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Als Krieg und Rinderpest wüteten

Als Krieg und Rinderpest wüteten

Matthias Schneider berichtet über die Eisenbahntransporte während der Zeit des Deutsch-Französischen Krieges Folgendes: "Es kam das Kriegsjahr 1870. Immer noch war die Saartalbahn eine eingleisige. So manches Regiment Soldaten musste die bequeme Eisenbahnfahrt entbehren. An einem heißen Augusttage war die Beckinger Felsenmühle der Schauplatz einer großen Viehschlächterei geworden. Das auf der Trier-Saarbrücker Straße zum nahen Kampffeld getriebene Schlachtvieh konnte man nicht mehr vorwärtsbringen. Geschlachtet und in Fässer eingepökelt wurde das vorzügliche Ochsenfleisch, und vom Beckinger Bahnhof aus besorgte man den Versand ins Feld. Züge mit Verwundeten und auch Gefangenen durchfuhren später den Bahnhof Beckingen und manche Stunde verbrachten die Neugierigen aus der ganzen mittleren Saargegend in der Nähe des heimischen Bahnhofes. Gewisse Eindrücke des blutigen Krieges lassen sich auch bei alt gewordenen Saarleuten nicht verwischen. Es gruselt mich noch heute, wenn die Erinnerung an einen von Dillingen herkommenden Gefangenenzug in mir aufwacht. Im Bahnhof Beckingen macht der Zug auf einige Zeit halt. Braun und gelb aussehende fremde Krieger entsteigen auf der rechten und linken Seite dem langen Zug und suchen ein Plätzchen auf, das für Ruhrkranke niemals vorgesehen war. Ein feuchtkalter Herbsttag nach Übergabe einer Festung war den Gefangenen, die deutsch fühlende Saarbewohner nicht hassen, sondern nur bemitleiden mochten, beschieden."

Aus Merzig wird ähnliches gemeldet, wenn es heißt: "In diesen Tagen konnten die Erwachsenen alle frei nach Saarbrücken fahren, um das Schlachtfeld zu besichtigen. Dabei standen die Merziger Jungen am Bahnhof und schauten neidischen Blickes zu den abfahrenden Zügen. Aber ein anderes Vergnügen wartete auf sie. Täglich kamen lange Züge gefangener Franzosen in Merzig an, um nach dem Inneren Deutschlands befördert zu werden. Da saßen sie sogar auf den Dächern, die Franzosen mit den roten Pumphosen. Und die Jungen standen da am Zaun und blickten nach den Franzosen. Aber eins stach ihnen in die Augen. Die Soldaten hatten so schöne, rote ‚Epauletts'. Die Jungen spielten schon lange ‚Soldaten', aber solche Dinge, die hatten ihnen noch gefehlt. Also sparte man sich einen Bissen Brot vom Munde ab, ging zum Bahnhof und streckte den Arm mit dem Stück Brot in der Hand durch das Gitter. Dabei rief man den gierig blickenden Franzosen zu: ‚Voulez vous pain?' Dann riefen sie alle, die Arme ausstreckend: ‚Oui, oui!' ‚Epauletts, Epauletts!' Und sie rissen die ‚Epauletts' von den Schultern und gaben sie den Jungen, die den Bissen dafür eintauschten. Hastig verschlangen sie das Stück Brot . Zu Hause nähte sodann die Mutter den Buben die Achselstücke an. Auch kamen gefangene, kranke Franzosen nach Merzig in das Lazarett, in die ‚Fellenbergsche Fabrik', von deren Dach eine große weiße Flagge wehte. Nach der Schlacht bei Saarbrücken kam hier ein großer Fourage-Transport durch. Ungeheure Viehherden schoben sich langsam durch die Felder. Merziger sagen, dass noch nie eine so große Viehherde gesehen worden wäre. Aber das Unglück folgte. Eine große Seuche ergriff die Herden. Es musste abgeschossen werden das stattliche Vieh. Hinter der Fabrik und auf der Ell wurde es verscharrt. Aber auch in Merzig drang die Seuche in die Ställe. Zahlreiche Bauern mussten ihr Vieh hergeben."

