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Und kein bisschen leiser . . .

Losheim. Er gilt als „letzter weißer Elefant“ der deutschen Metal-Szene: Udo Dirkschneider. Mit seiner Band Accept („Balls to the Wall“) erfand der Sänger in den 1970ern den deutschen Hardrock mit, mittlerweile ist der 62-jährige Wuppertaler mit U.D.O. („Decadent“) unterwegs. Am Donnerstag, 19. März, tritt er in der Losheimer Eisenbahnhalle auf. SZ-Mitarbeiter Wolfgang Jung sprach mit dem gelernten Werkzeugmechaniker, der mittlerweile auf Ibiza lebt. red

Herr Dirkschneider, wie hat das alles angefangen mit Ihnen und dem Rock'n'Roll - vor 50 Jahren, in Ihrem Jugendzimmer in Wuppertal?

Dirk Dirkschneider: Meine erste Platte war von den Beatles. Aber als ich die Rolling Stones hörte, wusste ich: Das ist es. Das war aggressiver, interessanter. Protest pur. Auch deswegen habe ich angefangen, Keyboard zu spielen, mit meinem Schulfreund Michael Wagener, der heute ein bekannter Produzent ist. Danach war ich Sänger einer Schulband. Eben der klassische Werdegang - aber ohne den Gedanken, davon einmal leben zu können. Das hat sich von selbst ergeben.

Und wenn das nicht geklappt hätte?

Dirkschneider: Dann würde ich die Werkzeugfirma meiner Eltern leiten. Das macht heute mein Bruder. Ein ehrbarer Beruf. Und ebenfalls Metal, so gesehen.

Wenn Sie sich treffen, erzählt dann jeder aus seiner Welt?

Dirkschneider: Mein Bruder hat früher auch Musik gemacht. Er hat nur das Pech, eine ähnliche Stimme zu haben wie ich. Da hieß es überall: Danke, das ist zwar schön, aber das gibt es schon. Wir sind bis heute in engem Kontakt, und da erfahre ich schon viel von der normalen Welt. Na ja, was heißt das? - Ich lebe auch in einer ziemlich normalen Welt. Ich hebe ja nicht auf Partys ab und treibe nicht im Drogenrausch dahin, sondern bin eher ein Anti-Rockstar. Das war mit Sicherheit auch ein wichtiger Faktor, um so lange dabeizubleiben.

Sie waren aber doch mit Kollegen wie der US-Band KISS auf Tournee, denen ein ausschweifender Lebenswandel nachgesagt wird. Ist da die Verführung nicht groß?

Dirkschneider: Wenn du auf einer Tournee sechs, sieben Shows am Stück spielst, kannst du nicht jeden Abend Party machen. Natürlich schläfst du nicht sofort ein, wenn du von einer Bühne zurück ins Hotel kommst. Aber letztendlich sind auch die ganzen alten Bands ziemlich geerdet. Dio, Iron Maiden , Saxxon. Wenn wir uns auf Festivals treffen, sprechen wir über Kinder und Schule. Und dann guckst du dir die jungen Bands an, die vorbeispazieren und meinen, sie seien große Rockstars, und denkst: abwarten.

Haben Sie sich viel abgeschaut von den großen Kollegen?

Dirkschneider: Oh ja. Wie das Ganze abläuft, auf der Bühne und so. Eine gute Schule war die Europa-Tournee 1981 mit Judas Priest . Die haben sich unsere Show angesehen und gesagt: "Kinder, hier solltet ihr vielleicht das und das ändern. "Ich sage immer: Wir machen Entertainment. Und das heißt: Wir wollen die Leute unterhalten, nicht uns selbst. Das haben wir auf der ersten US-Tour mit KISS gelernt. Die haben uns mal amerikanisches Entertainment beigebracht.

Wie sah das aus?

