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Als Bismarck mit „Eisen und Blut“ regierte

Als Bismarck mit „Eisen und Blut“ regierte

Nachdem die Bahnlinie fertiggestellt und in Betrieb genommen war, verloren die Tagelöhner wieder ihre Arbeit. Der durch die Bahnlinie in Gang gesetzte Aufschwung führte nun allerdings dazu, dass sich neue Beschäftigungsmöglichkeiten auf den Gruben und in den Hüttenwerken boten. Diese waren durch die Bahnlinie für die Arbeiter nun wesentlich leichter zu erreichen.

Die einsetzende wachsende Nachfrage nach Arbeitskräften hatte zur Folge, dass die Zahl der Arbeiter im preußischen Saarbergbau ab diesem Zeitpunkt einen rasanten Anstieg nahm: 1850 betrug sie 4.580, 1860 bereits 12.159, weitere zehn Jahre später 15.662. Die Zahl der Beschäftigten im Saarbergbau sollte schließlich bis zum Jahr 1913 auf 56.300 Mann steigen. Ein großer Teil der Menschen aus dem mittleren und nördlichen Saarland, die Arbeit auf den Gruben fanden, zog mit ihren Familien in die Nähe der Grubenstandorte.

Dies taten jedoch bei weitem nicht alle. Vielmehr zogen es sehr viele Bergleute und Hüttenarbeiter vor bzw. waren durch die weite Entfernung ihres Wohnortes von der Arbeitsstätte meist dazu gezwungen, die Woche über nach einer anstrengenden, in aller Regel zwölfstündigen Arbeitsschicht in den Schlafhäusern der Gruben zu bleiben. Erst am Wochenende kehrten sie dann zu ihren Familien in die zum Teil weit entfernt gelegenen Heimatorte zurück.

So entwickelte sich ein ausgedehntes Nah- und Fernpendlerwesen, bei dem Tausende von Bergleuten stundenlange Fußmärsche und Eisenbahnfahrten auf sich nahmen, um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen. Da ihr Arbeitsverdienst kaum für ein erträgliches Auskommen reichte - 1861 verdiente ein einfacher Bergmann um 150 Taler, eine Arbeiterfamilie brauchte für Wohnen, Essen, Heizen, Kleidung, Hausrat usw. etwa 150 bis 200 Taler - mussten die Arbeiter zu Hause in ihren Heimatdörfern daneben noch weiter Landwirtschaft betreiben. Durch dieses System von Nah- und Fernpendlern blieb die Arbeiterschaft in unserer Region aber immer noch der ländlich-bäuerlichen Umwelt verbunden, was einer Proletarisierung entgegenwirkte. Da die Männer, wie bereits ausgeführt, erst am späten Samstagabend in ihre Dörfer heimkehrten, waren auf der anderen Seite Frauen und Kinder gezwungen, die Woche über die landwirtschaftlichen Arbeiten zu verrichten.

Der weitere Ausbau des Eisenbahnnetzes in den späteren Jahren, worüber noch zu berichten sein wird, brachte vor allem den Arbeitern aus den Dörfern des Hochwalds wesentliche Erleichterungen auf dem Weg zu ihren Arbeitsplätzen auf den Gruben und Hütten. Die Eröffnung der Saarstrecke hatte ihnen noch keinen direkten Vorteil gebracht. Sie mussten daher noch viele Jahre besonders weite Strecken zu ihren Arbeitsstätten zu Fuß zurücklegen. Aus diesem Grund wurde für sie der Begriff des "Hartfüßlers" geprägt.

Zu erwähnen wäre an dieser Stelle noch, dass 1869 in Beckingen die Firma Hetzler und Kolb gegründet wurde. Bereits im April 1872 kam mit Friedrich Bernhard Karcher ein neuer Teilhaber hinzu, dem insbesondere die kaufmännische Leitung zugedacht war. Karcher wurden die gleichen Rechte wie Hetzler und Kolb eingeräumt, so dass das Unternehmen nun unter dem Namen Hetzler, Kolb und Karcher firmierte. Friedrich Bernhard Karcher entstammte einer alt eingesessenen Saarbrücker Familie. Sein Vater hatte ebenso wie der Eisenhüttenbesitzer Karl Stumm in die Saarbrücker Industriellenfamilie Böcking eingeheiratet. Karcher war dadurch ein Cousin von Karl Ferdinand Freiherr von Stumm-Halberg und mit den die saarländische Eisenindustrie beherrschenden Familien Stumm und Böcking verwandtschaftlich verbunden.