In einem Bericht der Merziger Zeitung vom 14. Dezember 1918 heißt es in diesem Zusammenhang weiter: "Anno 1870-71 wütete hier die Rinderpest ein ganzes Jahr lang. An den drei Eingängen der Stadt, da wo die Kapellen stehen, wurde jeder Passant in einer Bude ausgeräuchert. Eine Kompagnie 88er aus Frankfurt war der Stadt zugeteilt. Auch auf dem Lande waren dieselben Vorkehrungen getroffen. Sehr viel Vieh ist trotzdem gefallen."

Nach dem erfolgreichen Kriegsverlauf konnte Bismarck die süddeutschen Staaten zum Eintritt in den Bundesstaat Norddeutscher Bund bewegen. Der Bundespräsident, der König von Preußen Wilhelm I., nahm den Titel "Deutscher Kaiser" an. Der Norddeutsche Bund, nach dem Beitritt der süddeutschen Staaten kurzzeitig auch "Deutscher Bund" genannt, vergrößerte sich zum Deutschen Reich. Die veränderte Verfassung trat am 1. Januar 1871 in Kraft. Am 18. Januar 1871 ließ sich Wilhelm I. auf Betreiben Bismarcks im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser proklamieren. Die Proklamation an diesem Ort wurde in Frankreich als Demütigung empfunden. Am 10. Mai 1871 wurde im Frankfurter "Hotel zum Schwan", nach langwierigen Verhandlungen in Brüssel und Frankfurt, der "Friede von Frankfurt" geschlossen. Der Tag der Schlacht bei Sedan wurde in Deutschland später als Sedan-Tag gefeiert. Bald wurde die Schlacht zum Symbol der Überlegenheit über den "Erbfeind" hochstilisiert.

Über das Kriegsende wird aus Merzig Folgendes berichtet: "Der Krieg war zu Ende. Deutschland hatte gesiegt. Auch in Merzig beging man feierlich das Kriegsende . Auf dem Kreuzberg wurde ein gewaltiger Holzstoß aufgestellt. Dann wurde er mit Teer übergossen und abends angezündet. Die Flammen leuchteten weithin bis nach Lothringen hinein." Die Zahl der Kriegsteilnehmer aus den Ortschaften des Kreises Merzig hatte in diesem Krieg schon ganz andere Dimensionen als in den beiden vorangegangenen Auseinandersetzungen erreicht. Die Zahl der Einberufenen betrug 1870 nämlich 1086 (ohne Merzig), die der Gefallenen 27, wobei unter diesen auch zwei der Stadt Merzig zu finden sind.

Der Kreis Merzig während der Zeit des Kulturkampfes

Nach der Reichsgründung setzte sehr bald schon ein rasanter wirtschaftlicher Aufschwung nicht nur hier in der Saarregion, sondern in ganz Deutschland ein. Der deutsche Sieg und die dadurch erfolgte Schaffung eines Nationalstaates hatten auch in der Merziger Region zu einer regelrechten nationalen Euphorie geführt. Allerdings sahen sich die Menschen hier sehr bald schon einem Zwiespalt zwischen der Begeisterung für die nationale Sache und ihrer Glaubenstreue zum Katholizismus ausgesetzt.

Die Merziger Region war seit alters her eine rein katholische Region. Ähnlich wie bei der territorialen Gliederung war die Region auch, was die Zugehörigkeit zu den kirchlichen Bezirken betraf, aufgespalten in die Diözesen Trier und Metz. Dies bedeutet, dass die vormals lothringischen Gebiete in aller Regel zum Bistum Metz, die rechts der Saar gelegenen zum Bistum Trier gehörten. Später wurden die Bistumsgrenzen dann an die der Departements angepasst. Allerdings war es ein Grundprinzip preußischer Kirchenpolitik, keine auswärtige Hoheitspolitik über seine Bürger zuzulassen. Nach den Befreiungskriegen war deshalb eine Neuordnung der Kirchenbezirke erforderlich, da sich diese an den Staats- und Verwaltungsgrenzen Frankreichs orientiert hatten. 1821 legte eine päpstliche Bulle den Einzugsbereich des neuen Bistums Trier fest. Dieses umfasste nunmehr das Gebiet der Regierungsbezirke Trier und Koblenz. 1827 erfolgte eine Untergliederung der Diözese in 26 Dekanate, die wiederum in Definitionen unterteilt waren. Die Dekanatsgrenzen richteten sich weitgehend nach den Kreisgrenzen. Was die Religions- beziehungsweise Konfessionszugehörigkeit der Bevölkerung des Kreises Merzig betrifft, so betrug der Anteil der Katholiken im Jahr 1828 exakt 98,93 Prozent. Protestanten gab es in absoluten Zahlen 67, die Zahl der Juden betrug 204 bei 26 629 Katholiken .

