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Ausstellung zeigt Merzig im Wandel

Merzig : Aus dem Gestern für Morgen lernen

Zur Eröffnung der Ausstellung „Merzig im Wandel der Zeit“ hielt der ehemalige Kultusminister und heutige Vorsitzende der Villa Fuchs, Jürgen Schreier, eine Rede, die zum Nachdenken anregt. Wir drucken sie im Wortlaut ab.

„Tempora mutantur et nos in illis“ – die Zeiten ändern sich und wir ändern uns mit ihnen. Dieser, dem römischen Dichter Ovid zugesprochene Vers gilt für das Leben ebenso wie für das, was der Mensch erbaut und geschaffen hat. Alles ist im Fluss, alles verändert sich mit der Zeit – so auch unser Lebensraum: unser Dorf - unsere Stadt.

Im Krieg sind ganze Städte oder große Teile davon dem Erdboden gleich gemacht worden. Der Wiederaufbau hat massive bauliche Veränderungen mit sich gebracht. Auch unsere Heimat ist dabei von städtebaulichen Fehlentwicklungen nicht verschont geblieben. Hinzu kommt, dass auch später noch eine Vielzahl historisch und städtebaulich wertvoller Bauwerke durch Entscheidungen privater und vor allem öffentlicher Eigentümer unwiederbringlich verloren ging.

Die Ausstellung „Merzig im Wandel der Zeit“ erlaubt einen faszinierenden Rückblick auf das, was Merzig an wertvoller Bausubstanz einmal hatte. Schon vor einigen Jahren präsentierte Dr. Ingrid Jakobs mit vielbeachteten thematischen Ausstellungen im Museum Schloss Fellenberg Aspekte dieses Themenkreises. Wir erinnern uns gerne an „Aus den Augen aus dem Sinn – Verschwundene Geschäfte aus dem Landkreis“, „drunter und drüber“ - Brücken und Hochwasser sowie im vorigen Jahr an die Ausstellung zum Wirken von Bürgermeister Thiel.

Die Dokumente waren nicht nur fotografische Impressionen, sie machten – wie auch unsere aktuelle Ausstellung in der Stadthalle – zugleich den schmerzlichen Verlust alter Bausubstanz deutlich und forderten dazu auf, in Zukunft, fürsorglicher mit unserem kulturellen und baulichen Erbe umzugehen.

Die Denkmäler der Vergangenheit rufen uns laut zu „denk - mal“ – seid
nicht so gleichgültig! Wie bei den Ausstellungen, so schwingt auch in den nostalgischen Bildbänden von Alfred Diwersy „Merzig in alten Ansichten“, „Merzig vormals“ und „Merziger Bilderbuch“ wie auch in den Veröffentlichungen von Wilhelm Laubenthal, Franz Büdinger und vielen anderen bei jedem alten Foto immer auch die Warnung mit: „Wertschätzt in Zukunft eure historischen Bauwerke mehr! Sie sind nicht nur alte Steine, sie sind Zeugnisse unserer Geschichte, schaffen Heimat und Identität!“

Machen wir also eine Zeitreise und stellen uns vor, die folgenden Gebäude und Quartiere wären vor Verfall, Umbau oder Abriss gerettet und renoviert worden.

Der Seffersbach mit der Inselstraße und den Schützeln mit dem Mühlengraben wäre ein malerisches Idyll, der Trierische Hof immer noch ein Traditionslokal, das querstehende Barockhaus in der Altstadt würde den Platz in der Altstadt nobel fassen, das Spitälchen wäre nicht zum zweiten Mal abgerissen worden (1895 und 1964), der Pferdestall der Aktienbrauerei wäre ein architektonisches Juwel am St. Medard-Platz. Das alte Lyceum, von dem noch einige Reste des Portikus im Hof des Stadthauses ein unbeachtetes Dasein fristen, stünde noch.

Eingangs der Stadt würde der Terrakottaspringbrunnen die Touristen begrüßen. Das Kaiserliche Postamt wäre ein Schmuckstück der Bahnhofstraße Die Landrätin residierte im Königlichen Landratsamt und wohnte in der Landratsvilla daneben. Die das Stadtbild Merzig einmal prägenden Alleen gäben den Straßen Halt und sorgten für frische Stadtluft. Das freistehende alte Krankenhaus Fellenberg Stift und die Kapelle sowie der Fellenbergpark gäben der Torstraße eingangs der Stadt ein repräsentatives Gepräge und, und, und.

