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Mit dem Papst nach Rom

Nour gibt dem Papst die Hand, der sie am Flughafen begrüßt. In der linken oberen Ecke Majid und Rami. FotoS: Facebookseite von Nour
Nour gibt dem Papst die Hand, der sie am Flughafen begrüßt. In der linken oberen Ecke Majid und Rami. FotoS: Facebookseite von Nour
Losheim. Als Symbol der Solidarität hat Papst Franziskus nach seinem Besuch auf Lesbos drei syrische Familien aus dem Camp Kara Tepe mit sich nach Rom genommen. Diese hat der Losheimer , der Freiwilligendienst bei der Betreuung von Flüchtlingen geleistet hat, in der italienischen Hauptstadt besucht. Markus Markmeyer

"Rome never sleeps", sagt Rami und stöhnt entnervt. Es ist zehn Uhr abends, der syrische Mann und ich sitzen vor einem kleinen Brunnen auf einem der Hauptplätze des hippen Stadtviertels Trastevere. Um uns herum tummeln sich Touristen. Im Eingang der Kirche vor uns sitzt ein Bettler.



Rami und ich sind irgendwann wieder in unserem zeitweiligen Heim, dem "Casa di Refugio" ("Haus der Zuflucht"). Am Eingang warten seine Frau, seine zwei Söhne und seine kleine Tochter auf mich. Neben ihnen steht die junge Syrerin Nour mit ihrem Mann und ihrem zweijährigen Sohn im Kinderwagen. Wir begrüßen uns überschwänglich. So lange ist es gar nicht her, dass wir uns zum letzten Mal gesehen haben. Trotzdem fühlt es sich an wie eine andere Zeit. So schwer es war, sie mit ungewisser Zukunft zwischen den Zeltreihen im Camp Kara Tepe auf Lesbos zurückzulassen, umso schöner ist es nun, sie in Rom unter gänzlich anderen Umständen wiederzusehen.

Überglücklich

Der nächste Tag: Papst Franziskus besucht Lesbos. Er will auf die Schicksale der Flüchtlinge hinweisen und den Blick der Menschheit auf die Ungerechtigkeiten lenken, die ihnen widerfahren. Als Symbol der Solidarität nimmt er drei syrische Familien aus Kara Tepe mit sich nach Rom. Die durch ein Zufallsverfahren ausgewählten Flüchtlinge fliegen mit ihm im Privatjet zurück nach Italien. Dort werden sie von der christlichen Gemeinde "Sant'Egidio" aufgenommen.

Trotz der sehr kurzfristigen Information sind die Familien überglücklich. Nachdem sie in aller Eile ihre Habseligkeiten zusammengepackt haben, warten Rami, Nour und ihre Familien am Flughafen vor einer Wand von Kameras auf Papst Franziskus. Im Blitzlichtgewitter machen sie sich gemeinsam auf den Weg zur Maschine.

Nour erzählt vom Zusammentreffen mit dem Kirchenoberhaupt. Nun, da sie ihn persönlich kenne, halte sie sehr viel vom Papst. Sie ist dankbar dafür, dass er sie aus der Ungewissheit an der europäischen Grenze befreit hat.

Während meiner Zeit auf Lesbos habe ich mich nicht besonders oft mit Nour unterhalten. Sie ist eher zurückhaltend, obwohl sie perfektes Englisch und Französisch spricht. Die junge Mutter hat in Montpellier studiert, will unbedingt dorthin zurück. Die Gespräche, die wir auf der griechischen Insel versäumt haben, holen wir nun in Rom nach. Zusammen mit ihrem Mann erzählt sie mir von ihrer Flucht durch IS-Gebiet und über die türkische Grenze bis hin zur Bootsfahrt nach Griechenland. Wirklich aufgehört hat diese Reise noch nicht auf Lesbos. Erst in Rom können sie durchatmen und versuchen, ihre Zukunft zu planen. Sie besuchen die Schule und lernen italienisch, was Nour durch ihre Französischkenntnisse nicht besonders schwer fällt. Auch Ramis siebenjährige Tochter Qudus kann schon mit einigen Worten Italienisch auftrumpfen. Stolz stellt sie sich mir vor und fragt, wie es mir geht. Wie auch in Kara Tepe stürmt sie hin und her und hält alle Anwesenden Personen auf Trab und bei Laune.

Ob fordernde Prinzessin oder agile Animateurin, das syrische Mädchen hat alle Rollen perfektioniert. Von den gelegentlichen Ermahnungen ihrer Brüder unbeeindruckt, versucht sie meine Aufmerksamkeit durch Kunststücke und Grimassen auf sich zu lenken. Ihre Mutter sitzt mit geübt stoischer Ruhe daneben und lächelt. Sie mag Rom sehr, sagt sie, auch wenn sie noch nicht alles erkunden konnte. Dies hat einige Gründe. Ein Teil ihrer Zeit wird vom Italienisch-Lernen beansprucht, das sich gerade in der Betonung sehr vom Arabischen unterscheidet. Jedoch bekommen sie auch immer noch die Nachwirkungen ihrer zeitweiligen Berühmtheit zu spüren. Tagtäglich reiht sich Interview an Interview, Medien aus aller Herren Länder wollen die Geschichten und Gesichter der Familien festhalten. Für die so oft beschworene Integration bleibt auch deshalb kaum Zeit. Selbst als uns einer der Freiwilligen der "Sant'Egidio"-Gemeinde auf eine geführte Tour durch Rom mitnimmt, filmt ein portugiesischer Kameramann das Geschehen. Auf der einen Seite ist es gut, dass ihnen so viel mediale Aufmerksamkeit zukommt, doch umso absurder erscheint mir die zurückgehende Berichterstattung über ihre abertausenden Landsleute, die noch in Ungewissheit in den Camps in Griechenland und der Türkei festsitzen.

Erste Judo-Stunde

An meinem letzten Abend in Rom darf ich Rasheed und Majid, Ramis Söhne , zu ihrer ersten Judo-Stunde begleiten. Sie werden warm von den Männern in weißen Roben empfangen. Qudus darf nicht fehlen. Sie rast wie verrückt zwischen den blauen Matten hin und her und jauchzt vergnügt. Am Ende der Stunde sind die jungen Männer verschwitzt und glücklich. Ab jetzt werden sie drei Mal in der Woche das Training besuchen - ein Vorgeschmack auf Regelmäßigkeit, die nun hoffentlich allmählich in ihre Leben zurückkehrt.

Zum Thema:

Hintergrund Dieser Artikel ist Teil einer Reihe über das Ankommen unter verschiedenen Umständen. Was kann getan werden, um die ersten Schritte im neuen Land zu erleichtern? Es hängt vieles davon ab, wie die Geflüchteten aufgenommen werden. Jeder Einzelne muss hinterfragen, welchen Beitrag er/sie dazu leisten will oder kann. Zusammen mit einigen Freunden hat der Autor in Losheim eine Initiative gegründet, die unter dem Namen "Links am Hass vorbei" (L.A.H.V.) für Toleranz und ein gleichberechtigtes Miteinander eintritt. Auf Facebook berichtet die Organisation über Ziele und Fortschritte. www.facebook.com/ LAHV4ALL

Die junge Syrerin Nour mit ihrem Sohn.
Die junge Syrerin Nour mit ihrem Sohn.
Majid, Rasheed, ihre Mutter Suheila und Qudus.
Majid, Rasheed, ihre Mutter Suheila und Qudus.