Zoe-Marie Fehr aus Losheim berichtet aus Nebraska

Serie „Briefe aus Nebraska“ : Ein vollgepackter erster Monat in den USA

Ein Jahr lang lebt die 15-jährige Zoe-Marie Fehr aus Losheim im Rahmen eines Austauschprogramms im US-Bundesstaat Nebraska. In der SZ berichtet sie von ihrer Ankunft und ihren ersten Wochen in ihrer Gastfamilie.

Am Mittwoch, 31. Juli, habe ich meine Reise in die USA angetreten. Ich flog nach New York, unwissend, was mich erwarten würde, und, ehrlich gesagt, ein bisschen ängstlich, was diese Entscheidung angeht. Wie falsch ich doch gelegen habe mit den Gedanken, dass ich Heimweh haben würde, dass es mir nicht gefallen würde. Bevor ich weiter ausschweife, kann ich schon mal getrost sagen, dass mein Auslandsjahr die bis jetzt mit Abstand beste Entscheidung in meinem Leben war. Ich habe schon jetzt so viele tolle Erlebnisse mit unglaublich tollen neuen Leuten und ich kann schon sagen, dass ich eine Menge dazugelernt habe.

Aber jetzt erstmal ganz an den Anfang. An jenem Mittwoch musste ich mich also auch von meiner Familie und meinem Zuhause verabschieden. Da ich mir in dem Moment sowieso nicht sicher war, wie ich mich fühlen soll, war der Abschied nicht ganz so schlimm, aber trotzdem nicht einfach. Zusammen mit sechs anderen Schülern, die das gleiche Abenteuer vor sich hatten, ging ich dann also durch den Security-Check. Ab dem Moment änderte sich tatsächlich so einiges. Keiner war mehr traurig, doch die Mischung aus Gefühlen kann ich auch jetzt nicht beschreiben, sowas muss man eben selber erleben.

Zoe Marie Fehr (l.) vor ihrer neuen Schule in Nebraska. Foto: Zoe-Marie Fehr

Trotz kleiner Komplikationen an den Flughäfen kamen wir alle heil in New York an. Ich glaube, dass der Moment, als wir in New York selber gelandet sind und das Flugzeug aufsetzte, einer der besten und glücklichsten meines Lebens war. Wir alle begannen zu jubeln und konnten uns kaum im Flugzeug halten. Wir hatten es geschafft, wir waren endlich in den USA.

Ein Besuch im Footballstadion ist familiäres Pflichtprogramm. Foto: Zoe-Marie Fehr

Die nächsten drei Tage waren vollgepackt mit Leuten aus der ganzen Welt und New York. Ich habe viele neue Freundschaften geschlossen und alleine in den drei Tagen schon eine Menge über andere Kulturen gelernt. Wir hatten eine Menge Spaß auf unserem Trip nach New York City, wo wir unter anderem den Times Square, Central Park und viele andere Sehenswürdigkeiten besucht haben. Außerdem hatten wir eine Menge Wettkämpfe, wir lernten amerikanische Tänze und erlebten eine riesige Schnitzeljagd in New York. Doch nach unserem Abschlusstanz war die Zeit gekommen, sich zu verabschieden. So musste ich mich also auch von meinem besten Freund aus Deutschland, der mich bis hierhin begleitet hat, verabschieden. Für ihn ging die Reise weiter nach Iowa. Mein Flug ging mitten in der Nacht und ich konnte davor keine Sekunde schlafen.

Zoe-Marie (r.) und ihre Gastschwester im Fan-Outfit. Foto: Zoe-Marie Fehr

Zusammen mit zehn anderen Schülern machte ich mich auf den Weg nach Texas, und von da aus mit sechs Verbliebenen aus der Gruppe nach Grand Island, Nebraska. Die Aufregung war kaum in Worte zu fassen, als wir auf dem winzigen Flughafen in Grand Island ankamen und unsere Gastfamilien vor dem Gate stehen sahen. Der Moment des ersten Treffens war endlich gekommen, und ich rannte aus der Tür in die Arme meiner Familie, die mich mit einer riesigen Flagge und vielen Postern empfing. Wir alle verstanden uns auf Anhieb gut und hatten direkt viel Spaß zusammen.

Auch ein Ausflug an den See stand für Zoe-Marie Fehr an ihren ersten Tagen in Nebraska auf dem Programm. Foto: Zoe-Marie Fehr

Um zu beschreiben, wie schnell ich nicht nur in die Familie, sondern auch in die Gemeinschaft und den Freundeskreis aufgenommen wurde, hier der Ablauf meines ersten Tages in Kenesaw, Nebraska: Nachdem wir zusammen gegessen hatten und zuhause angekommen waren, fing ich an auszupacken. Doch ich kam nicht sehr weit, da direkt zwei Cousinen, die Oma und Freunde nacheinander vorbeischauten, um mich kennen zu lernen. Am gleichen Tag gingen wir noch auf ein Feuerwehrfest im Dorf und besuchten ein Lagerfeuer mit Freunden. Ja, ich weiß: Klingt stressig, war es auch. Mein erster Monat sollte genau so voll gepackt weiter gehen. Wir fuhren an den See mit unserem Boot, waren shoppen, trafen uns mit Freunden, gingen essen und, und, und. Außerdem hatte ich direkt am Anfang das Glück, mit meiner Gastfamilie verreisen zu können.

