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Corona ist bei Menschen im Kreis Merzig-Wadern im Alltag angekommen

Kostenpflichtiger Inhalt: Umfrage bei Merziger Gewerbetreibenden : Corona ist im Alltag angekommen

Die Sorge vor dem Corona-Virus geht auch in der Merziger Geschäftswelt um. Einige Ladenbesitzer fürchten, dass sie wie in Italien ihre Geschäfte schließen müssen. Andere bleiben gelassen.

Das Corona-Virus hat Deutschland voll erwischt. Allerdings nicht bei der Zahl der Erkrankten, vielmehr im öffentliche Diskurs. Die Debatte um das Corona-Virus ist auf deutschen Straßen das alles beherrschende Thema der Menschen.

Kürzlich wurde in Italien, dem am stärksten betroffenen europäischen Land, das öffentliche Leben nahezu lahmgelegt. Alle Geschäfte, bis auf wenige Ausnahmen, mussten schließen. Die Saarbrücker Zeitung hat sich unter Gewerbetreibenden in Merzig umgehört, wie groß die Sorgen sind, dass ähnlich drastische Schritte in Deutschland folgen könnten und was das für jeden Einzelnen bedeuten würde. Die meisten Geschäftsinhaber sehen den möglichen Entwicklungen relativ gelassen entgegen, einige fürchten aber bereits um ihre Existenz.

Dass es eine allgemein große Verunsicherung unter den Gewerbetreibenden in Merzig gibt, davon berichtet Perter Schill, Vorsitzender des Merziger Gewerbeverbands: „Keiner weiß, wie sich die Lage entwickeln wird, deshalb machen sich viele Geschäftsinhaber große Sorgen“, weiß Schill. Wenn es tatsächlich zu umfassenden Geschäftsschließungen käme, könnte das einige Ladenbesitzer ihre Existenz kosten. Wenn sich die Lage weiter verschlimmere, habe Schill aber durchaus Verständnis für weitreichende Maßnahmen, schließlich gehe die Sicherheit und Gesundheit der Bevölkerung vor: „Ich möchte die Entscheidung darüber wirklich nicht treffen müssen, die Verantwortlichen sind nicht zu beneiden“, betont der Verbandsvorsitzende.

Sehr wenig Betrieb herrschte in den vergangenen Tagen in der Merziger Fußgängerzone. Foto: Erich Lang

Bislang gehe er allerdings nicht von derart weitreichenden Schritten aus, allerdings habe sich die Stadt  jetzt nach reiflicher Überlegung zu dem Schritt entschlossen, das Frühlingsfest mit dem dazugehörigen verkaufsoffenen Sonntag am 5. April abzusagen.

Die Kauflaune der Bevölkerung sei in den vergangenen Tagen ohnehin schon deutlich in den Keller gegangen, beobachtet Schill: „Die Leute drängen nicht mehr so in die Städte, sie verzichten aus Sorge um ihre Gesundheit spürbar auf das sonst zu dieser Zeit typische Frühlingsshoppen.“ In die Städte gingen nur noch die Leute, die keine andere Wahl hätten.

Emiliano Antoniazzia, Inhaber des Eis-Cafés Cortina in Merzig, wird bei der Frage, ob er Angst vor einer Geschäftsschließung hat, schlagartig nachdenklich, seine Miene erstarrt, sein Blick schweift durch den Verkaufsraum, in dem derzeit nur wenige Menschen sind: „Ich habe große Angst, dass wir unseren Laden schließen müssen, über längere Zeiträume würde das mein Geschäft nicht überstehen“, blickt er besorgt auf das, was womöglich kommen mag.