1861 hatte sich der Anteil der Katholiken kaum verändert und lag bei 98,24 Prozent, bei einer mittlerweile allerdings deutlich gestiegenen Bevölkerung. In absoluten Zahlen ausgedrückt gab es nun 33 991 Katholiken , 195 Protestanten und 371 Juden. 1869/70 hatte das Erste Vatikanische Konzil stattgefunden. Im Mittelpunkt dieses Konzils hatten vor allem die Beratungen der Bischöfe über die päpstliche Unfehlbarkeit bei der Definition von Glaubens- und Sittenlehren gestanden. Schließlich war die päpstliche Unfehlbarkeit von der Konzilsmehrheit als Dogma festgeschrieben worden. Im Gefolge des Konzils entwickelte sich auch in Deutschland die politische Bewegung des Katholizismus in Gestalt der Zentrumspartei . Im neuen Kaiserreich entwickelte sich so ein konfliktreicher Gegensatz der durch das Kaisertum erstarkten preußisch-protestantischen Staatsgewalt einerseits und der katholischen Kirche, der so genannte Kulturkampf.

Bismarck trieb bei seinen Aktionen gegen die katholische Kirche dabei keineswegs ein auf konfessionelle Gegensätze zurückführender missionarischer Eifer oder eine antikatholische Kreuzzugsstimmung. Ausschlaggebend für ihn war vielmehr die Tatsache, dass im Herbst 1870 mit dem Zentrum eine politische Partei entstanden war, die sich auf Anhieb als zweitstärkste Kraft im Reichstag etablieren konnte. In dieser Partei sammelten sich dabei die Kräfte des politischen Katholizismus , die sich im neuen preußisch-protestantisch geprägten Reich in die Rolle einer Minderheit gedrängt sahen. Darüber hinaus unterschied sich das Zentrum von den bisherigen bürgerlich-liberalen Parteien dadurch, dass es breitere Kreise der Wählerschaft, auch aus unteren Volksschichten, anzusprechen und als Protestpotential zu organisieren vermochte. Im Zentrum hatten sich daher nach der Sichtweise des Reichskanzlers verschiedene möglicherweise subversive Kräfte zu einer in seinen Augen unheiligen Allianz zusammengefunden, die es zu bekämpfen galt. Bismarck empfand den politischen Katholizismus als ernste Bedrohung für die preußisch-protestantisch geprägte Monarchie.

Im Kreis Merzig selbst hatte es zwischen den beiden christlichen Konfessionen bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Konflikte gegeben. Die Zahl der Protestanten war zu dieser Zeit in unserer Region ja auch noch verschwindend gering. Zwar war am 9. November 1865 in Merzig mit der evangelischen Friedenskirche das erste protestantische Gotteshaus im Bereich der unteren Saar eingeweiht worden. Die im neugotischen Stil von Carl Friedrich Müller, einem der wichtigsten Kirchenbaumeister der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Saarland, errichtete einfache Hallenkirche bot Platz für zirka 120 Gläubige, was in der damaligen Zeit mehr als ausreichend war. In der flächenmäßig riesigen Gemeinde, deren Einzugsgebiet von Beckingen bis Saarburg und von Perl bis Wadern reichte, lebten damals ja nur etwas über 200 Protestanten . Gleichwohl besaßen die hier lebenden Protestanten verhältnismäßig großen Einfluss, da sie meist der Oberschicht angehörten und gehobene Positionen in Verwaltung und Wirtschaft bekleideten. Der Bau der Merziger Kirche war seinerzeit aus Geldern von 33 Gustav-Adolf-Vereinen, dem Gustav-Adolf-Frauenwerk, aus Kollekten fast aller Kirchen der Rheinprovinz und aus Spenden vieler Freunde finanziert worden. Dazu hatten der damalige preußische König Wilhelm I., die Königin Auguste und die Familien von Boch-Buschmann und von Fellenberg gehört.< Wird forgesetzt.