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Am Weihwasser die Finger verbrannt

Am Weihwasser die Finger verbrannt

Die wechselvolle Geschichte der Region zwischen Saargau, Obermosel, Saartal und Hochwald in den letzten beiden Jahrhunderten.

Das Ziel Bismarcks, mit dem Kampf gegen die katholische Kirche den Rückhalt des Zentrums in der katholischen Bevölkerung zu schwächen, verkehrte sich ins Gegenteil. Bisherige Interessensgegensätze zwischen liberalen und konservativen Katholiken rückten in den Hintergrund. Das katholische Vereins- und Verbandswesen erlebte ebenso einen deutlichen Aufschwung wie die katholische Presse, die ungeachtet der repressiven Maßnahmen die Politik des Zentrums massiv unterstützte. Die Bevölkerung fühlte sich enger denn je mit ihren Priestern verbunden, besonders dann, wenn es um die gemeinsame Opposition zur Regierung ging. Bei der Reichstagswahl 1874 wurden fast alle Geistlichen des Wahlbezirks zu Wahlmännern gewählt. Das Zentrum siegte überlegen. Im Kulturkampf festigte sich so die Beziehung zwischen Zentrumspartei und katholischer Wählerschicht. Unbeabsichtigt hatte der Kulturkampf bewirkt, dass im Wahlkreis Saarburg-Merzig-Saarlouis dem Zentrum eine zuverlässige Wählerschaft erwuchs.

Bei den Reichstagswahlen 1877 konnte sich die Zentrumspartei sogar als zweitstärkste Fraktion im Parlament etablieren. Der Kulturkampf ließ die gläubigen Katholiken nur noch enger zusammenrücken und sie eine gewisse Distanz zum preußischen Staat einnehmen. An nationalen Feiertagen, wie Kaisers Geburtstag oder am Sedanstag, hielten sich viele Katholiken betont zurück und weigerten sich auch, die schwarz-weiß-rote Reichsflagge zu hissen. Sie bekundeten auf diese Weise ihre Distanz zu einer Nation, aus der sie sich ausgeschlossen fühlten.

Sowohl hierdurch, als auch aufgrund der kontinuierlichen Wahlerfolge erkannte Bismarck Ende der 1870er Jahre, dass er sein Ziel, die Zerschlagung des politischen Katholizismus, nicht erreichen konnte. Darüber hinaus traten allmählich die Sozialdemokraten in den Mittelpunkt von Bismarcks Innenpolitik, die er als eine noch größere Gefahr für die Gesellschaft im Deutschen Reich erachtete.

Bismarck führte daher einen innenpolitischen Kurswechsel herbei. Dieser war zusätzlich durch einen Wechsel auf dem päpstlichen Stuhl am 20. Februar 1878 erleichtert worden. Der neue Papst, Leo XIII. (1810-1903), hatte in Rom Bereitschaft zur Verständigung signalisiert. Noch im gleichen Jahr nahmen beide Verhandlungen auf, wenn auch zunächst wenig erfolgreich. Die entscheidende Wende im "Kulturkampf" ermöglichte ein unerwarteter Schritt des Papstes, der im Februar 1880 die Anzeigepflicht für die Neubesetzung von Pfarrstellen billigte. Im Mai 1880 kündigte Bismarck im Reichstag eine Abmilderung der antiklerikalen Gesetze an. Im Herbst 1885 verlieh das Kirchenoberhaupt dem Reichskanzler die höchste päpstliche Auszeichnung, den Christusorden - sehr zum Entsetzen der Katholiken in Deutschland, die in Bismarck immer noch den "Christenverfolger" sahen. In weiteren Verhandlungen wurde der "Kulturkampf" zusätzlich entschärft: Die beiden Friedensgesetze von 1886 und 1887 revidierten schließlich bis auf Schulaufsicht und Zivilehe nahezu alle Kulturkampfgesetze. Am 23. Mai 1887 erklärte Leo XIII., dass der Friedenszustand zwischen Heiligem Stuhl und Deutschem Reich wiederhergestellt sei. Anspielend auf die herbe Niederlage Bismarcks im "Kulturkampf" hieß es später im Volksmund, der Reichskanzler habe sich "am Weihwasser die Finger verbrannt".

