| 20:24 Uhr

Post aus Amerika
Das US-Schulsystem ist ein ganz Anderes

Maiken Klinke vor der Falmouth High School, die sie während ihres Auslandsjahres in Maine besucht.
Maiken Klinke vor der Falmouth High School, die sie während ihres Auslandsjahres in Maine besucht. FOTO: Maiken Klinke
Die 16-jährige Schülerin Maiken Klinke aus Merzig erfüllt sich ihren Traum von Amerika und verbringt die Zeit bis Sommer 2018 in Maine.

Während meines Auslandsjahres besuche ich die amerikanische High School. Daher dachte ich mir, dass ich Ihnen das Schulsystem Amerikas etwas näher erläutern und somit einen Einblick in mein Schulleben geben könnte. Jedoch muss man bedenken, dass es, wie in Deutschland, Unterschiede in den jeweiligen Schulen und Regionen der USA gibt. Ich stelle Ihnen die Fächerwahl, die Wichtigkeit der Sportaktivitäten und den Anspruch amerikanischer Schulen vor.



Grundsätzlich gibt es in den USA die Möglichkeit, eine öffentliche sowie eine private Schule zu besuchen oder bezahlten Unterricht zu Hause zu nehmen. Es gilt Schulpflicht bis zum 16. oder auch 18. Lebensjahr. Jeder Bundesstaat entscheidet, wie viel Geld er in die Bildung investieren möchte. Dementsprechend spiegelt sich dies in der Qualität der Lehre wieder.

Ein Schuljahr besteht aus zwei Semestern und dauert meist von August bis Juni des darauf folgenden Jahres. Ein normaler Schultag geht von 8 Uhr bis zirka 15 Uhr. Danach und manchmal sogar davor gibt es zahlreiche Angebote, einen Kurs in den Bereichen Sport, Kunst und Kultur und vieles mehr zu belegen.

In den USA beginnt das gesamte Schulleben und somit die Grundschule schon im Kindergartenalter, in der so genannten Elementary School. Die Schüler der Elementary School sind zwischen fünf und elf Jahren alt, und die Einschulung erfolgt mit dem Besuch des Kindergartens. Dieser ist nicht mit dem deutschen Kindergarten zu vergleichen, denn so nennt man nur das erste Jahr des amerikanischen Schulsystems. Trotzdem starten viele Kinder schon in einer „Vorschule“. Nach der Elementary School geht es für die Kinder in die Mittelschule („Middle School“ oder auch „Junior High School“ genannt). Schüler besuchen diese von Klasse sieben bis neun. Nach der Mittelschule besucht man dann die High School. Diese ist vergleichbar mit der gymnasialen Oberstufe, jedoch führt diese von der neunten bis zur zwölften Klasse. Es gibt kein dreistufiges Schulsystem wie in Deutschland. Die deutsche Gesamtschule verkörpert das amerikanische Schulmodell am besten. Hier in Amerika werden Neuntklässler „Freshmen“, die Zehntklässler „Sophomores“, die Elftklässler „Juniors“ und die Ältesten schließlich „Seniors“ genannt. In Deutschland sind manchem diese Bezeichnungen bestimmt schon mal in Fernseh- und Kinofilmen begegnet. Der Abschluss einer High School, das „High School Diploma“, berechtigt zum Studium an einem College, vergleichbar mit der deutschen Fachhochschule oder einer Universität.

Ein weiterer – kleiner – Unterschied liegt in der Notengebung. Ein Noten- oder Punktesystem wie in Deutschland kennt das amerikanische System nicht. Die Noten werden nach Buchstaben von A bis F vergeben, wobei A einer Eins und F einer Sechs entsprechen würde. Auch die entsprechend erreichten Prozentzahlen einer Arbeit spielen wie in Deutschland eine Rolle.

Ein weiterer großer Unterschied zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Schulsystem ist die Auswahl und die Belegung der Fächer. Auf der High School hat man insgesamt nur zwischen fünf und sieben Fächer in einem Schuljahr zu belegen, die man weitestgehend frei wählen kann. Es gibt nur wenige Pflichtfächer, wie zum Beispiel Englisch und auch „American History“ (amerikanische Geschichte). Doch je nach Größe der High School hat man unzählige Wahlmöglichkeiten, was die anderen Fächer betrifft: Von Töpfern über Fotografie, Gesundheit und alle möglichen Sportarten ist im amerikanischen Schulsystem garantiert für jeden etwas dabei. Diese Auswahl ist natürlich von Schule zu Schule unterschiedlich. So kann man seine Hobbys zum Schulfach machen und seine Fächerbelegung auch so gestalten, wie es einem im späteren Leben und bei der Berufswahl hilfreich sein kann.

Viele Fächer, unter anderem Sprachen oder naturwissenschaftliche Fächer, werden auf der High School in verschiedenen Schwierigkeitsgraden angeboten, sozusagen von Anfänger- bis zu Fortgeschrittenenkursen. Es gibt dann Betreuungslehrer oder Fachberater („guidance counselor“ genannt), die den Schülern dabei helfen, das richtige Niveau auszuwählen. Diese Niveaustufe ist von Bedeutung, wenn man später mal studieren möchte, denn wenn man viele Fächer auf einem niedrigen Niveau belegt, entspräche das hier in Deutschland eher der mittleren Reife oder einem Hauptschulabschluss. Wenn man hingegen hohe Levels wählt, kann man durchaus einen mit dem Abitur vergleichbaren Abschluss erlangen.