1870/71 - der Deutsch-französische Krieg und die Gründung des Deutschen Kaiserreiches

Bevor über die weitere Entwicklung der Merziger Region in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht in den nachfolgenden Jahren berichtet wird, sollen zunächst die Entwicklungen dargestellt werden, die sozusagen als große Politik die Jahre zwischen 1860 und 1870/71 auch für die Menschen in unserer Region wesentlich beeinflusst haben.

Innerhalb der Arbeiterschaft und der bäuerlichen Bevölkerung der Merziger Region ließen Armut und Existenzsorgen wenig Raum für den nationalen Gedanken, der trotz des Scheiterns der Revolution von 1848/49 in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung wach geblieben war. Ende der 1850er Jahre gewann die deutsche Nationalbewegung dann durch die italienische Einigungsbewegung allerdings neue Schwungkraft: Die 1859 stattfindenden "Schillerfeiern" verehrten den Dichter der Weimarer Klassik als nationales Freiheitsidol. Im gleichen Jahr gründeten Liberale und gemäßigte Demokraten den "Deutschen Nationalverein". Seine Mitglieder forderten die Reichseinigung als "kleindeutsche Lösung" unter Ausschluss Österreichs.

Entscheidend für die angestrebte Reichseinigung war die Bereitschaft Preußens, die Gründung des Nationalstaats voranzutreiben. König Wilhelm I. und Ministerpräsident Otto von Bismarck setzten die nationale Frage auf die politische Tagesordnung. Bismarck gab hier die Marschrichtung vor, indem er folgendes zum Ausdruck brachte: "Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden - das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen - sondern durch Eisen und Blut!"

Über die Frage der nationalen Zugehörigkeit des Herzogtums Schleswig, das die dänische Regierung in ihren Gesamtstaat integrieren wollte, kam es 1864 zum Deutsch-Dänischen Krieg. Bismarck gelang es, Österreich auf die preußische Seite zu ziehen. Obwohl sich dieser Krieg weit entfernt von unserer Region abspielte, nahmen die Menschen hier dennoch Anteil an den Geschehnissen. Immerhin betrug die Zahl der Einberufenen aus dem Kreis Merzig 146, wobei die Zahlen für die Stadt Merzig selbst unberücksichtigt bleiben, da solche in einer Auflistung Kells nicht angegeben werden. Sie sind hier lediglich mit einem Fragezeichen versehen. An Opfern war letztlich lediglich ein Gefallener aus Wellingen zu beklagen. Es fällt allerdings auf, dass die Zahl der Einberufenen aus Haustadt mit 40 ungewöhnlich hoch erscheint.

An dieser Stelle soll der Frage nachgegangen werden, wie die Menschen hier in unserer Region zur damaligen Zeit über die Kriegsereignisse im Besonderen oder das sonstige Weltgeschehen im Allgemeinen informiert wurden. Es gibt ein Bericht des bereits erwähnten Lehrers Matthias Schneider, der seine Kindheit und Jugend in Düppenweiler verbracht hatte, interessante Einblicke in das Leben in den Dörfern zur damaligen Zeit.

Er schreibt in diesem Zusammenhang: "In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts erfuhr man in den abgelegenen Dörfern von der Umwelt noch sehr wenig. Nur einzelne Berg- und Hüttenarbeiter kehrten am Samstagabend von einer Grube oder einem Hüttenwerk an der Saar zurück. Kam ein Soldat in Urlaub, so lief das halbe Dorf zusammen und horchte aufmerksam den Erzählungen aus dem Soldatenleben zu. Ab und zu erfuhren die wissbegierigen Dörfler Neuigkeiten, die man von Gerichtstagen in Merzig und von den Saarlouiser Wochenmärkten ins Dorf brachte. Und doch interessierten sich manche Leute sehr stark um die Vorgänge in der Umwelt und Außenwelt."

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die Zeitungen im Zuge der zunehmenden Urbanisierung und Alphabetisierung, des technischen Fortschritts auf dem Gebiet der Nachrichtenübermittlung, der Drucktechnik sowie der Ausbildung des Journalistenberufs immer mehr zum Massen- und Leitmedium.

Ab 1855 gab es auch im Merziger Kreisgebiet mit der Merziger Zeitung ein Blatt, das die Menschen nicht nur über das Weltgeschehen, sondern auch über regionale und lokale Ereignisse unterrichtete. Mit der ersten Ausgabe der Merziger Volkszeitung Ende 1892 gab es dann in der Merziger Region sogar noch ein zweites Blatt. Anfangs erschien die Volkszeitung zunächst nur dreimal in der Woche, ab 1898 dann schließlich täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Allerdings waren Zeitungen in den Haushalten der Dörfer hier in der Region in den 1860er Jahren noch nicht in größerer Zahl verbreitet.

