Bürgermeisterwahl in Merzig : Eine Tourengängerin will an die Spitze

Für Biografien von Frauen kann sich Angelika Hießerich-Peter begeistern, aber auch für die Natur und gute Lebensmittel.

Von der Terrasse schweift der Blick auf die Saar und den nahegelegenen Wald. „Haus am Fluss“ hat Angelika Hießerich-Peter daher ihr Hotel an der Mettlacher Brücke genannt, in dem auch schon Cowboys Station machten – eine Bikergruppe aus Australien. Den Spagat, den sie zurzeit als Gastgeberin und Wahlkämpferin machen muss, nennt Angelika Hießerich-Peter kein Problem. Für ihr Ziel, den Chefsessel im Merziger Rathaus einzunehmen und Bürgermeisterin der Kreisstadt zu werden, nimmt sie die Doppelbelastung nach ihrem Bekunden gerne in Kauf. „Dinge, die man sich selber aussucht, treiben an“, gesteht die FDP-Frau, die dieser Tage Geburtstag gefeiert hat und 55 Jahre alt geworden ist. So serviert sie den Hotelgästen morgens knusprige Brötchen, Müsli, Obst- und Gemüsesaft, und all die anderen Dinge, die ein einen guten Start in den Tag ausmachen, um danach am Wahlstand oder in Podiumsdiskussionen ihre Sicht der Dinge zu klar zu machen. Was sie zudem beflügelt: „In Merzig hat noch nie eine Frau für das Amt der Bürgermeisterin kandidiert. Rund 100 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland wäre das ein guter Zeitpunkt für einen echten Wechsel an der Rathausspitze.“

Dass sie nicht in der Kreisstadt wohnt, sondern im Mettlacher Ortsteil Weiten ihre Heimat gefunden hat, sieht sie nach ihren Worten positiv. „Ich habe die Übersicht von außen und bin doch ganz nah dran“, erläutert die Mutter einer erwachsenen Tochter. „Als Hotelier bin ich Dienstleisterin für meine Gäste, als Verwaltungschefin Dienstleisterin für die Bürger“, zieht sie den Vergleich zwischen beiden Jobs. Über die Stadt gerät sie ins Schwärmen: „Es gibt viele schöne Ecken.“ In die Saarwiesen hat sie sich „verguckt, aber auch die Fußgängerzone mit ihren kleinen, inhabergeführten Geschäften hat ihren Charme. Dafür muss mehr getan werden.“

Den Schritt in die Politik hat sie nach ihren Worten gewagt, als sich radikale Kräfte breit gemacht haben. Deren Machenschaften hat sie 2016 von einer passiven Wählerin zur aktiven Wahlkämpferin gemacht, wie sie verrät. „Seit dieser Zeit engagiere ich mich.“ Die Entscheidung, in die FDP einzutreten, habe auf der Hand gelegen, da sie sich in der liberalen Politik sich schon immer zuhause gefühlt habe. „Wir bieten Alternativen, eine Politik mit Vernunft und ohne Polemik an“, charakterisiert sie den Stil ihrer Partei, für die sie auch für den Landtag kandidiert hat.

Obwohl sie sich als Hotelier bezeichnet und sich dagegen wehrt, dass weibliche und die männliche Bezeichnungen in einem Satz auftauchen sollen, hat sie sich jedoch eines auf die Fahne geschrieben: mehr Frauen für die politische Arbeit zu motivieren. Nach ihrer Ansicht gibt es in der Kommunalpolitik zu wenig Frauen, zumal die Entscheidungen, die in diesen Gremien fallen direkte Auswirkungen auf das Leben von Frauen haben. Daher sollten sie sich mehr engagieren, fordert sie. Frauen nehmen nach Ansicht von Hießerich-Peter Stimmungen besser wahr, legen auf zwischenmenschliche Dinge Wert und sind daran interessiert, Lösungen durch Moderation zu finden.

Sie charakterisiert sich als Menschen, der gerne auf andere Menschen zugeht und kommunikativ ist. „Ich bin grundoptimistisch. Für mich ist ein Glas nie halb leer, sondern immer halb voll. Und ich bin daran interessiert, die Lösungen zu bieten“, sagt die Frau, die sich gerne als Landei und begeisterte Europäerin“ bekennt – „eine Grenzgängerin im besten Sinne. Meine Heimat ist die Grenzregion zwischen Deutschland, Frankreich und Luxemburg. Hier leben wir den europäischen Gedanken jeden Tag“, ergänzt sie.

Gerne greift sie zu Büchern, in denen Frauen ihre Geschichten geschrieben haben – etwa Madelaine Albrigth, die erste Außenministerin der USA. Auch die Aufzeichnungen von Jehan Sadat, der ehemaligen First Lady Ägypten, hat sie nach ihrem Bekunden fasziniert. Das Buch mit dem Titel „Ich bin eine Frau aus Ägypten“ bezeichnet sie als Schilderung eines Lebens einer emanzipierte Mohammedanerin, Patriotin, Ehefrau und Mutter. „Sie ist die erste Frau des modernen Ägyptens, die in ihrem Land und weltweit eine bedeutende Rolle spielte.“ Nicht fehlen in dieser Reihe darf auch die Autobiografie von Michelle Obama, der ersten afro-amerikanischen First Lady der USA.

Musikalisch liebt Hießerich-Peter nach ihrem Bekunden die 80er Jahre: die Songs der britischen Band Supertramp etwa, oder die Lieder von Eros Ramazotti. Auch Sängerin, Songwriterin und Musikproduzentin Jule Neigel zählt sie zu ihren Favoriten. „Wenn ich Radio höre, dann ist das querbeet“, verrät die Frau, die einmal Akkordeon und Klavier spielen lernte. „Für beides ist aber heute keine Zeit mehr“, bedauert sie.

Erlaube es die Zeit, genieße sie es, in freier Natur zu sein. „Ich bin sehr gerne draußen und begeistert vom Wandern.“ Auch steht sie leidenschaftlich gerne am Herd – ein weiteres Hobby, für das sie sich begeistert. „Ich liebe gute Lebensmittel“, gesteht sie. „Daher habe ich meinen Biobetrieb vor zehn Jahren zertifizieren lassen.“ Für die mediterrane Küche hat sie ein Faible, „aber ebenso mag ich deftige Hausmannskost, wie die Frankfurter Grüne Soße, die ‚Grie Soß’, wie die Hessen diese Spezialität nennen“, lacht sie. Auf keinen Fall missen möchte sie die gemeinsamen Mahlzeiten mit Ehemann Matthias und der erwachsenen Tochter. „Es ist wichtig, morgens den Tag zusammen mit einem Frühstück zu beginnen und abends beim Essen ausklingen zu lassen“, sagt die Frau, die sich im Vorstand der saarländischen Organisation von Slow Food engagiert. Der Gruppe ist es ein Anliegen, den Menschen gute Nahrungsmittel näher zu bringen. „Und als Saarländer genießen wir den Restaurantbesuch in Frankreich“ – für sie eine Liebeserklärung an die delikate Küche und ein Beweis, Grenzgänger im besten Sinne des Wortes zu sein. „Unsere Nachbarn aus Frankreich und Luxemburg sind wichtige Kunden für unseren Einzelhandel“, sagt sie.

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