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Berichte aus Schwemlingen: Probleme in der Behindertenhilfe in Corona-Zeiten

Berichte von Mitarbeitern : Corona bringt in der Behindertenhilfe Einsamkeit und Ängste

Die Laurentiushöhe in Schwemlingen ist eine Pflege- und Fördereinrichtung für Menschen mit Behinderungen, die derzeit etwa 400 Menschen mit schweren seelischen, geistigen und körperlichen Behinderungen unterstützt.

Während die Mitarbeiter in der Altenhilfe die Corona-Prämie des Bundes und einen Bonus vom Land erhalten, gehen die Mitarbeiter in der ambulanten und stationären Eingliederungshilfe leer aus. Dabei sahen sie sich in den vergangenen Wochen mit einer Vielzahl schwieriger Situationen konfrontiert.

In einer Mitteilung des Betriebsrats wird die Situation umrissen: „Für viele der Bewohner von Einrichtungen aber auch für Klienten der ambulanten Eingliederungshilfe kam es zu erheblichen Einbrüchen in der Unterstützung. Mit der Schließung der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, der Tagesstätten für Menschen mit Behinderungen, der Beschäftigungs- und Freizeitaktivitäten brach die Tagesstruktur vieler Menschen zusammen.“ Es seien soziale und medizinische Angebote weggefallen, Tageskliniken hätten geschlossen. Angebote wie Physiotherapie und Ergotherapie konnten nicht wahrgenommen werden. „All diese fehlenden Angebote mussten die Mitarbeiter in der Eingliederungshilfe vor Ort kompensieren.“

Und noch eine weitere Schwierigkeit sei hinzugekommen, wie eine Mitarbeiterin berichtet: „„Zu Beginn der Einschränkungen war es sehr schwierig, den Bewohnern die Dringlichkeit der Maßnahmen in Bezug auf Abstandsregelungen und Schutzmaßnahmen nahe zu bringen. Mit den Kontaktsperren außerhalb der Laurentiushöhe und auch untereinander konnten die Bewohner nur sehr schwer umgehen. Es durften keine Besucher in die Einrichtung, die Bewohner durften nicht zu ihren Verwandten und Freunden fahren.“

Intensive Gespräche mit Angehörigen und Bewohnern seien nötig gewesen, und „wir mussten täglich mehrfach deeskalierend tätig werden. Je länger die Isolation dauerte, desto angespannter wurde die Situation auf dem Wohnbereich“. Die große Anspannung habe sich durch die momentanen Lockerungen wieder um einiges gelöst. Aber, berichtet die Mitarbeiterin weiter: „Nicht nur Bewohner und Klienten wurden durch die Corona-Pandemie verunsichert. Auch die Mitarbeiter bangte die Frage: Stecke ich mich und meine Familie an? Und die noch größere Angst, bringe ich den Virus in die Einrichtung?“

Wie der Betriebsrat schildert, durften Bewohner und Klienten die Unterkünfte nicht mehr verlassen und mussten sich an strenge Hygiene- und Abstandsgebote halten. Die Beschäftigten mussten den Menschen die Pandemie und ihre Folgen begreifbar machen, ohne Ängste zu steigern. Dennoch kam es zu erheblichen Krisen, die die Mitarbeiter zu tragen hatten.

Eine Mitarbeiterin aus dem Haus Hubwald in Eppelborn berichtet: „Die zu Betreuenden waren sehr angespannt und verstanden die Maßnahmen nicht. Aus der Frustration wurden Mitarbeiter täglich verbal angegriffen. Das Personal konnte die Wünsche und Bedürfnisse der zu Betreuenden an manchen Tagen fast nicht auffangen.“

Auch in der ambulanten Unterstützung von Menschen mit Behinderungen sorgten die Einschränkungen demnach für Dauereinsatz der Beschäftigten. Die Versorgung war alles andere als einfach, betont der Betriebsrat, denn plötzlich waren Arztpraxen, Ämter und Institutionen geschlossen.

In der Versorgung selbstbestimmt lebender Menschen mit Behinderungen kamen zu all diesen Problemen Einsamkeit und erhebliche Ängste hinzu. „Wir haben innerhalb weniger Wochen so viele Krisen mit Suizidabsichten wie sonst im ganzen Jahr“, sagt Melanie Bauer, Fachkraft in der ambulanten Eingliederungshilfe des Schwesternverbandes am Standort Saarlouis. „Viele unserer Klienten leben in Kleinstwohnungen, alleinstehend zum Beispiel auf 25 Quadratmetern ohne Balkon. Der einzige Kontakt nach Außen ist die Fachkraft mit Mundschutz auf 1,50 Meter Abstand.“ Wie das auf Menschen mit beispielsweise schweren psychischen Erkrankungen wirkt? „Unter meinen zwölf Klienten gab es niemanden ohne Krise“, sagt Bauer. Nur durch den täglichen Kontakt vor Ort und per Telefon konnten Krisen aufgefangen werden.

Für Menschen in diesem Arbeitsfeld ist Home-Office keine Alternative – was dann auch die Kinder der Mitarbeiter merkten. Schnelles Handeln war gefragt, wie der Betriebsrat betont: Neben den Notbetreuungsplätzen stellte der Schwesternverband eine interne Kinderbetreuung an vielen Standorten zur Verfügung. Dennoch waren viele Eltern verunsichert, ihre Kinder für Stunden in fremde Obhut zu geben, immer mit der Angst einer Infektionsgefahr, heißt es weiter.

Der Betriebsrat betont abschließend, dass im Bereich der Eingliederungshilfe beim Schwesternverband außerordentlich wertvolle Arbeit geleistet wurde. „Wir sind engagiert und kontinuierlich für Menschen mit Behinderungen im Einsatz gerade auch in schwierigen Zeiten. Warum Kollegen aus den pflegefinanzierten Bereichen eine Prämie erhalten und Mitarbeiter aus den Eingliederungshilfebereichen nicht, ist eine Geringschätzung dieser Kräfte. Dies können wir nicht akzeptieren.“