Erst nachdem die Auseinandersetzung zwischen Kirche und Staat ein Ende gefunden hatte, setzte langsam auf Seiten der katholischen Bevölkerung hier in der Merziger Region ein Bewusstseinswandel und so etwas wie Patriotismus zum preußisch-deutschen Staat ein. Den katholischen Geistlichen dagegen gelang es, den während der Auseinandersetzung mit dem Staat gewonnenen Kredit politisch umzusetzen. Die Pfarrer und Kapläne konnten sich als Interessenvertreter der unteren Volksschichten profilieren. Der Klerus wurde gewissermaßen zum Sprachrohr und innigen Vertrauten der Arbeiterbevölkerung.

Im Gefolge des Kulturkampfes nahm vor allem das katholische Arbeitervereinswesen einen großen Aufschwung. Dies lässt sich am Beispiel Düppenweilers festhalten, wo in der Zeit des Kulturkampfes ein "Bergmannssterbekassenverein" und ein "Hüttenarbeiterverein" gegründet wurden. Obwohl es nicht aus den Namen hervorgeht, wurden die Berg- und Hüttenarbeitervereine, nicht nur hier, sondern auch in der übrigen Region damals und noch bis in die jüngste Vergangenheit hinein als kirchliche Vereine betrachtet.

Die deutsche Wirtschaft hatte bereits in den 1860er Jahren einen spürbaren Aufschwung erfahren. Nach dem Sieg im Krieg von 1870/71 und durch die folgenden Reparationszahlungen Frankreichs mündete dieser dann in einen regelrechten Wirtschaftsboom. Die Schaffung eines einheitlichen nationalen Wirtschaftsraumes ab 1871 und die wirtschaftsliberale Gesetzgebung mehrten die Zuversicht in eine sich fortsetzende rasante ökonomische Entwicklung. Schwerindustrie, Kohlebergbau und Maschinenbau erfuhren daraufhin tatsächlich auch einen kräftigen Wachstumsschub. Eine rasch anziehende Nachfrage, steigende Verbraucherpreise, hohe Gewinne und die gesetzlichen Erleichterungen zur Errichtung von Aktiengesellschaften regten den Ausbau der Produktionskapazitäten und die Gründung neuer Unternehmen weiter an. Die auf den Krieg von 1870/71 folgenden Jahre werden daher als Gründerzeit bezeichnet.

In Erwartung weiter steigender Aktiengewinne und angesichts fortwährender günstiger Kredite schoss das Spekulationsfieber der Anleger weit über das reale Ausmaß des Aufschwungs hinaus. Infolge der überhitzten Konjunktur kam es 1873 in Berlin und Wien zu einem großen Börsenkrach. Dieser führte zu Konkursen und finanziellen Verlusten bei den Geldanlegern und endete im Oktober 1873 im "Gründerkrach".

Ungeachtet dessen hatte die Gründung des als Bundesstaat konzipierten Deutschen Reiches der Saarregion große Vorteile in wirtschaftlicher Hinsicht gebracht. Die Grenze zwischen den vormaligen preußischen und bayerischen Gebieten war in wirtschaftlicher Hinsicht quasi aufgehoben. Mit dem neu hinzugekommenen elsass-lothringischen Gebiet hatte sich der Wirtschaftsraum vergrößert. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt die verkehrstechnische Erschließung nicht allein der Merziger, sondern auch der übrigen Saarregion noch keineswegs zufriedenstellend gelöst.

Zwar war seit der Inbetriebnahme der Eisenbahnstrecke zwischen Saarbrücken und Trier im Jahr 1860 eine durchgehende Verbindung zwischen diesen beiden Städten gegeben. Zu diesem Zeitpunkt war für die in Richtung Trier fahrenden Züge dort jedoch noch Endstation. Es sollte noch bis Oktober 1875 dauern, bis es mit der Eifelstrecke eine durchgehende Verbindung von Trier nach Köln gab. Die Moselstrecke von Trier nach Koblenz wurde dann zwischen 1874 bis 1879 erbaut. Sie war Teil der aus strategischen Gründen erbauten "Kanonenbahn" von Berlin in die Festungsstadt Metz.

Das Teilstück von Trier über Nennig und Perl nach Thionville, dem damaligen Diedenhofen, und von dort bis nach Metz war schon ab Mai 1878 in Betrieb genommen worden. Damit war zu diesem Zeitpunkt auch die Obermoselregion an das deutsche Eisenbahnnetz angeschlossen, die bis dahin verkehrsmäßig sehr stiefmütterlich behandelt worden und insgesamt schlecht erschlossen war.

