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Merzig
„Wir wissen, woher wir kommen“

Vincent „Shimmy“ Jiyane leitet, singt und tanzt mit dem Soweto-Gospel-Chor. Am Samstag gastiert der Chor in Merzig.	Foto: Semmel-Concerts
Vincent „Shimmy“ Jiyane leitet, singt und tanzt mit dem Soweto-Gospel-Chor. Am Samstag gastiert der Chor in Merzig. Foto: Semmel-Concerts FOTO: Semmel-Concerts
Vincent Jiyane ist Gründungsmitglied des Soweto-Gospelchors. Im Interview spricht er über die Verbindung zu Nelson Mandela.

Welche Aufgabe haben Sie innerhalb des Soweto-Gospelchores?


VINCENT JIYANE Ich bin Chorleiter, Choreograph, Tänzer und Sänger. Als professioneller Tänzer habe ich auch schon gearbeitet, bevor ich dem Chor beigetreten bin. Es ist vor allem meine Aufgabe, den Chor auf jeden seiner Auftritte vorzubereiten.

Was macht den Soweto-Gospelchor Ihrer Meinung nach aus?



JIYANE Wir kommen alle aus Soweto in Südafrika, und wir wollen den Menschen überall auf der Welt unsere Kultur näher bringen.

Alles was wir tun, hat daran teil: Die Kostüme, die Musik, der Gesang. Obwohl wir alle aus Soweto kommen, gibt es dort auf engstem Raum sehr viele Sprachen, sehr viele Kulturen. Daher singt jeder mit seiner eigenen Stimme. Jeder einzelne im Chor beweist auf der Bühne sein natürliches Talent. Außerdem singen wir A cappella und wir haben Tänzer, was die wenigsten Chöre haben. Auch unsere Kostüme machen uns zu etwas Besonderem. Schließlich sind es auch unsere Leidenschaft, unsere Mühe, unsere Kraft auf der Bühne, die den Soweto-Gospelchor von anderen Chören abheben.

Welche Rolle spielt der Tanz bei den Konzerten des Soweto-Gospelchors?

JIYANE Wir singen Lieder in vielen verschiedenen Sprachen, die die Zuschauer meist nicht verstehen. Durch den Tanz teilen wir ihnen das mit, was sie im Liedtext nicht hören können. Der Tanz hilft also der Verständigung, dank ihm können die Zuschauer besser verstehen, worüber wir singen, wovon die Lieder handeln. Gleichzeitig erlaubt er den Zuschauern aber auch, einen Blick in die Kultur unseres Landes zu werfen.

Welche Rolle spielt Ihr Glauben in Ihrer Arbeit?

JIYANE Er spielt eine wichtige Rolle. Ich bin gläubiger Christ, so wie die meisten in unserem Chor, wir lieben Gott, wir glauben an Gott. Aber wir alle kommen aus verschiedenen Umgebungen und verschiedenen Kirchen innerhalb des christlichen Glaubens. Ich bin überzeugt, es ist unser starker Glaube, der es uns ermöglicht, nach all den Jahren immer noch erfolgreich weiter zu machen.

Wenn Sie aus Ihrem Repertoire einen Lieblingssong wählen müssten, welcher wäre das?

Jiyane Ich bin niemand, der sich aus so einem Programm einen Lieblingssong aussucht. Für mich ist die ganze Show mein Favorit. Denn die Chormitglieder stecken so viel Herzblut, so viel von ihrer Seele, so viel Liebe in ihre Arbeit und in die Auftritte.
Außerdem ergibt sich erst mit der ganzen Show das vollständige Bild des Kampfes um die Freiheit, wie wir ihn jahrzehntelang in Südafrika ausgetragen haben. Davon erzählt das Konzert: von uns, unserem Land, unserer Herkunft, unserem Kampf, den auch Nelson Mandela ausgetragen hat. Unsere Musik hat also eine starke Botschaft. Daher kann ich keinen einzelnen Song aus dem Konzert herausheben. Alle unserer Lieder bedeuten mir so viel.

Was verbindet den Soweto Gospelchor mit Nelson Mandela?

JIYANE Mandela war zum ersten Mal wichtig für uns 2003, als er Schirmherr eines Benefizkonzerts war, auf dem unter anderem auch U2, Bob Geldof, Peter Gabriel und Annie Lennox auftraten. Unser Auftritt dort brachte uns große Bekanntheit ein.
Aber persönlich trafen wir Mandela erst 2007, nachdem wir unseren ersten Grammy gewonnen haben. Dort hatten wir Gelegenheit, dem Mann selbst die Hand zu schütteln. Er hat den Chor geliebt und gesagt, dass er unsere Arbeit sehr zu schätzen weiß. Wir arbeiten heute auch mit dem Nelson Mandela Children‘s Fund zusammen, um mit Spenden für den guten Zweck etwas an unsere Heimat zurückzugeben.

Welcher Moment in der Geschichte des Chors ist ihnen besonders in Erinnerung?

JIYANE Das war 2007, als wir unseren ersten Grammy gewonnen haben. Auch unser zweiter Grammy, den wir 2008 gewannen, ist mit sehr wichtig, denn diesen Preisen verdanken wir unsere weltweite Bekanntheit. Außerdem konnten wir dank dieser Auszeichnungen mit fantastischen Musikern spielen. Ein Auftritt etwa mit Stevie Wonder war einer der unglaublichsten Momente, die ich mit dem Soweto-Gospelchor je erleben durfte.

Der Soweto Gospelchor engagiert sich regelmäßig für wohltätige Zwecke. Warum liegt Ihnen diese Arbeit so am Herzen?

JIYANE Weil wir wissen, wo wir herkommen. Wir stammen alle aus Soweto und wissen, wie es den Menschen dort geht. Wir im Chor sind in der Lage, diesen Menschen zu helfen und der Gemeinde etwas zurückzugeben. Mit unseren Spenden können wir den Menschen – vor allem den Kindern – ein besseres Leben ermöglichen. Wir wissen, diese Menschen verlassen sich auf uns. Oft fehlt es den Menschen in Soweto schon an grundsätzlichen Dingen, an Trinkwasser, Nahrung oder einem warmem Platz zum Schlafen. Schon mit einer Decke kann man dort viele Menschen glücklich machen. Wir kümmern uns um die Menschen vor Ort, sie liegen uns am Herzen, und das spürt man auch.

Warum trägt Ihre aktuelle Tournee den Titel „Freedom“, auf Deutsch „Freiheit“?

JIYANE Es geht in dem Programm um eben die Freiheit, die wir heute in Südafrika genießen, auf die wir so warten mussten. In der Show geht es um genau diese Reise auf dem Weg in die Freiheit, auf die wir das Publikum mitnehmen. Das war auch der entscheidende Moment, als wir Nelson Mandela persönlich getroffen haben. Inzwischen ist er leider verstorben, aber er sagte zu uns: „Die Freiheit, die Zukunft Afrikas liegt nun in euren Händen, nehmt sie!“

Also ist die Geschichte Sowetos und Südafrikas eng mit dem Chor verbunden?

JIYANE Ohne Frage, die Geschichte ist sehr wichtig für uns. Denn es sind diese wichtigen Momente in der Geschichte unseres Landes, an die wir erinnern wollen. Als sich die Schüler 1976 in Soweto auflehnten, gegen die Polizei kämpften und sagten: „Genug ist genug! Wir kämpfen weiter, egal, was ihr uns antut!“ In gewisser Weise nahm die Freiheit Südafrikas an diesem Tag in Soweto ihren Anfang. Das sind die Momente, an die wir erinnern wollen.