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Islamkritik eckt im linken Milieu an

Losheim am See. Auf den ersten Blick klingt die Islamkritik der Aktion 3. Welt Saar ähnlich wie bei der AfD. Doch der linksstehende Verein bestreitet das: Den Rechtspopulisten gehe es nicht um Kritik, sondern um Ressentiments. Daniel Kirch

An Beifall von der falschen Seite haben sie sich bei der Aktion 3. Welt Saar längst gewöhnt. Das sei aber kein Grund, seine Überzeugungen zu verschweigen, sagen Geschäftsführer Roland Röder (53) und Vorstandsmitglied Stefan Frank (47). Der 1982 gegründete Verein steht politisch eindeutig links, er ist für soziale Gerechtigkeit, fairen Handel, erneuerbare Energien und gegen Rassismus, Gentechnik und Atomkraft. Aber anders als viele Linke sieht er den Islam kritisch. "Niemand bei uns hat etwas gegen Muslime . Wir haben aber etwas dagegen, dass Frauen unters Kopftuch gezwungen werden", sagt Röder. Ein Satz der Autorin Taslima Nasrin gefällt ihm besonders: "Es gibt viele moderate Muslime , doch der Islam ist nicht moderat."


Mit dieser Position eckt der Verein im linken Milieu, wo das Multikulturelle hochgehalten wird, an. Vor Jahren gab es Ärger mit dem Saarbrücker Sozialdezernenten Kajo Breuer (Grüne), weil der Verein einen Referenten eingeladen hatte, der sich kritisch mit der Haltung des Islams gegenüber Homosexuellen auseinandersetzte. Und bei einer Mahnwache für die Opfer eines Anschlags in Frankreich löste Vorstandsmitglied Gertrud Selzer im Januar 2015 vor der Saarbrücker Ludwigskirche einen Eklat aus, als sie davor warnte, den Islam "weißzuwaschen". Den "lieben multikulturellen Freunde" rief Selzer noch zu: "Hört endlich auf, so zu tun, als hätten diese Morde nichts mit dem Islam zu tun!" Einige Teilnehmer, darunter die saarländische SPD-Politikerin Elke Ferner , verließen daraufhin die Kundgebung.

Seit diesem Auftritt sei die Islam-Diskussion in der bürgerlichen Öffentlichkeit angekommen, sagt Röder. Viele Wähler, die nicht rechts seien, bekämen etwa von CDU und SPD keine Antworten mehr auf ihre kritischen Fragen zum Islam . Es hat sich bereits etwas geändert im Parteienspektrum. Dass heutzutage gerade die Grünen "einen kritischen Umgang mit dem Islam " fordern, wäre vor Jahren kaum denkbar gewesen. Es müsse möglich sein, "Kritik am Islam und an einem damit verbundenen Kulturverständnis äußern zu dürfen", sagt Fraktionsvize Klaus Kessler . "Zum Beispiel Kritik am überkommenen Rollenverständnis von Mann und Frau oder am falschen Rechtsverständnis im Verhältnis von Staat und Religion und an mittelalterlichen Vorstellungen von Ehre und Schande." Der Islam benötige dringend Reformimpulse "auf dem Weg zur Aufklärung in Richtung eines europäischen Islam ".



Andererseits, so Kessler, müsse auch die freie Religionsausübung sichergestellt sein. "Die Kritik am Islam darf nicht so weit gehen, dass alle Menschen, die dieser Glaubensrichtung anhängen, in einen Topf geworfen und unter Generalverdacht gestellt werden, unsere Gesellschaft und Kultur zu unterwandern." Die meisten Anhänger des Islam in Deutschland seien friedliche und rechtschaffende Bürger, die problemlos integriert seien.

Es bleibt erklärungsbedürftig, dass ausgerechnet Linksstehende wie die Aktion 3. Welt eine scharfe Islamkritik vortragen. Die islamkritische Haltung in dem Verein (280 Mitglieder) entwickelte sich in den 90er Jahren, als sich Helfer in der Asyl- und Flüchtlingsarbeit mit Zwangsheirat und Kopftuchzwang konfrontiert sahen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 seien dann noch Verschwörungstheorien, Antiamerikanismus und Antisemitismus von Muslimen hinzugekommen, sagt Frank.

Dass sie Zulauf von der rechten Seite bekommen, glauben Röder und Frank nicht. Wer die Aktion 3. Welt Saar unterstützen wolle, müsse wissen, dass er damit auch Flüchtlinge unterstütze. Der Verein gehöre schließlich als Gründungsmitglied zum Saarländischen Flüchtlingsrat. Röder und Frank widersprechen auch der Ansicht, dass ihre Islamkritik genauso gut aus der rechten Ecke kommen könnte. Die AfD etwa betreibe gerade keine Islamkritik , sondern pflege Ressentiments gegen Muslime und Flüchtlinge - das sei ein großer Unterschied. In der Familienpolitik seien AfD und konservative Islamverbände gar nicht weit auseinander.

Die nach Ansicht von Röder und Frank "ultrakonservativen" Verbände Ditib und Islamische Gemeinde Saar sind es auch, die der Aktion 3. Welt Sorge beim neuen Islam-Unterricht im Saarland bereiten. Ihre Beteiligung sei der "Geburtsfehler" des ansonsten sinnvollen Unterrichts gewesen. "In diesem Punkt gibt es einen Dissens mit dem Minister", sagt Röder. Der Minister, Ulrich Commerçon (SPD ), sitzt übrigens im Beirat der Aktion 3. Welt.