1. Saarland
  2. Merzig-Wadern
  3. Losheim am See

SZ-Serie "Losheimer Opfer der Krankenmorde": Hedwig S.

Serie „Losheimer Opfer der Krankenmorde“ : Nach der Verlegung verliert sich die Spur

Die Nachfrage der Abwicklungsstelle in Scheuern im April 1940 ist das letzte Dokument in der Krankenakte von Hedwig S.

Hedwig S. war am 18.2.1904 in Wanne-Eickel geboren worden. Ihr Vater und ihre Mutter waren relativ früh verstorben und so stand Hedwig S. unter Vormundschaft eines Mannes aus Rimlingen, Adolf M., in dessen Familie sie womöglich lebte.

In ihrer Krankenakte finden sich die Angaben, dass sie keine Schule besucht habe, dass sie seit ihrer Kindheit an Krämpfen gelitten habe, dass sie „spät gehen und sprechen gelernt“ habe, dass sie leicht „anstoße“, sie könne nicht lesen, schreiben oder rechnen.

Sie sei „von Jugend an geistesgestört.“ Sie schimpfe und schreie viel und sie sei bereits in Heimen in Klagenfurt und Bitburg gewesen. Alle diese Angaben stammen von einer älteren Schwester, die ebenfalls im Hause lebte.

Am 2. Mai 1939 wird Frau S. nach Merzig eingewiesen. Letztlich wird sie eingewiesen mit der Begründung, dass „im Hause vier Kinder sind, auf die die Kranke ungünstig einwirkt“. Bereits vier Monate später wird Frau S. von Merzig nach Scheuern verlegt. Im April 1940 fragt die finanzielle Abwicklungsstelle in Scheuern nach, ob sie dort gut angekommen sei. Das ist das letzte Dokument, das sich in Frau S. Krankenakte findet.

Nassau-Scheuern in Hessen war eine der vielen Zwischenanstalten, die von der Leitung der Aktion T 4 eingerichtet worden waren. Von dort gingen ab März 1941 mehrere Transporte in die Tötungsanstalten Hadamar und Pirna-Sonnenstein. Von Frau S. finden sich keine weiteren Spuren.

Auch beim Standesamt Losheim gibt es keine Eintragung zu ihrem Sterbedatum und dessen Ort. Auch sie ist sicher ein Opfer der Krankenmorde.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden etwa 200 000 Menschen getötet, die psychisch erkrankt oder geistig behindert waren. Diesen Krankenmorden hat Henry Selzer in seinem Buch „Unrecht auf dem Land“ ein eigenes Kapitel gewidmet. Die dort geschilderten Fälle druckt die Saarbrücker Zeitung anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus in einer kleinen Serie ab.