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Leben zwischen Normalität und Ausnahmezustand

Leben zwischen Normalität und Ausnahmezustand

Der junge Afghane redet aufgeregt in sein Handy. Er sitzt auf kaltem Stein, sein Rücken ist gegen den vier Meter hohen Gefängniszaun gelehnt. Neben ihm sitzen mehrere weitere junge Männer. In meiner Hand liegt ein Zettel mit seinem Namen. Darauf steht, er vermisse seine Frau und seinen Sohn. Ich warte in einiger Entfernung und versuche zu verstehen, ob sie gefunden wurden. Es wird langsam dunkel, es ist früher November und selbst auf Lesbos sinken die Temperaturen. Immer wieder gehen andere Flüchtlinge an uns vorbei. Plötzlich erstarrt der Mann. Einer seiner Freunde kommt zu mir. Seine Frau lebt, doch sein Sohn ist gestorben. Zwei Wochen vorher, ein sonniger Morgen, die Fähre aus Athen legt im Hafen von Mytilini, der Hauptstadt der Insel Lesbos, an. Der Hafen ist vollkommen überfüllt. Überall stehen Zelte, Menschen lagern um kleine Feuerstellen. Kleider hängen über den Zäunen und trocknen in der Morgensonne. Die Neuankömmlinge werden neugierig beäugt. Sie kommen auf die Insel, die so viele Menschen möglichst schnell wieder verlassen wollen. Einer dieser Neuankömmlinge bin ich. Es ist grotesk, wie wir uns durch die Zeltreihen schlängeln und versuchen, nicht gegen die Wände zu treten. Ich fühle mich unangenehm an ein Musikfestival erinnert. Auf Lesbos suchen sich viele momentan Vergleiche, um das Unfassbare irgendwie fassbar zu machen, um eine Situation zu beschreiben, die sich der Durchschnittsbürger so nicht vorstellen kann. Um eine Vorstellung von der Realität der Flüchtlingskrise zu bekommen, um Flüchtlinge kennen zu lernen und um zu helfen, bin ich auf diese Insel gekommen. Auf meiner Suche nach anderen Freiwilligen werde ich schnell fündig. Nur drei Stunden nach meiner Ankunft auf Lesbos bin ich Teil einer Freiwilligenorganisation und auf dem Weg in eines der Registrationscamps. Moria ist ein ehemaliger Gefängnistrakt und das staatlich geführte Camp für Nicht-Syrer und alle syrischen Männer, die alleine auf dem Weg sind. Überall ist Dreck, auf dem Boden liegen alte, nasse Kleider , Getränkedosen, Pappe und viele weitere Dinge. Es gibt viel Müll, doch nur sehr wenige Müllmänner. Die Aufgabe des Aufräumens und Reinigens wird wie selbstverständlich den Freiwilligen anvertraut. Ein beißender Gestank ist allgegenwärtig, die Luft ist erfüllt vom Geruch von verbrannten Plastikflaschen und Schweiß. An den Zäunen des Gefängnistraktes stehen Polizisten. Innerhalb dieser Zäune wird die Registration durchgeführt, außerhalb lagern Tausende Menschen. Im Matsch der brachliegenden Olivenhaine kampieren Frauen und Kinder. Vereinzelt stehen Zelte herum. Nachts leuchten die umliegenden Hügel gespenstisch auf, wenn an vielen Stellen Feuer entfacht werden. Die Olivenbäume werden abgeholzt, die Olivenbauern verlieren all ihren Ertrag. Kommt man im Lager als Flüchtling an, zieht man eine Nummer und wartet, bis diese aufgerufen wird. Dann erhält man die Reisepapiere für Griechenland und kann für 65 Euro nach Athen reisen. Doch selbst diese einzige Möglichkeit, die Insel zu verlassen, wird von Zeit zu Zeit blockiert. Mit dem Druck der medialen Aufmerksamkeit streiken die Fährbetriebe und versuchen, auf dem Rücken der Flüchtlinge , für ihre Arbeiter bessere Arbeitsbedingungen zu erpressen. Mehrere Tage lang warten die Fähren im Hafen. Der Motor ist an, die Lichter leuchten, die Zugbrücke ist herabgelassen. Doch selbst nach einer größeren Demonstration der Flüchtlinge stehen die Fähren still. Tickets sind natürlich weiterhin erhältlich. Um Profit zu machen, müssen die Fähren nicht fahren. Solche Ungerechtigkeiten scheinen bei hohen Staatsbesuchen Nebensache zu bleiben. Alexis Tsipras und Martin Schulz besuchen Lesbos. Am Morgen ihres Ankunftstags blockiert die Polizei den Eintritt ins Camp für die Freiwilligen. Der Caterer, der ansonsten das Essen für die Flüchtlinge vorbereitet, kocht eine Extraration an Mahlzeiten für die Besucher. Uns Freiwilligen scheint es, als wolle niemand die Situation realistisch erfassen. Es werden mehr Soldaten zur Sicherung der Zufahrtswege für die politische Prominenz bereitgestellt, als ich jemals in einem der Camps gesehen habe. Alle wissen: Wenn Tsipras und Schulz wieder weg sind, hat sich an der Situation nichts verändert. Die Aufgaben eines Freiwilligen in diesem Chaos sind vielfältig. Man unterstützt die nichtstaatlichen Hilfsorganisationen (NGOs) bei den Essensverteilungen, hilft kranken Menschen, verteilt Decken und Wasser, sortiert Kleidung und so weiter. Oftmals scheitert die gut gemeinte Hilfe an den nicht vorhandenen Strukturen. Es scheint, als wolle keine große Organisation Verantwortung übernehmen. Alle Helfer geben ihr Bestes, doch die Koordination ist viel zu oft äußerst dürftig. Es mangelt an Strukturen, die im Europa des 21. Jahrhunderts schon vorhanden sein müssten. Eine andere Organisation hingegen scheint die Strukturen für eine solche Situation schnell entwickelt zu haben: Vodafone . Den ganzen Tag über patrouillieren Angestellte mit roten Jacken durch beide Registrationscamps und bieten mit lauten Rufen ihre einzige Ware an: Sim-Karten. Was zu Anfang erscheint wie ein schlechter Witz, erhält schnell einen anderen Hintergrund. Kaum ein Gegenstand ist so wichtig auf der Flucht wie ein Smartphone. Es ermöglicht Telefonate in die Heimat und hilft, den Weg zu finden. Manchmal erleichtert es sogar die Verständigung mit Übersetzer-Apps und Wörterlexika. Die absurde Realität der Situation auf Lesbos ist die ständige Balance zwischen Normalität und absolutem Ausnahmezustand. Ein jeder versucht, ein Stück Europa und Zivilisation zu erhalten, während die Trauer und Resignation über jeden Todesfall die Gedanken beherrscht. Der am Anfang beschriebene junge Afghane ist nur einer der vielen Menschen, die Verluste beklagen müssen. Doch jede Konfrontation mit einem Einzelfall erinnert daran, wie viele Einzelfälle es gibt.