Dirkschneider: Wir kannten zwar aus Europa große Hallen - aber dann stehst du bei deiner ersten Show in Amerika plötzlich vor 22 000 Leuten. Und da hat uns KISS beigebracht, in einer solchen Halle zu funktionieren, und wie du mit Gesten auch den Zuschauer ganz hinten erreichen kannst. Für den bist du ja winzig klein. Aber wenn du rufst: "Arme hoch!", und der klatscht mit, hast du gewonnen. Präsenz auf der Bühne kann man lernen, aber es ist auch eine Frage des Charakters. Es gibt Künstler, die stehen auf der Bühne und sind trotzdem unsichtbar.

Können Sie als Rock-Urgestein noch etwas von den Bühnenstars von heute lernen, etwa von Robbie Williams oder Bono ?

Dirkschneider: Da sind wir wieder bei Unterhaltung. Robbie Williams ist ja Entertainment hoch 18. Mehr geht kaum noch. Und von solchen Leuten kann man natürlich immer lernen. Wenn wir komponieren, hören wir uns ja nicht nur AC/DC oder Motörhead an, sondern auch Lady Gaga . Da geht es weniger um die Musik, sondern um moderne Produktionen. Wie verbinde ich unsere Musik mit der aktuellen Technik? Wie schaffe ich es, gut zu klingen? Das ist wichtig, sonst bleibst du stehen.

Früher haben Bands mit einer Platte für eine Tournee geworben, heute ist es umgekehrt, weil fast keiner mehr CDs kauft. Sterben die aus?

Dirkschneider: Im Pop-Bereich ist es bereits ziemlich heftig, aber bei uns geht es. Noch. In der Metalbranche kaufen derzeit erst rund fünf Prozent die Lieder im Internet. Aber klar - es wird zwar dauern, aber der Punkt wird kommen, dann gibt es so gut wie keine CDs mehr. Das ist natürlich der Alptraum vieler Plattenfirmen, denn die brauchst du dann eigentlich nicht mehr. Schon heute verdient kaum mehr ein Musiker allein an CDs etwas. Wir haben Glück: Wir haben treue Fans, können überall auf der Welt spielen und haben einen Namen. Dagegen müssen junge Bands quasi Geld mitbringen, wenn sie irgendwo spielen wollen. Das ist heutzutage schon harter Tobak. Und da würde es helfen, wenn die viel über Downloads verkaufen würden. Denn dann könnten die zumindest davon existieren, ohne Plattenfirma.

Sie stehen seit fast 50 Jahren auf der Bühne. Ist das Ende in Sicht?

Dirkschneider: Wenn die Stimme nicht mehr funktionieren würde, wäre Schluss. Gesundheit wäre der zweite Grund. An diesem Punkt war ich so etwa um 1990 herum. Damals habe ich die Band selbst gemanaget und zudem noch andere Bands produziert. Das war einfach zu viel, und da hat der Körper zugemacht. Burnout, mit 38. Danach habe ich mir gesagt: Okay, auch wenn du nicht mehr alles selbst machst, dreht sich die Erde trotzdem weiter.

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Auf einen Blick: Mehr als 40 Karrierejahre und ein weltweiter Durchbruch bereits in den frühen 80er Jahren mit der Band Accept sowie mehrere Millionen verkaufter Alben machen Udo Dirkschneider nicht nur zu einer der Rocklegenden Deutschlands schlechthin. Sondern auch zu einem Menschen, der sehr viel in seinem Leben gesehen hat. Auf dem neuen U.D.O.-Album "Decadent" , das er am Donnerstag, 19. März, um 18.30 Uhr in der Eisenbahnhalle Losheim präsentiert, beschäftigt er sich mit dem oftmals dekadenten Verhalten der reichen Oberschicht und übt in rockigem Musikgewand Gesellschaftskritik. redTickets für 32,90 Euro gibt es im Vorverkauf bei der Tourist-Information am Stausee, Tel. (0 68 72) 9 01 81 00, sowie bei allen Vorverkaufsstellen von www.ticket-regional.dewww.losheim.de