Den indischen Soldaten setzte der kalte deutsche Winter schwer zu

Merzig · Kein Thema bewegt seit längerer Zeit die Gemüter im Land so sehr wie die durch die Flüchtlingskrise bedingte Masseneinwanderung nach Deutschland. In diesem Beitrag soll die Zuwanderung in die Merziger Region während der vergangenen 200 Jahre auch als eine Geschichte der auf vielfache Weise stattgefundenen Begegnung mit dem Fremden dargestellt werden.

Diese Gedanken blitzen einem natürlich nur für Momente auf; unwillkürlich umklammert man seine Muskete und hält haarscharf, so gut es bei Nacht geht, auf die verschwommenen Gestalten", zitiert die Merziger Zeitung im November 1914 aus Feldpostbriefen. Und weiter: "Das grausige Resultat sieht man natürlich erst morgens früh, wenn's hell wird. Gestern Nacht waren die Bestien bis direkt an unsere Drahtverhaue herangeschlichen. Dort war selbstredend Schluss und gestern Morgen hingen sie von unserem Infanteriefeuer und unseren vortrefflichen Maschinengewehren wie weggemäht haufenweise auf den Stacheldrähten, manch armer Teufel auch nur verwundet. Diese Verwundeten sind wirklich zu bedauern, denn es kann ihnen niemand helfen. Die Franzosen wagen sich nicht so weit vor die Feuerlinie und wir opfern auch nicht gerne unser Blut wegen dieses Gesindels, denn sobald wir uns einige Schritte aus den Gräben wagen, beginnt drüben ein mörderisches Feuer."

Am 25. November schrieb das Blatt Folgendes: "Es ist leise am Schneien, schüchtern wie ein junges Mädchen auf dem ersten Ball - der erste Schnee! Die trockene Kälte - wir hatten 3 bis 4 Grad Celsius - hat sich gemäßigt und spielt um Null herum. Den Turkos und Indern hat außer der schweren Prügel, die sie von unseren braven Truppen erhielten, die Kälte derart zugesetzt, dass sie auf und davon sind. Sie wären sonst alle kaputt gegangen. Welch ein Schaden! Die Kerle sollen übrigens viel Mut und Entschlossenheit gezeigt haben, besonders beim Bajonettieren. Aber mit ihrer Schießkunst ist es nicht weit her. Diesen Mangel haben sie an Brutalität ersetzen wollen. Es ist ihnen wenig Gelegenheit geboten worden, diese in Anwendung zu bringen; sie hatten so schwere Verluste, dass nicht mal die Hälfte die Heimreise antreten konnte. Vielleicht werden Afrikaner und Asiaten im Frühjahr wieder zu uns geschickt, denn der Krieg wird bis dahin noch nicht aus sein. Ein Krieg um die Weltherrschaft kann nicht in wenigen Monaten erledigt sein. Hier heißt es ganze Arbeit schaffen."

Rassistisches Denken und ein Überlegenheitsgefühl fremden Völkern und Kulturen gegenüber wurden in Deutschland in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg sicherlich in nicht unbeträchtlichem Maß durch die in den Kolonien gemachten Erfahrungen bestimmt. Noch wesentlich stärker beeinflusst und geprägt wurde dieses Denken allerdings dann durch die Erlebnisse und Begegnungen der deutschen Soldaten während des Ersten Weltkrieges im Osten Europas. Vor allem das, was die deutschen Soldaten im Osten erlebten und zu sehen bekamen, bietet deshalb weitere Erklärungsansätze für das Aufkommen eines immer stärker werdenden rassistischen Denkens und nicht zuletzt von üblem Antisemitismus: Die deutschen Soldaten trafen an der Ostfront auf viele Völker und somit auf große kulturelle Unterschiede. Die oft ärmlichen Lebensumstände hätten sie an das Mittelalter erinnert, heißt es. Diese Erfahrungen hätten das Entstehen des "deutschen Überlegenheitsgefühls" der Soldaten verstärkt.
Briefe aus dem fernen Osten

Ein weiteres, sehr bezeichnendes Beispiel für Schilderungen über das Leben in Russland stellt der nachfolgende, mit der Überschrift "Aus dem Osten" versehene Bericht der Merziger Zeitung vom 22. Dezember 1915 dar, in dem Folgendes geschildert wird: "Unteroffizier Rohr schreibt aus dem fernen Osten: Bereits 13 Monate sind wir hier an der Ostfront und kämpfen stets in erster Reihe. Seit sieben Wochen haben wir Stellung genommen in einem Ort, der bereits vom Erdboden verschwunden ist. Um unsere Stellung zu bauen, brauchten wir Holz und Ziegelsteine, um uns Unterstände zu bauen. Wenn ich von Ziegelsteinen schreibe, ist es nicht so zu verstehen, dass es hier in Russland Wohnungen aus Ziegelsteinen gibt, sondern nur vereinzelt findet man einen Kamin daraus gebaut. Die meisten Wohnungen haben in der Stube einen Backofen, der von einer lehmartigen Masse gebaut ist, und der Rauch geht nicht durch einen Schornstein oder Kamin, sondern verteilt sich auf dem Backofen und entweicht durch eine Öffnung im Strohdach. Die Wohnungen der Russen erinnern uns an die Wohnungen der alten Deutschen. Der Fußboden ist von Lehm, sehr selten von Brettern, die Häuser sind gebaut aus Balken zwischen denen Moos eingepresst ist, um die Kälte und Feuchtigkeit fernzuhalten. Möbel sind wenig vorhanden, aber vielfach sehr fein gearbeitet und oft habe ich die kunstvollsten Holzarbeiten bewundert. Das Zeugnis muss den Russen ausgestellt werden, dass sie in Holzarbeiten vielfach Meister sind. Es kommt wohl daher, dass die meisten Russen als Landwirte ihre Gerätschaften selbst anfertigen. Die Wagen, Pflüge usw. sind meistens den Bodenverhältnissen angepasst. Die Wege sind in Russland sehr schlecht passierbar wegen des tiefen Sandes, daher sind die Wagen sehr leicht gearbeitet. Eggen mit Eisenzähnen findet man keine. Eiserne Beschläge kennt man dabei nicht und dieselben sind mit Birkenreisern recht stark zusammengebunden. Der Pflug ist leicht und ohne Räder. Die Sensen sind auffällig klein und werden wenig gebraucht. Das Vieh befindet sich den größten Teil des Jahres auf der Weide. < Wird fortgesetzt.

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