Das war auch in Düppenweiler zur Zeit des Deutsch-dänischen Krieges der Fall, wie es im Bericht weiter heißt: "Ein junger Mann aus dem Ort, Freichels Hanni, war im Krieg. In Schleswig-Holstein stand der stramme Augustaner. Er war ein guter Hornist. Hannis Vater und andere ehemalige preußische Soldaten hielten im Knabenschulhaus Kriegsrat. ‚Herr Lehrer , was erzählt die Zeitung heute vom Kriegsschauplatz?‘ Dies war immer die erste Frage der Männer, die wohl eine Zeitung lesen konnten, aber um die Haltung einer Zeitung sich nicht die geringste Sorge machten. Das wäre ja auch für knickerige Leute eine unnötige Geldausgabe geworden. Der Pastor, der Lehrer und der Förster ließen sich die Zeitung von auswärts bringen. Dem Ortsvorsteher wurde von Amts wegen die Zeitung zugeschickt. Hatte der Schullehrer die Tageszeitung vorgelesen und hatte man diskutiert und disputiert, dann wurde Hannis letzter Feldpostbrief vorgelesen. Was hatte denn der Hornist eines Tages geschrieben? ‚Die Österreicher neben uns hier in Holstein‘, erzählt Hanni, ‚sind dumme Kerls gegen uns; sie können keine Briefe schreiben wie wir. Wir liegen auf der Erde und schreiben auf dem Tornister Briefe an unsere Lieben in der Heimat.‘ Hanni Freichel hatte die Wahrheit geschrieben, denn erst drei Jahre später (1867) wurde in Österreich die Schulpflicht eingeführt."

Das Treffen im Schulhaus und das Vorlesen des Lehrers aus der Zeitung muss für alle so etwas wie die "Tagesschau" oder besser noch eine Art "Wochenschau" dargestellt haben. Was sie dort an Neuigkeiten aus der weiten Welt erfuhren, erzählten sie im Wirtshaus, zuhause oder auf der Arbeit weiter.

Nach dem Sieg über Dänemark wurde Schleswig unter preußische, Holstein unter österreichische Verwaltung gestellt. Um die "Kriegsbeute " brach zwischen Preußen und Österreich jedoch bald ein Konflikt aus, der sich nur vordergründig um Schleswig und Holstein drehte. Der Deutsche Krieg zwischen Preußen und Österreich im Jahr 1866, also vor 150 Jahren, war das letzte und entscheidende Ringen beider Großmächte um die Vorherrschaft in Deutschland. Entschieden wurde dieser Krieg nach nur wenigen Wochen in der Schlacht von Königgrätz am 3. Juli 1866. Im europäischen Ausland wurde der überraschend schnell errungene Sieg Preußens mit Misstrauen betrachtet.

Auch von den weit entfernt stattfindenden Kriegshandlungen des Jahres 1866 war unsere Region wieder nicht unmittelbar betroffen. Jedoch war die Zahl der Einberufenen mit 437 doch schon wesentlich höher als zwei Jahre zuvor. Auch hier bleibt die Zahl der Einberufenen aus Merzig selbst unerwähnt, weil keine zuverlässigen Angaben vorhanden waren. Die Zahl der Gefallenen aus dem Kreis Merzig betrug insgesamt 10, wobei unter diesen allerdings auch einer aus der Stadt Merzig zu finden ist.

Bismarck erkannte die revolutionäre Schubkraft des nationalen Gedankens und suchte sie zu nutzen. Über die Machterweiterung Preußens und die Errichtung einer preußischen Hegemonie in Deutschland auf Kosten Österreichs trieb er den Einigungsprozess voran. Das Kaisertum Österreich erkannte die Auflösung des 1815 ins Leben gerufenen Deutschen Bundes an. Alle deutschen Staaten nördlich der Mainlinie wurden 1867 im neugegründeten Norddeutschen Bund unter preußischer Führung zusammengefasst. Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt lehnten sich in "Schutz- und Trutzbündnissen" eng an den Norddeutschen Bund an. Österreich war somit vollständig aus dem deutschen Einigungsprozess hinausgedrängt.

Nach dem Deutschen Krieg 1866 verstärkte sich in Frankreich allerdings die Furcht vor einem zu großen preußisch-deutschen Machtgewinn in Mitteleuropa. Für Bismarck hingegen war eine militärische Auseinandersetzung mit dem als "Erbfeind" deklarierten Frankreich eine Möglichkeit, die nationale Einigung unter Preußens Führung durch "Eisen und Blut" zu vollenden. < Wird fortgesetzt.