Wir verbrachten vier Tage im wunderschönen Colorado. Am ersten Tag machten wir eine Zipline-Tour mit einer Seilrutsche in Denver und erkundeten abends die Stadt. Am nächsten Tag waren wir auf eine Hochzeit in Estes Park, einem wunderschönen Ort inmitten der Rocky Mountains, eingeladen. Wir verbrachten dort ein paar Tage mit der Familie und genossen eine Menge toller Erlebnisse und gutes Essen.

Als wir wieder nach Hause kamen, fing der Alltag langsam an. Unser Volleyballtraining, welches teilweise um 6 Uhr morgens stattfindet, hatte seinen Auftakt, mir wurde die Schule gezeigt, und ich bekam meinen Stundenplan. Nach zwei Wochen Ferien in den USA hatte ich meinen ersten Schultag. Ich war natürlich unglaublich aufgeregt, und ich musste erstmal damit klarkommen, mich zurechtfinden. Gott sei Dank bin ich auf einer kleinen Schule mit circa 400 Leuten (von der Grundschule bis zur Highschool – die Bereiche sind im gleichen Gebäude, jedoch getrennt). Ich wurde extremst offen und herzlich empfangen, bekam viel Hilfe und war quasi ein Star. Das deutsche Mädchen in den Tiefen Nebraskas, das sieht man eben nicht alle Tage.

In den ersten Wochen hatte ich viele Fragen zu beantworten, hatte aber genauso viele Fragen an die jeweiligen Lehrer und Schüler, da doch sehr vieles ungewohnt und neu für mich war. Das Schulsystem unterscheidet sich sehr vom deutschen. Ich habe den gleichen Stundenplan für jeden Tag, alle Sport-Teams haben jeden Tag Training direkt nach der Schule – und die für mich schwierigste Umstellung: Die Schüler wechseln die Räume nach jedem Fach, und kein Mensch benutzt einen Rucksack, um die Bücher umher zu schleppen. Außerdem haben wir in manchen Fächern keine Bücher, da hier das meiste digital auf dem Laptop gemacht wird. Ich habe mich dank der Unterstützung zahlreicher Klassenkameraden und aller Lehrer sehr schnell und gut eingefunden.

Und um ein paar Leute in Deutschland zu überraschen: Die Amerikaner sind nicht ganz so dumm, wie alle immer denken. Die Schule hier ist anspruchsvoll und beschert mir einen Haufen Arbeit. Da wir drei Mal die Woche Spieltage haben, ist alles sehr stressig, oft komme ich erst um 21 Uhr aus der Schule und von anstrengenden Spielen heim und kann dann erst anfangen, meine Hausaufgaben zu erledigen.

Doch jetzt mal ein bisschen zum sogenannten Kulturschock, den viele Austauschschüler erleben. Die ersten Tage waren natürlich sehr krass: Alles ist neu und aufregend, und man fühlt sich, als mache man wirklich so gut wie nix richtig. Die Schlösser dreht man in die andere Richtung, die Duschen in New York sind total verrückt und ich will erst gar nicht von öffentlichen Toiletten reden. Die Menschen verhalten sich anders und haben eine ganz andere generelle Einstellung. Man stößt auf unendlich viele kleine Unterschiede, und manchmal kann das einem schon ganz schon zu schaffen machen.

Doch gerade im Mittleren Westen (Nebraska) ist jeder unglaublich freundlich. Das am häufigsten benutze Wort ist definitiv „Entschuldigung“, jeder kennt jeden und jeder ist durchgehend lieb und hilfsbereit. Man hat einfach ein Gefühl von Gemeinschaft und man fühlt sich direkt wohl.

Allgemein wird hier sehr viel Wert auf Religion, Tradition und Zusammenhalt gelegt. Meine Familie ist evangelisch und wir gehen jeden Sonntag zur Kirche. Und obwohl ich keine religiöse Person bin, mag ich die sonntäglichen Gottesdienste sehr. Die Gemeinde wirkt wie eine Familie und alles ist sehr persönlich.

Im Allgemeinen ist unser kleines Dorf wie eine große Familie. Wenn wir Heim- und auch Auswärts-Footballspiele haben, ist das ganze Dorf leer gefegt und alle sitzen auf den Tribünen, um unser Team zu unterstützen. Das gleiche gilt für Volleyballspiele. Die Stimmung und das Gefühl an Spieltagen sind unglaublich und es macht super viel Spaß. Jeder hier unterstützt sein Team extrem und jeder ist sehr leidenschaftlich. An Spieltagen werden nur Schulfarben getragen. Großeltern, Eltern, Freunde fahren bis zu zwei Stunden, um freitags abends in eisiger Kälte mit Decken und Handwärmern draußen zu sitzen und unsere Jungs anzufeuern, jeder ist stolz. Es ist sehr toll, so eine Gemeinschaft zu haben, und Teil eines dieser Teams zu sein.

Zusammenfassend kann ich sagen dass ich schon sehr viel erlebt habe und es mir super gut in Nebraska gefällt. Der Alltag hier mag zwar sehr stressig und vollgepackt mit Arbeit sein, macht aber dafür auch eine Menge Spaß. Ich freue mich schon darauf, über Homecoming, Halloween und viele weitere Traditionen zu berichten.

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