Das Klagen über den Verlust, die entgangenen Chancen und auch die ganze Nostalgie helfen nichts – weg ist weg oder kaputtsaniert – schade um die wertvollen Zeugnisse unserer Stadtgeschichte!

Umso wichtiger ist es deshalb, denen zu danken, die mit Bürgersinn das bauliche-kulturelle Erbe liebevoll restauriert und gepflegt haben und so einen wichtigen Beitrag leisten, wenigstens an einigen Stellen noch das frühere Bild der Stadt und der Dörfer lebendig zu halten.
Als ein sehr positives Beispiel unter vielen anderen sei das historische Bürgerhaus an der Ampel in der Hochwaldstraße herausgestellt, das zur Zeit mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz originalgetreu restauriert wird.
 Wenn man mit offenen Augen durch Merzig geht, wird man erkennen: Es ist doch noch viel historische Bausubstanz vorhanden, die es zu schützen und zu erhalten gilt.
Wir werden als Villa Fuchs im Spätsommer zu einem Historischen Spaziergang unter sachkundiger Führung durch unsere Stadt einladen. Dabei werden wir vor allem die Ensembles und Häuser aus der Gründerzeit mit ihren reich dekorierten Fassaden und den typischen Thiel‘schen Türmchen betrachten und in die Baugeschichte einordnen. Natürlich werden bei dieser Exkursion die Barockbauten und ein Besuch im ehemaligen Jagdschloss nicht fehlen.

Hier soll keinesfalls einer Historisierung das Wort geredet werden.Denn nichts ist beständiger als der Wandel – das gilt natürlich auch für unsere Stadt. Sie ist ja kein Museum, sie ist eine lebendige Stadt, in der unbedingt neues Bauen seinen Platz haben muss. Alte Gemäuer abzutragen, ist deshalb nicht grundsätzlich verwerflich. Denn in einer dicht bebauten Stadt kann Neues nur dann entstehen, wenn Altes weicht. Allerdings muss zuvor intensiv geprüft werden, ob Form und Funktion des Neuen für das Bild der Stadt tatsächlich besser sein wird als der Bestand. Abriss muss immer die ultima ratio sein. In manchen Fällen kann jedoch ein reflektierter, behutsamer Eingriff in den alten Bestand auch die städtebaulich bessere Lösung sein.

Dazu ein paar Beispiele: Es war richtig, 1885 auf das alte Spitälchen zu verzichten. Dadurch wurde die obere Triererstraße aufgeweitet und das schöne Portal des Stadthauses rückte in die zentrale Sichtachse. Eine gute Entscheidung!  Eine katastrophale Entscheidung demgegenüber war es, den zierlichen, neugotischen Ersatzbaus des Spitälchens 1964 für eine Straßenverbreiterung und damit dem innerstädtischen Verkehr zu opfern. Bis heute klafft am Tatort eine offene Wunde.

Eine gute Entscheidung wiederum war der Abriss der Maringer‘schen Häuserzeile am Dienstagsmarkt Das machte erst die Sicht frei auf das insgesamt gut erhaltene und achtsam renovierte bauliche Ensemble um den heutigen Kirchplatz, das privatem Engagement zu verdanken ist.

Das schöne Barockhaus in der Triererstraße Mitte der 50er Jahre abzureißen und damit dem Platz in der Altstadt den Halt zu nehmen sowie der Abriss des Brauerei-Pferdestalls waren schlimme Fehlentscheidungen. Der zentrale St.- Medard-Platz wartet bis heute auf eine gute Lösung im Blick auf das voluminöse Brauereigebäude. Man darf hoffen, dass dort bald Gutes entsteht. Mit dem Gebäude der Barmer, einem gelungenen Beispiel qualitätvoller, moderner Architektur, ist ein guter Anfan gemacht

Wenn die Ausstellung nicht nur den Blick in die Vergangenheit lenkte, sondern zugleich ein Wegweiser für Zukünftiges wäre, dann hätte sie ihren Sinn erfüllt. Denn Zukunft braucht Vergangenheit und Vergangenheit einen achtsamen Wandel hin zur Zukunft.