Dass es soweit kommt wie in seinem Geburtsland Italien, davon ist er überzeugt, die Frage sei nur, wann und wie schnell sich die Krise wieder in den Griff bekommen lasse: „Das ist für alle Geschäfte schlimm, ich habe laufende Kosten und muss meine Mitarbeiter bezahlen, ich kann sie doch nicht alle nach Hause schicken.“ Dennoch werden seiner Meinung nach weitreichende Maßnahmen, darunter auch Geschäftsschließungen, nicht zu verhindern sein: „Das Virus ist eben sehr gefährlich, wir können nur hoffen, dass schnell ein Mittel gegen Corona gefunden wird.“ Seinen Humor hat Antoniazzia allerdings noch nicht eingebüßt und verabschiedet sich mit den Worten: „Die Zeiten sind eben nicht so goldig.“

Den finanziellen Ruin würde eine längere Zwangspause auch für Karamjit Singh, Inhaber des Restaurants Royal’s Food in Merzig, bedeuten: „Wenn wir schließen müssten, sei es auch nur für einen Monat, wäre das eine finanzielle Katastrophe. Das können wir uns einfach nicht leisten“, sagt Singh. Der Familienbetrieb sei auf regelmäßige Einkünfte aus dem laufenden Betrieb angewiesen, alleine schon, um die wiederkehrenden Kosten zu decken. Dennoch sehen die ­Singhs gelassen auf die aktuellen Entwicklungen, glauben nicht, dass es in Deutschland so schlimm kommen wird, wie in Italien: „Ich glaube nicht, dass wir schließen müssen, wir haben in Deutschland ein gutes Gesundheitssystem und hohe Hygienevorschriften, der Staat wird das in den Griff bekommen.“

Peter Schill . Foto: Michael Rauch

Dennoch seien sie bei Royal’s Food vorsichtiger als früher, reinigten beispielsweise das Restaurant häufiger und Mitarbeiter trügen Handschuhe. Verunsicherung bei den Kunden hätten sie hingegen noch keine bemerken können, das Geschäft brumme nach wie vor, betont Singh.

Eine gewisse Zurückhaltung und Verunsicherung der Kundschaft kann hingegen der Inhaber des Schuhgeschäftes Lang, Erich Lang aus Merzig, beobachten: „Seit Tagen kommen deutlich weniger Menschen in die Innenstadt, das ist deutlich zu spüren. Gestern habe ich ein Foto von der Fußgängerzone gemacht, weil sie so menschenleer war.“ Auch wenn Lang nicht glaubt, dass es zu einer Schließung aller Geschäfte kommt, so ist er dennoch etwas besorgt: „Wir leben vom Geschäft, wir haben Lieferungen, die wir bezahlen müssen, und Mitarbeiter, die ihren Lohn erwarten“, erklärt der Schuhverkäufer die durchaus bedrohliche Zukunftsaussichten. Dennoch müsse einiges passieren, damit das Virus seinen Laden in die Knie zwingen könne, selbst einige Monate ohne einen einzigen verkauften Schuh würden nicht den finanziellen Ruin bedeuten.

Dass die Behörden eine solche Entscheidung nicht leichtfertig fällen würden, sei Lang bewusst. Er glaubt aber, dass Maßnahmen wie in Italien die Wirkung verfehlen würden: „Was bringt es, uns Kleinen die Geschäftstätigkeit zu verbieten und gleichzeitig rennen Massen von Menschen zu Globus und stecken sich dort an.“ Nichtsdestotrotz hat auch Lang schon die eine oder andere Maßnahme getroffen, so desinfiziere er sich regelmäßig die Hände, säubere häufiger seinen Laden und lasse die Ladentür aufstehen, damit die Kunden nicht die Klinke in die Hand nehmen müssen. Eine Kundin im Laden, die anonym bleiben will, findet die ganze Aufregung übertrieben: „Ich lasse mich einfach nicht verrückt machen, auch wenn das Thema allgegenwärtig ist. Ich begrüße auch meine Freunde weiterhin mit Küsschen links, Küsschen rechts, das lasse ich mir nicht nehmen“, betont sie trotzig.