Viele Austauschschüler und auch ich können sagen, dass das amerikanische Schulsystem stofflich nicht so anspruchsvoll ist wie das der deutschen Gymnasien. Das bedeutet, dass man während des Schüleraustausches in den USA eher Gelerntes aus den letzten Schuljahren wiederholt anstatt Neues dazu zu lernen. Dies ist jedoch eine gute Übung und Vertiefung des Unterrichtsstoffs, den man bisher in Deutschland gelernt hat, um dann in dort in die gymnasiale Oberstufe einzusteigen.

Meine Schule in Falmouth, Maine, wird von den Amerikanern sehr gelobt und steht im Ranking der Schulen aus dem gesamten Bundesstaat auf dem zweiten Platz. Ich erfahre hier von vielen Lehrern persönliche Unterstützung. Es gibt so genannte AFT oder Advisory (Sprechstunden), in denen die Lehrerinnen und Lehrer für individuelle Hilfestellungen zur Verfügung stehen.

Dass Sport für ziemlich viele Amerikaner sehr wichtig ist, steht außer Frage. Natürlich kann man Sport als Fach belegen, aber meist sind es die Nachmittagsveranstaltungen, in denen der Sport ausgelebt wird. Jede größere High School hat eine eigene Mannschaft in Sportarten wie Basketball, American Football, Baseball, Fußball und vieles mehr. Dazu sind in Amerika natürlich auch die Cheerleader sehr wichtig. Die Teams der benachbarten High Schools treten im Laufe eines Schuljahres immer wieder gegeneinander an und kämpfen um den Meisterschaftspokal. Die Stimmung bei diesen Events muss man unbedingt einmal miterlebt haben. Es ist einfach unglaublich und mitreißend. Oft haben die Schulen eine lange Tradition in bestimmten Sportarten, und man kann in den Klassenräumen oder in der Sporthalle all die Pokale und Erfolge bestaunen, die die Schulmannschaften je errungen haben.

Auch die Sicherheit in den amerikanischen Schulen spielt eine besondere Rolle. Gerade in den letzten Jahren hat man immer wieder von Zwischenfällen wie Amokläufen oder Schießereien an amerikanischen Schulen gehört, die sicher unter anderem auch auf die hier gültigen Waffengesetze zurückzuführen sind, ganz anders als in Deutschland. Gerade deswegen legt die Mehrzahl von amerikanischen Schulen viele sehr strenge Sicherheitsmaßnahmen und Regeln fest, um solche Vorfälle zu vermeiden. Beispielsweise darf man sich nur mit einer Genehmigung, dem „Hall Pass“, während der Pausenzeiten über das Schulgelände bewegen, auch wenn man mal während des Unterrichts auf die Toilette muss. Oft sind während des Unterrichts die Schuleingänge verschlossen und werden auch sonst stark kontrolliert. Zudem gibt es noch Videokameras und Sicherheitsdienste, die meist auch mit einer Waffe das Schulgelände schützen. Doch an meiner Schule wird es etwas lockerer gehandhabt, und man kann sich auch ohne den „Hall Pass“ bewegen. Nur ab und zu wird einer ausgestellt, wie zum Beispiel wenn man zu spät kommt oder einen anderen Klassenraum besuchen muss. Zu Beginn jeder Stunde wird eine sogenannte attendance vorgenommen. Mit dieser wird nur überprüft, ob jeder Schüler anwesend ist.

Ein weiterer Punkt zur Sicherheit ist auch die bekannte Schuluniform. Viele fragen sich: Ist eine Schuluniform wirklich Pflicht an den Schulen? Nein, sie sind eher weniger verpflichtend, und das meist nur an privaten Schulen. Uniformen sollen hauptsächlich dazu dienen, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den Schülern zu erzeugen und Neid oder Konkurrenzkämpfe, zum Beispiel wegen Markenkleidung, zu verhindern. Den „Dress Code“, also eine Kleiderordnung, gibt es jedoch auf nahezu jeder High School, und es wird oft streng auf dessen Einhaltung geachtet. Jede Schule setzt diesen anders um und regelt etwa die Rocklänge, das Zeigen von Piercings und das Tragen von bauchfreien T-Shirts sehr unterschiedlich.

Der Schulweg wird gut vom Schulsystem geregelt. Viele kennen bestimmt die typisch gelben Schulbusse. Der „School Bus” bringt jeden Tag die Schüler zum Unterricht und holt sie auch wieder ab. Oft gibt es dafür bestimmte Bushaltestellen. Doch bei mir, in einer eher ländlichen Region, werden wir Schüler fast direkt vor der Haustür abgeholt. Wenn man jedoch zu weit von der Schule entfernt wohnt, muss man sich selbst um den Transport kümmern. In vielen Bundesstaaten der USA können Jugendliche bereits ab 16 Jahren allein Auto fahren, was die Lösung der Transportfrage natürlich sehr erleichtert.

Alles in allem sieht man, dass sich das deutsche und amerikanische Schulsystem in einigen Punkten sehr deutlich voneinander unterscheidet. Ein Schüleraustausch in den USA bietet einem die Möglichkeit, eine ganz andere Art von Bildungssystem zu erfahren, bei dem man besonders seine eigenen Fähigkeiten und Interessen einbringen kann.

Für jeden Schüler gibt es einen eigenen Spind.
Für jeden Schüler gibt es einen eigenen Spind. FOTO: Maiken Klinke