Der junge Afghane redet aufgeregt in sein Handy. Er sitzt auf kaltem Stein, sein Rücken ist gegen den vier Meter hohen Gefängniszaun gelehnt. Neben ihm sitzen mehrere weitere junge Männer. In meiner Hand liegt ein Zettel mit seinem Namen. Darauf steht, er vermisse seine Frau und seinen Sohn. Ich warte in einiger Entfernung und versuche zu verstehen, ob sie gefunden wurden. Es wird langsam dunkel, es ist früher November und selbst auf Lesbos sinken die Temperaturen. Immer wieder gehen andere Flüchtlinge an uns vorbei. Plötzlich erstarrt der Mann. Einer seiner Freunde kommt zu mir. Seine Frau lebt, doch sein Sohn ist gestorben.

Zwei Wochen vorher, ein sonniger Morgen, die Fähre aus Athen legt im Hafen von Mytilini, der Hauptstadt der Insel Lesbos, an. Der Hafen ist vollkommen überfüllt. Überall stehen Zelte, Menschen lagern um kleine Feuerstellen. Kleider hängen über den Zäunen und trocknen in der Morgensonne. Die Neuankömmlinge werden neugierig beäugt. Sie kommen auf die Insel, die so viele Menschen möglichst schnell wieder verlassen wollen. Einer dieser Neuankömmlinge bin ich. Es ist grotesk, wie wir uns durch die Zeltreihen schlängeln und versuchen, nicht gegen die Wände zu treten. Ich fühle mich unangenehm an ein Musikfestival erinnert. Auf Lesbos suchen sich viele momentan Vergleiche, um das Unfassbare irgendwie fassbar zu machen, um eine Situation zu beschreiben, die sich der Durchschnittsbürger so nicht vorstellen kann. Um eine Vorstellung von der Realität der Flüchtlingskrise zu bekommen, um Flüchtlinge kennen zu lernen und um zu helfen, bin ich auf diese Insel gekommen. Auf meiner Suche nach anderen Freiwilligen werde ich schnell fündig. Nur drei Stunden nach meiner Ankunft auf Lesbos bin ich Teil einer Freiwilligenorganisation und auf dem Weg in eines der Registrationscamps.

