimlingen transportiert. Nur wenige Tage später, am 29. November 1944, stoßen amerikanische Panzer über Silwingen und Mondorf zur Dörrmühle vor, wo der Angriff vorerst zum Stillstand kommt.

Ehe wieder an den 1944 begonnenen Stellen weiter abgebaut werden kann, muss erst aufgeräumt und repariert werden. Bis Mai 1946 wird kontinuierlich die Förderleistung gesteigert, der Vorkriegsstand kann aber noch nicht erreicht werden. . Bis zum Jahresende rechnet die Firmenleitung mit einer monatlichen Fördermenge von 1800 bis 2000 Tonnen. Sie ist aber noch stark abhängig von der Ernährungslage der Arbeiter und der schwierigen Beschaffung von Betriebsmaterialien.

Die Leitung der Firma liegt in Händen der Sequesterverwalter Herrn Jenner aus Merzig und Dr. Winneberg aus Dillingen. Beide sind von der französischen Administration eingesetzt worden, da Karl Knauf in Heinitz interniert ist. Johann Dollwet versorgt ihn dort mit Lebensmitteln.