Der Weinbau hatte während des gesamten 19. Jahrhunderts übrigens noch keineswegs die Bedeutung, die ihm dann in späterer Zeit zukommen sollte. Zwar gehörte der Obermoselraum wie die gesamte Region seit der Neuordnung 1815 zum preußischen Staatsgebiet. Da Preußen im Grunde genommen über relativ wenig Weinanbaugebiete verfügte, hätte dies angesichts einer zunehmend stärker werdenden Nachfrage nach Wein eigentlich positive Auswirkungen für die deutschen Dörfer des Obermoselgebietes nach sich ziehen müssen. Dennoch hatte dies damals keinen nennenswerten Einfluss auf den Weinbau in dieser Region. Für Preußen lag der gesamte Trierer Raum nämlich viel zu sehr am Rande seines Staatsgebietes. Die einzig wichtige Straße war nach wie vor die einer alten römischen Trasse folgende Chaussee von Trier nach Metz über den Saargau. Manche der abseits von dieser Straße auf den Höhen gelegenen Ortschaften waren von den im Tal liegenden Dörfern allerdings nur über Pfade erreichbar. Handel und Transport in fernere Gebiete waren daher ebenfalls kaum möglich, zumal der Weinhandel seinen Bedarf bequemer und qualitätsmäßig günstiger an der Mittelmosel decken konnte.

Demgegenüber florierte der Weinbau in dem auf der anderen Moselseite gelegenen Luxemburg schon ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts in zunehmendem Maße. Dies hatte wiederum zur Folge, dass viele Bewohner von der deutschen Seite als saisonale oder fest angestellte Arbeitskräfte im luxemburgischen Weinbau Arbeit und Brot fanden. Erst nach dem Ersten Weltkrieg sollte sich dies grundlegend ändern, nachdem das Elsaß, mit damals 20 000 Hektar Rebland das größte Konsumweingebiet des Deutschen Reiches wieder an Frankreich zurückgefallen und die luxemburgische Konkurrenz, die bis dahin ihre Weine zollfrei nach Deutschland liefern konnte, durch neue Handelsverträge mit Belgien und den Niederlanden vom deutschen Markt verschwunden war.

Die Inbetriebnahme der Eisenbahnstrecke Trier-Metz im Jahr 1878 erwies sich schließlich für die Menschen in den Dörfern an der Obermosel als überaus positiv. Ihnen eröffneten sich dadurch erstmals in größerem Umfang Arbeitsmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft.

Durch die neu eröffnete Bahnlinie waren nun vor allem die lothringischen Industriereviere von Diedenhofen und Hayingen (Hayange) mit ihren Hütten- und Stahlwerken leichter zu erreichen. Zunehmend suchten die Menschen aus der Obermoselregion daher dort nun Arbeit und nutzten die sich bietenden Möglichkeiten in den lothringischen Betrieben als Tages- und mehr noch als Wochenpendler, ähnlich wie dies auch in den übrigen Teilen des heutigen Kreisgebietes für die Pendler in die Gruben und Hüttenwerke des Saarrevieres der Fall war.

Der Bau der 1860 in Betrieb genommenen Saarstrecke von Saarbrücken nach Trier hatte den Bewohnern der Merziger Region noch vor der eigentlichen Inbetriebnahme indirekt großen Nutzen gebracht. So war bereits 1856 die Burbacher Hütte allein wegen der sich damals erst in der Planung befindlichen neuen Saartalstrecke nicht am Ufer der Mosel, sondern bei Saarbrücken an der Saar errichtet worden. Die Dillinger Hütte, die zu diesem Zeitpunkt ja schon lange bestand, hatte von der Inbetriebnahme der Eisenbahnstrecke natürlich ebenfalls profitiert. Während der sogenannten Gründerzeit, war 1873 in Völklingen noch eine weitere Hütte errichtet worden. Die zuvor im Handel tätige Familie Röchling erwarb 1881 dieses Hüttenwerk und baute es zu einem der bedeutendsten Unternehmen im Saarrevier aus. Vom Ausbau der Eisenbahnen profitierten gerade die Hüttenwerke, die durch die Produktion von Eisenbahnschienen ihre Auftragslage erheblich verbessern konnten. Umgekehrt boten diese an der Saarstrecke neugeschaffenen Industrieansiedlungen gerade den Bewohnern der Ortschaften des Kreises die an bzw. nicht zu weit entfernt von der Bahnstrecke lagen, neue Beschäftigungsmöglichkeiten

Statt eines mühsamen Fußweges, konnten die Arbeiter nun einen Zug benutzen und brauchten zumindest während der Sommermonate nicht mehr die Woche über in den Schlafhäusern zu verbringen - ein Fortschritt. < Wird fortgesetzt.