Ein offenes Ohr am See

Dort, wo viele bloß das (Bade-)Vergnügen im Kopf haben, bietet die Pfareiengemeinschaft Losheim die Möglichkeit, über Sorgen und Nöte zu reden. Im Bauwagen am Stausee findet man ohne Anmeldung jemand, der einem einfach zuhört. Das kommt gut an: Rund 60 Leute haben seit Anfang Juni das Angebot bereits genutzt.

Die Sonne knallt, keine Wolke in Sicht. Am Losheimer Stausee tummeln sich unzählige Leute - im Sommerkleid mit Eis in der Hand, andere in Bikini oder Badehose. Mitten in dem Getümmel: ein Bauwagen mit zwei Plastikstühlen davor. Auf einem sitzt Barbara Jung, die Gemeindereferentin der Pfarreiengemeinschaft Losheim . Sie schenkt jedem, der an ihr vorbeiläuft, ein Lächeln und wartet; wartet auf einen Badegast oder einfach auf irgendwen, der zufällig hier vorbeischlendert und den zweiten Gartenstuhl besetzt.

Jung ist im "Sproochdienschd", wie sie es selbst nennt. Seit Anfang Juni sitzen sie und 19 weitere Mitglieder der acht Pfarreien regelmäßig hier und hören zu. Rund 60 Leute haben das Angebot seitdem genutzt. "Wir bieten den Menschen, die ein offenes Ohr brauchen, Zeit", sagt Jung. Und das nicht in Kirchen, sondern dort, wo Menschen einen Teil ihrer Freizeit verbringen - am Losheimer Stausee. Auffällig ist der orangefarbene Bauwagen auf jeden Fall. Oft zieht es ein paar Neugierige zu den Seelsorgern, Jugendliche kichern, Spaziergänger unterhalten sich über die Idee, die dahinter steckt. Neu ist diese nicht, erklärt Jung. Ähnliche Projekte gebe es in vielen Städten, sie kenne es zum Beispiel aus Stuttgart. "Diakon Wolfgang Drehmann und ich waren uns sicher, dass wir etwas hier am See tun müssen", sagt sie.

Das Konzept des "Ort des Zuhörens" ist simpel. Wer etwas auf dem Herzen hat, sich ärgert oder einfach von seinem Tag erzählen möchte, aber keine Möglichkeit zu Hause oder bei Freunden hat, kann zum Bauwagen kommen. "Es muss auch nicht immer negativ sein. Vielleicht ist auch was Tolles an einem Tag passiert, aber es ist niemand da, der zuhören kann", erläutert Jung. Dann kann sie oder einer ihrer Kollegen helfen. Alles ist anonym und unverbindlich, der Erzählende entscheidet, wann das Gespräch zu Ende sein soll.

Das Publikum, das zum Bauwagen kommt, ist gemischt. "Mal wollen Schüler oder Studenten reden, mal sind es Leute mittleren Alters oder Senioren", sagt die Gemeindereferentin. Das Themenspektrum sei breit gefächert. Ob eine schlimme Diagnose vom Arzt, mit der jemand nicht alleine umgehen kann, Stress in der Schule oder einfach über Einsamkeit - bei Jung kann über alles gesprochen werden. "Einfach a bissche schwätze", sagt sie. Egal, um was es geht, sie nehme die Menschen, die vor ihr sitzen, immer ernst. "Ich muss ja nicht alles gutheißen, was die Besucher mir da erzählen", sagt Jung. Sie greife das Gesagte nochmal auf, wiederhole gemeinsam mit den Hilfebedürftigen und versuche mit einfachen, knappen Fragen zu einer Lösung beizutragen. "Waren Sie schon einmal in einer ähnlichen Situation? Wie haben sie sich geholfen?", nennt die Seelsorgerin ein paar ihrer Fragen.

Durchschnittlich dauert ein Gespräch 20 Minuten - aber Besucher haben auch schon eine Stunde bei ihr gesessen. Und nicht nur Einheimische sind im Bauwagen zu Gast, auch Touristen zieht es dorthin. "Eine Frau hat mit ihrem Mann hier Urlaub gemacht, hatte aber Probleme, war unglücklich in der Ehe. Sie hat den Moment abgepasst und ist dann zum Bauwagen gekommen, um darüber zu reden", erinnert sich Jung. Viel aus dem Nähkästchen will die Gemeindereferentin nicht plaudern, sie behandelt jede Geschichte, die ihr anvertraut wird, mit Respekt.

Der Bauwagen ist bis Ende August täglich von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr besetzt.

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