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Zeitzeugen
30 Jahre "Zeitzeugenprojekt" der KEB im Kreis Saarlouis e. V.

Gemeinsame Feierstunde: Seit 1987 lädt die KEB mit dem Maximilian-Kolbe-Werk (Freiburg) jährlich Gäste aus Osteuropa ein, denen während des Krieges im deutschen Namen schweres Leid zugefügt wurde.
Gemeinsame Feierstunde: Seit 1987 lädt die KEB mit dem Maximilian-Kolbe-Werk (Freiburg) jährlich Gäste aus Osteuropa ein, denen während des Krieges im deutschen Namen schweres Leid zugefügt wurde. FOTO: Picasa / SZ
Dillingen/Merzig-Wadern. Kürzlich wurde der KEB für ihr NS-Zeitzeugenprojekt der Saarländische Weiterbildungspreis verliehen.

() Mit einer Feierstunde hat die Katholische Erwachsenenbildung (KEB) im Kreis Saarlouis unlängst das 30-jährige Bestehen ihres „Zeitzeugenprojekts“ begangen. Seit 1987 lädt die KEB in Kooperation mit dem Maximilian-Kolbe-Werk (Freiburg) mindestens einmal im Jahr Gäste aus Osteuropa ein, denen während des Krieges im deutschen Namen schweres Leid zugefügt wurde. In den drei Jahrzehnten waren über 300 Gäste aus Russland, Litauen, Ukraine, Estland oder Weißrussland zu Gast. Kürzlich wurde der KEB für das Zeitzeugenprojekt der Saarländische Weiterbildungspreis verliehen.



KEB-Vorsitzender Horst Ziegler begrüßte im Dillinger Oswald-von-Nell-Breuning-Haus unter den über 70 Gästen Georg Hasenmüller aus Mettlach, der das Projekt 1987 als damaliger pädagogischer Leiter bei der KEB ins Leben gerufen hatte, Christine Küpper und Günther Weis vom Maximilian-Kolbe-Werk sowie sechs Zeitzeugen aus Litauen. „Seit 1978 lädt das Maximilian-Kolbe-Werk KZ-Überlebende zu Erholungs- und Begegnungsaufenthalten nach Deutschland ein. Über 14 000 ehemalige KZ-Häftlinge nahmen bis heute daran teil“, erklärte Ziegler. Er griff das Motto des Projektes auf: „Fragt uns, wir sind die Letzten!“ Die Zeitzeugen, die heute kämen, hätten KZ und Getto als Kinder überlebt und gehörten heute zur älteren Generation. Das Projekt sei jedoch kein „Auslaufmodell“ und könne auch weitergehen, wenn keine Zeitzeugen mehr kommen könnten, betonte Ziegler. Für die Zukunft müsse man sich neue Formate überlegen, vielleicht auch Begegnungen in den jeweiligen Ländern Osteuropas organisieren und sogar heutige Zeitzeugen einbeziehen – wie die übers Mittelmeer gekommenen Flüchtlinge. „Zeitzeugen, die Schreckliches erlebt haben, wird es immer geben“, sagte Ziegler.

Ganz still wurde es, als zwei der Zeitzeugen aus Litauen auf Deutsch ihre Geschichte erzählten. Rozeta Ramoniene berichtete, wie sie erst ihren Vater im Krieg verlor, dann ihre Mutter gefangen genommen wurde, Zwangsarbeit leisten musste und schließlich mit 500 anderen erschossen wurde. Das Mädchen musste mit rund 30 000 Juden im Getto bei Vilnius leben, bekam mit, wie Tausende Menschen zusammengetrieben und erschossen wurden. Durch ein Loch im Zaun wurde sie zu einer Familie 40 Kilometer weiter gebracht. Als Überlebende ihrer Familie fand sie später ihre Großmutter in Usbekistan. „In Vilnius lebe ich noch heute mit der Last der Überlebenden“, schloss Ramoniene. Izaokas Glikas erzählte, er sei sieben Jahre alt gewesen als deutsche Soldaten in seine Heimatstadt, wo 3000 Litauer und Ostpreußen und 1000 Juden lebten, einmarschierten. Er erlebte, wie auf dem jüdischen Friedhof 350 Männer auf einmal in einer Grube erschossen wurden. „Meine Familie hatte Glück gehabt“, sagte Glikas. Sie konnte aus dem Getto fliehen, wurde aber auseinander gerissen; er selbst wurde von einem Priester aufgenommen, kam danach bei einer „guten Frau“ unter, traf später seine leibliche Mutter wieder, wurde Arzt. Jahr für Jahr gedenkt Glikas der 10 000 Männer und Frauen, die im Getto, wo auch er war, ermordet wurden.

Christine Streichert-Clivot, Staatsekretärin im saarländischen Bildungsministerium, lobte das Engagement der KEB für das Zeitzeugenprojekt und dankte für solche „Initiativen aus der Bürgergesellschaft“. „Sie verpflichten sich zu informieren und zuzuhören“, sagte sie. Sie sprach von einem „gemeinsamen Friedensprojekt“, wie es die Europäische Union und auch Deutschland seien, und stellte in diesen Zusammenhang den Zuzug geflüchteter Menschen nach Deutschland. Über 7000 Kinder und Jugendliche seien gerade „relativ geräuschlos“ in unsere Schulen gekommen, dies sei der guten Integrationsarbeit dort zu danken.