Dass Deutschland gut auf die Corona-Krise vorbereitet sei und es deshalb auch nicht zu flächendeckenden Geschäftsschließungen komme, glauben auch Metzger Christian Beck und Susanne Herz vom Hofgut Serrig aus Trier, die einmal in der Woche mit ihrem Metzgerei-Marktstand nach Merzig kommen: „Dass es soweit kommt, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dann müsste ja wirklich alles geschlossen werden“, sagt Herz. Auch seien die Hygienevorschriften in Deutschland so hoch, dass sich das Virus bestimmt noch aufhalten lasse, bleibt die Verkäuferin zuversichtlich. Zwar merke sie in den vergangenen Tagen einen leichten Rückgang der Kundschaft, das sei aber nur marginal: „Was deutlich zu spüren ist, ist der Run auf alles, was es in Konserven zu kaufen gibt, also Leberwurst, Fleischwurst und Co. Das hat wirklich stark zugenommen“, ist Beck aufgefallen.

Dass es sinnvoll wäre, alle Geschäfte und öffentlichen Einrichtungen eine Zeit lang zu schließen, ist die Meinung der Geschäftsführerin Melanie Johann vom Optikergeschäft „Helfen“ in Merzig: „Wir stehen noch ganz am Anfang. Um das Virus einzudämmen, wäre eine Schließung aller Geschäfte für zwei Wochen durchaus empfehlenswert – es geht ja schließlich um unsere Gesundheit.“ Noch sei ihrer Meinung nach Zeit, Schlimmeres abzuwenden und die Ausbreitung zu verhindern: „Für uns wäre es verkraftbar, zwei Wochen den Laden zu schließen; wenn es sich über mehrere Monate erstreckt, wäre es allerdings eine Katastrophe.“

Zwiegespalten, ob sie Angst vor einem Verkaufsverbot haben soll, ist hingegen Anita Ripplinger vom Obstgut Klosterberg in Merzig, die einen Obst-und-Gemüsestand auf dem Merziger Wochenmarkt betreibt: „Ich weiß wirklich nicht, ob ich Angst haben soll, zurzeit ist alles so ungewiss.“ Bislang habe sie noch keine spürbaren Umsatzeinbußen zu verkraften gehabt, die Kunden erledigten nach wie vor ihre Geschäfte auf dem Markt: „Wir werden sehen, was kommt, ändern können wir es sowieso nicht.“ Ein Verkaufsverbot über mehrere Monate wäre aber auch für Ripplinger eine existenzbedrohende Katastrophe, ist sie sich sicher.

Derweil geht das Hamstern in der Bevölkerung munter weiter. Lange Schlangen an den Kassen mit prallgefüllten Einkaufswägen prägten am Freitagmittag das Bild in vielen Merziger Supermärkten. Das Personal hatte reichlich zu tun, um die am meisten gehorteten Produkte nachzufüllen. Im Kaufland beispielsweise waren die Vorräte an Nudeln und Cornflakes, aber vor allem an Mehl und Backmischungen erschöpft, auch die Gemüseabteilung war nicht mehr gut bestückt. Gänzlich vergriffen, wie auch bei Lidl und Aldi, waren hingegen das Toilettenpapier, nur Küchentücher und Taschentücher waren vereinzelt noch erhältlich. In den Obst-und Gemüseabteilungen blickten die Kunden teilweise auch auf leere Regale, so waren in einem Discounter lediglich noch ein Rotkohl, eine Staudensellerie sowie ein Bund Radieschen vorrätig. Gänzlich vergriffen waren Kartoffeln. Auch Konserven wie Pilze, Erbsen und Möhrchen, aber auch Sauerkirschen oder saure Gurken fand der Kunde nur noch vereinzelt vor. Teilweise waren auch Produkte wie Hunde- und Katzenfutter Mangelware. In den Kühltheken waren einige Sorten Wurst, Fleisch und Käse ausverkauft, auch bei frischem Fleisch und tiefgefrorenem Gemüse wie Erbsen oder Spinat waren die Bestände erschöpft. Auch wenn nicht alle Regale prallgefüllt und nicht jedes Produkt in beliebiger Menge vorrätig ist, hat es nach wie vor den Anschein, dass es keinen Grund gibt, in Panik auszubrechen