1. Saarland
  2. Merzig-Wadern
  3. Merzig

Alltag im Merziger Mehrgenerationenhaus

Alltag im Merziger Mehrgenerationenhaus

Kinderbetreuung, Arbeit mit Senioren und Coaching junger Frauen: Die SZ hat die Teams der Einrichtung bei ihren Jobs begleitet.

"Zug, Zug, Zug, die Eisenbahn, wer will mit zum Spielen fahren? Alleine fahren will ich nicht. Drum nehme ich den Maximilian mit", singt Anke Kramp in der Kinderbetreuung im Erdgeschoss des Mehrgenerationenhauses. Der kleine Maximilian hat sich aus roten Schaumstoffbauklötzen einen Zug gebaut. Auf welchen spannenden Abenteuern er in seiner Fantasie gerade unterwegs ist, wissen wir leider nicht. "Steig schnell ein, Leonard", ermuntert die Betreuerin Maximilians Spielgefährten und stimmt das Lied von vorne an. Mit einer echten Zugführerpfeife signalisiert sie die Abfahrt der Lok. Das gefällt den Sprösslingen, allesamt unter drei Jahren, sehr. Freudig imitieren sie die Zuggeräusche. An diesem Morgen sind sie die einzigen Kinder, deren Eltern die Betreuung nutzen, die wochentags außer mittwochs von 9 bis 12 Uhr angeboten wird. "Im Durchschnitt haben wir aber sechs Kinder hier", erzählt Kramp, die sich seit sechs Jahren ehrenamtlich im Mehrgenerationenhaus engagiert. Jeden Morgen gibt es zunächst Frühstück für die Kleinen. "Das macht jeder anders", erzählt sie. Heute stand Müsli mit Joghurt und Früchten auf dem Speiseplan. Danach wird geknetet, gepuzzelt oder gesungen. Dabei liegen der gelernten Krankenschwester die Bedürfnisse der Kinder besonders am Herzen. Es sind immer zwei Betreuerinnen für den Nachwuchs da. An diesem Morgen spielt Edith Bauer-Ehses mit den aufgeweckten Jungen. Eigentlich bietet sie montags und freitags einen Spielkreis und eine Krabbelgruppe an. Sie ist zurzeit in einer Fortbildung und freut sich, ihre Pflichtpraktikumsstunden in der hauseigenen Kinderbetreuung zu absolvieren.

Im zweiten Stockwerk des knallroten Hauses mit der auffälligen Fensterfront geht es etwas ernster zu. Um eine Tischgruppe haben sich vier alleinerziehende Mütter versammelt. Das "Coaching für Alleinerziehende" ist eine Maßnahme des Jobcenters. Maximal zehn junge Frauen stellen sich in der Gruppe zusammen mit der Diplom Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin Bärbel Kramb allen Fragen und Problemen rund um die Jobsuche. Das Umfeld ist ungezwungen. Kaffee und Tee stehen auf dem Tisch, wer Hunger hat, kann auch mal in sein Brot beißen. "Das ist uns wichtig", sagt Kramb. "Manchmal kommt man, gerade mit Kindern, morgens hektisch aus dem Haus." Ihr Coaching ziele nicht darauf ab, den Teilnehmern Vorschriften zu machen. "Coaching heißt ‚befähigen zu', nicht zu übernehmen." Das strahlt sie auch aus. Sie spricht die Teilnehmer oft an, tauscht sich mit ihnen aus und lässt sie die richtigen Antworten selbst erarbeiten. Neben den Gruppentreffen haben die Alleinerziehenden auch die Möglichkeit, Einzelgespräche wahrzunehmen. "Dann kann man noch mal individueller auf den einzelnen Fall eingehen." So hat Kramb zusammen mit Nadine Schippmann ihren Lebenslauf auf den neusten Stand gebracht und im Einzelgespräch gleich ein paar E-Mails verschickt. Mit Erfolg - sie konnte kurz darauf ein Praktikum beginnen. "Man lernt hier viel über sich selbst", sagt die Mutter von zwei Kindern: "Man lernt seine Stärken kennen und bekommt Hilfe in allen Bereichen." Außerdem habe Bärbel Kramb ihr Mut gemacht, das Praktikum anzunehmen. Sabrina Scheilz war gerade drei Wochen arbeitslos, als das Angebot des Jobcenters kam. Nach der Vorstellungsrunde hat sie sich nach ihren Worten gleich für das Coaching angemeldet und kann bereits einen Erfolg aufweisen. Eine ihrer zahlreichen Bewerbungen hat Früchte getragen und ihr zu einem Job in Saarlouis verholfen. "Die Erfolgsquote des Trainings liegt bei ungefähr 50 Prozent", sagt Ursula Zeimet, Leiterin des Mehrgenerationenhauses. "Manchmal sind die Erfolge unmittelbar, und die Teilnehmer finden noch während des Coachings einen Arbeitsplatz." Oft seien es aber langfristige Erfolge. "Es bewegt sich etwas, wie eine neue Wohnung oder ein Termin bei der Schuldnerberatung", erläutert Zeimet. Manchmal sei es eine Kleinigkeit, die die Veränderung bringt, wie die Idee, nicht ausschließlich im angestammten Berufsfeld zu suchen.

Im Offenen Treff im Erdgeschoss des Mehrgenerationenhauses bietet das Hauswirtschaftsteam jede Woche von Montag bis Freitag von 12 Uhr bis 14 Uhr einen Mittagstisch an. Alleine essen muss dort aber niemand. "Die Tischgruppen sind so konzipiert, dass man sich gerne dazusetzen kann", sagt Leiterin Ursula Zeimet, die sich zu einer Gruppe Senioren gesellt. Werner Lorang, Harald Krupke und Annemarie Koch, alle über 80 Jahre alt, kommen fast täglich zum Mittagstisch. "Wenn man alleine isst, dann schmeckt es nicht. Da kann man noch so gut kochen", sagt Annemarie Koch. Ihren "Stammtisch" verwöhnt sie an diesem Tag mit selbstgemachten Mandelsplitter. "Das ist ein guter Nachtisch", freut sich Harald Krupke und sichert sich ein zweites Stück.

Nach der Mittagsruhe erklingen aus dem ersten Stock die munteren Akkordeonklänge von Herbert Jakobs. Ein Mal in der Woche kommt er zur Seniorentagespflege. Sein Alter lässt er gerne schätzen. 75, maximal 80 Jahre, so alt sieht er aus, wenn er munter in die Tasten des "Quetschkastens" haut. "Wenn Gott will, werde ich im Dezember 90", verrät er, sich seiner Vitalität sehr wohl bewusst. Die Musik halte ihn jung. Seit er fünf Jahre alt ist, spielt er Akkordeon. Unterricht hatte er nie. "Alles selbst beigebracht", sagt Jakobs.

Die anderen Gäste der Tagespflege sitzen auf den gemütlichen roten Sesseln im Kreis und freuen sich über seine Musik. Die Lieder wie "Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei" kennen sie alle. Einige schunkeln mit, andere singen nur. Regina Flamm arbeitet seit drei Jahren hier. Für ihre Kinder ist die gebürtige Baden-Württembergerin ins Saarland gezogen. "Singen steht jeden Tag auf dem Programm", erzählt sie. "Wenn Herr Jakobs nicht da ist, haben wir Instrumental-CDs." Auch wird oft gebastelt. So entspringt die schöne Osterdeko, die die helle Fensterfront schmückt, den Basteleien der Senioren. "Allerdings ist die schon ein paar Jährchen alt", sagt Flamm, die ihre Arbeit nach eigener Aussage sehr gerne macht.