Moria ist ein ehemaliger Gefängnistrakt und das staatlich geführte Camp für Nicht-Syrer und alle syrischen Männer, die alleine auf dem Weg sind. Überall ist Dreck, auf dem Boden liegen alte, nasse Kleider , Getränkedosen, Pappe und viele weitere Dinge. Es gibt viel Müll, doch nur sehr wenige Müllmänner. Die Aufgabe des Aufräumens und Reinigens wird wie selbstverständlich den Freiwilligen anvertraut. Ein beißender Gestank ist allgegenwärtig, die Luft ist erfüllt vom Geruch von verbrannten Plastikflaschen und Schweiß. An den Zäunen des Gefängnistraktes stehen Polizisten. Innerhalb dieser Zäune wird die Registration durchgeführt, außerhalb lagern Tausende Menschen. Im Matsch der brachliegenden Olivenhaine kampieren Frauen und Kinder. Vereinzelt stehen Zelte herum. Nachts leuchten die umliegenden Hügel gespenstisch auf, wenn an vielen Stellen Feuer entfacht werden. Die Olivenbäume werden abgeholzt, die Olivenbauern verlieren all ihren Ertrag. Kommt man im Lager als Flüchtling an, zieht man eine Nummer und wartet, bis diese aufgerufen wird. Dann erhält man die Reisepapiere für Griechenland und kann für 65 Euro nach Athen reisen.

Doch selbst diese einzige Möglichkeit, die Insel zu verlassen, wird von Zeit zu Zeit blockiert. Mit dem Druck der medialen Aufmerksamkeit streiken die Fährbetriebe und versuchen, auf dem Rücken der Flüchtlinge , für ihre Arbeiter bessere Arbeitsbedingungen zu erpressen. Mehrere Tage lang warten die Fähren im Hafen. Der Motor ist an, die Lichter leuchten, die Zugbrücke ist herabgelassen. Doch selbst nach einer größeren Demonstration der Flüchtlinge stehen die Fähren still. Tickets sind natürlich weiterhin erhältlich. Um Profit zu machen, müssen die Fähren nicht fahren.

Solche Ungerechtigkeiten scheinen bei hohen Staatsbesuchen Nebensache zu bleiben. Alexis Tsipras und Martin Schulz besuchen Lesbos. Am Morgen ihres Ankunftstags blockiert die Polizei den Eintritt ins Camp für die Freiwilligen. Der Caterer, der ansonsten das Essen für die Flüchtlinge vorbereitet, kocht eine Extraration an Mahlzeiten für die Besucher. Uns Freiwilligen scheint es, als wolle niemand die Situation realistisch erfassen. Es werden mehr Soldaten zur Sicherung der Zufahrtswege für die politische Prominenz bereitgestellt, als ich jemals in einem der Camps gesehen habe. Alle wissen: Wenn Tsipras und Schulz wieder weg sind, hat sich an der Situation nichts verändert.

Die Aufgaben eines Freiwilligen in diesem Chaos sind vielfältig. Man unterstützt die nichtstaatlichen Hilfsorganisationen (NGOs) bei den Essensverteilungen, hilft kranken Menschen, verteilt Decken und Wasser, sortiert Kleidung und so weiter. Oftmals scheitert die gut gemeinte Hilfe an den nicht vorhandenen Strukturen. Es scheint, als wolle keine große Organisation Verantwortung übernehmen. Alle Helfer geben ihr Bestes, doch die Koordination ist viel zu oft äußerst dürftig. Es mangelt an Strukturen, die im Europa des 21. Jahrhunderts schon vorhanden sein müssten.

Eine andere Organisation hingegen scheint die Strukturen für eine solche Situation schnell entwickelt zu haben: Vodafone . Den ganzen Tag über patrouillieren Angestellte mit roten Jacken durch beide Registrationscamps und bieten mit lauten Rufen ihre einzige Ware an: Sim-Karten. Was zu Anfang erscheint wie ein schlechter Witz, erhält schnell einen anderen Hintergrund. Kaum ein Gegenstand ist so wichtig auf der Flucht wie ein Smartphone. Es ermöglicht Telefonate in die Heimat und hilft, den Weg zu finden. Manchmal erleichtert es sogar die Verständigung mit Übersetzer-Apps und Wörterlexika.

Die absurde Realität der Situation auf Lesbos ist die ständige Balance zwischen Normalität und absolutem Ausnahmezustand. Ein jeder versucht, ein Stück Europa und Zivilisation zu erhalten, während die Trauer und Resignation über jeden Todesfall die Gedanken beherrscht.

Der am Anfang beschriebene junge Afghane ist nur einer der vielen Menschen, die Verluste beklagen müssen. Doch jede Konfrontation mit einem Einzelfall erinnert daran, wie viele Einzelfälle es gibt.

Markus Markmeyer (l.) mit einem Flüchtlingsjungen.
Der Eingang des Registrationsbereiches des Moria-Camps. Hinter dem Zaun wird die Registration durchgeführt.
Die Hänge neben dem Registrationsbereich – im Vordergrund wird Antoine, einer der Hauptkoordinatoren, interviewt.

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Zur PersonMarkus Markmeyer aus Losheim war ab September für drei Monate durch Osteuropa gereist. Als der 18-Jährige anschließend in Griechenland war, hat er für drei Wochen auf Lesbos Freiwilligendienst bei der Betreuung von Flüchtlingen geleistet. Markmeyer hat im Sommer Abitur am Gymnasium am Stefansberg in Merzig gemacht. Kurz nach dem Jahreswechsel wird er mit einem Freund wieder nach Lesbos fahren. red