Den demografischen Wandel im VisierDörfer zeigen ihr "Pflegeherz"

Bietzerberg. Unter der Leitung von Professor Wolfgang Werner aus Bietzen referierten Professor Klaus Dörner aus Hamburg, Bürgermeister Gerhard Kiechle aus Eichstätten bei Freiburg, die Autorin Dorette Deutsch sowie der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend im ländlichen Raum, Manfred Walter

Bietzerberg. Unter der Leitung von Professor Wolfgang Werner aus Bietzen referierten Professor Klaus Dörner aus Hamburg, Bürgermeister Gerhard Kiechle aus Eichstätten bei Freiburg, die Autorin Dorette Deutsch sowie der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend im ländlichen Raum, Manfred Walter. Das Mehrgenerationendorf Bietzerberg ist eines von 46 Leuchtturm-Projekten in Deutschland, in denen sich Menschen für andere stark machen. Das Projekt umfasst die freiwilligen Dienste aller Generationen und wird vom Bundesfamilienministerium gefördert. Die Herausforderungen des demografischen Wandels im Visier, haben sich die Bietzerberg-Stadtteile Harlingen, Bietzen und Menningen auf den Weg gemacht, eigene Lösungen für ihren Sozialraum zu finden. "In zahlreichen Bürgergesprächen wurde aus einem defizit-orientierten Ansatz eine generationsübergreifende Lösung", sagt Manfred Klein, Vorsitzender von "Bietzerberg - miteinander - füreinander". "Gerne haben wir die Anregung von Professor Werner zu diesem Kongress aufgegriffen." Die Idee des Projektes stellt das bürgerliche Engagement am Bietzerberg in den greifbaren Rahmen des Freiwilligendienstes um die Erhaltung eines attraktiven Umfelds im Dorf.Unter dem Leitmotiv "Engagement schlägt Brücken" unterstützt die Bundesregierung den Freiwilligendienst der Generationen, der für jedes Alter offen ist. Mitmachen können alle, die nach Erfüllung ihrer Schulpflicht mindestens acht Stunden wöchentlich für sechs Monate bei einem öffentlich-rechtlichen, gemeinnützigen, mildtätigen oder kirchlichen Träger ihrer Wahl verbindlich aktiv werden wollen.Kontakt: Manfred Klein, Telefon (06861) 889 45.Bietzerberg. Als Folge der Aktivitäten der Bietzerberger werde noch im November im alten Bietzener Pfarrhaus ein Bürgerbüro eröffnet, kündigte Klein an. "Mit einer Öffnungszeit von mindestens vier Stunden täglich." Fünf Bürger werden in dem Büro arbeiten. "Wir wollen nicht künstlich Bedarf erzeugen", sagt Klein, "aber wir wollen wissen, was los ist." Deswegen habe der Verein eine große Fragebogen-Aktion gestartet, "um zu erfahren, wo der Schuh drückt". Erstes Ergebnis: In den drei Stadtteilen auf dem Bietzerberg mit etwa 5000 Einwohnern leben nach Klein etwa 70 alte Menschen allein in ihren Häusern: "Man muss sich das vorstellen!"Stellvertretend für alle Referenten stellt die SZ Teile des Vortrags von Professor Klaus Dörner aus Hamburg vor. Dörners Ideen lösten in Menningen nicht geringes Erstaunen aus. Sein Thema: "Leben und sterben, wo ich hin gehöre."Dem gut organisierten Dorf biete sich ein Füllhorn voller Möglichkeiten, sagt Dörner. Der Bietzerberg sollte sich diese Chancen nicht entgehen lassen. Der Reichtum an Alten, auch Alterspflegebedürftigen und Dementen bedeute nicht, wie bisher gedacht, eine Last, sondern eine Bereicherung der Entwicklungschancen für das Gemeinwesen. "Vor allem ist von den ambulanten Wohnpflegegruppen zu sprechen, weil sie inzwischen Versorgungsrelevanz bewiesen haben, auch für Demente aller Schweregrade. Auch Demente mögen keine Monokultur. Wo sie richtig organisiert sind, leben bis zu acht Pflegebedürftige in einer Wohnung mit 300 Quadratmetern und führen - jeder so gut er kann - ihren Haushalt. Das führt dazu, dass das jeweilige Dorf eine solche Pflegezone nicht selten "unser Pflegeherz" nennt. Die Bürger lernen schnell, dass die Kultur ihres Viertels nicht nur aus der Zahl der Kindergartenplätze, sondern auch aus der Zahl der Pflegeplätze in der Vertrautheit des Dorfes besteht, wobei entscheidend ist, dass bei gleichen Kosten wie bei einem Heim drei Mal mehr menschliche Zuneigung besteht, als sie selbst im bestgeführten Heim möglich ist.Zunehmend ist auch die Wohnwirtschaft schon auf diese Idee umgestiegen. So hat sich der größte Pflegeheimträger Westfalens, das Evangelische Johannes-Werk Bielefeld, selbst einen Heimbaustopp verordnet und setzt nur noch auf ambulante Wohnpflegegruppen. In einer Reihe von Orten und auch in Stadtvierteln wie in Bielefeld wird bereits von "heimfreien Zonen" gesprochen, gekoppelt mit einer Aufwertung der Wohnqualität. Es gilt inzwischen als Faustregel, dass man mit einer Wohnpflegegruppe für acht pflegebedürftige Mieter die Vollversorgung für 2000 Einwohner darstellen kann - also für genauso viele Einwohner, wie der Bietzerberg aufweist. Deshalb sollten der nächste oder übernächste Schritt des Vereins "Miteinander - Füreinander" darin bestehen, sich eine solche ambulante Wohnpflegegruppe zuzulegen, sagt Dörner. Denn wenn er sich selbst ernst nimmt und von den Schwächsten und Bedürftigen her denkt, gibt es kaum eine Alternative." fs "Wir haben eine die Generationen übergreifende Lösung gefunden."Manfred Klein