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Kunst aus Rimlingen
Mit Postkarten zum Pilzesammeln

Alexander Pitzius aus Rimlingen hat ein handgezeichnetes Postkarten-Set zur Pilzbestimmung in Eigenregie verlegt. Noch vor wenigen Jahren hatte der 37-Jährige mit Pilzen „eigentlich gar nichts am Hut“.
Alexander Pitzius aus Rimlingen hat ein handgezeichnetes Postkarten-Set zur Pilzbestimmung in Eigenregie verlegt. Noch vor wenigen Jahren hatte der 37-Jährige mit Pilzen „eigentlich gar nichts am Hut“. FOTO: Ruppenthal
Losheim-Rimlingen. Alexander Pitzius ist Lehrer am Schengen-Lyzeum im Perl. Nebenbei verdient er sein Geld mit Illustrationen – von Pilzen. Von Martina Kind

Wenngleich sich Alexander Pitzius als leidenschaftlicher Wanderer und Kletterer oft in der Natur aufhält, interessierte er sich bis vor wenigen Jahren nie so wirklich für das, was da eigentlich alles aus dem Boden sprießt. Eines Tages aber hatte der 37-Jährige genug von dieser Ignoranz. Kurzerhand schnappte er sich Frau, Hund und seine beiden Kinder und machte sich im Wald auf die Suche nach Pilzen. „Und da war es plötzlich um mich geschehen“, erinnert er sich. „Diese enorme Artenvielfalt hat mich schlicht überwältigt.“ Das ist mittlerweile sechs Jahre her, doch seine Begeisterung für Pilze ist bis heute groß. So groß, dass Pitzius ein 19-teiliges Kartenset zur Bestimmung von Pilzen veröffentlicht hat – mit eigenen Illustrationen und Texten.


Dass Pitzius eines Tages Aquarelle von Pilzen auf die Leinwand bringen würde, das hätte er früher selbst nicht gedacht. Das Zeichnen lag dem gebürtigen Oppener zwar schon immer im Blut. Doch träumte er als Jugendlicher eher davon, später einmal Comiczeichner werden, verrät er. Stattdessen schlug Pitzius zunächst den konventionellen Weg ein: Er studierte Bildende Kunst und Germanistik auf Lehramt, seit nunmehr zehn Jahren unterrichtet er die beiden Fächer am Schengen-Lyzeum in Perl. Also: Wie kommt man auf die Idee, Bestimmungskarten für Pilze herzustellen und diese auch noch selbst zu verlegen?

„Als ich damals begann, mich für die Pilzwelt zu interessieren, hat mich die Wucht an Informationen in den meisten Fachbüchern nahezu erschlagen. Wie sollen sich Anfänger alle Merkmale von mehreren hundert Arten merken und essbare Pilze von giftigen unterscheiden können? Ich hätte mir gewünscht, dass man sich auf die wesentlichen Gattungsmerkmale konzentriert“, erklärt er. Und so führte eines zum anderen: Pitzius machte sich Gedanken darüber, wie man Laien die Pilzsuche möglichst einfach machen könnte. Er entschied sich dazu, die beliebtesten Speisepilze herauszusuchen und sie auf ihre Haupteigenschaften zu reduzieren. „Da sich viele genießbare und ungenießbare Pilze extrem ähneln, war es mir wichtig, eine klare Abgrenzung zu schaffen, um Sammlern auch mehr Sicherheit zu geben.“



An seinem Schreibtisch studierte Pitzius die Pilze eingehend, überlegte, wie er zum Beispiel das essbare Stockschwämmchen dem – zum Verwechseln ähnlichen – gefährlichen Gifthäubling am besten gegenüberstellen könnte. „ Skizzen eignen sich deshalb so gut dafür, weil sich mit ihnen wichtige Details hervorheben lassen. Ein simples Foto kann das oftmals nicht leisten“, erklärt er. In der Tat ging Pitzius akribisch vor. Die kleinsten Unterschiede bei der Hutober- und unterseite, dem Stiel oder der Farbe des Pilzes wurden berücksichtigt, eindeutige Unterscheidungsmerkmale bewusst betont. Den Illustrationen fügte er Stichworte hinzu, die dem Hobbysammler zur Aufklärung dienen.

Ist es in Zeiten von Smartphones und Apps nicht veraltet, handgezeichnete Postkarten auf den Markt zu bringen? „Ich mag den Gedanken, sein Gehirn in der Hosentasche zu tragen, nicht sonderlich. Man gibt die Verantwortung an ein kleines Gerät ab und lernt selbst nichts dazu“, findet Pitzius. Da er aber auch kein Fan davon sei, schwere Bücher mit in den Wald zu schleppen, halte er die Postkarten für einen guten Kompromiss. Weil der 37-Jährige allerdings keinen Verlag fand, der sein Werk herauszugeben bereit war, griff ihm der bayerische Verein der Pilzfreunde e.V., in dem Pitzius selbst Mitglied und Lektor ist, unter die Arme. Im November vergangenen Jahres veröffentlichten sie das Pilzkarten-Set in Eigenregie. Seitdem ist es im Internet erhältlich (siehe Infobox).

Nicht nur bei Angehörigen und Freunden komme Pitzius‘ Nebentätigkeit als Pilzillustrator gut an. Auch bei seinen Schülern könne er damit punkten. „Die finden das richtig spannend und fragen viel nach“, erzählt der Lehrer. „Für die Zukunft plane ich, mich zum Pilzsachverständiger ausbilden zu lassen, damit ich an Wandertagen auch mal mit meinen Schülern raus in den Wald kann.“ Und mit seinen eigenen Kindern sei er auch schon an einem neuen Projekt dran: ein Kinderbuch, das für den Wald, seine Flora und Fauna, sensibilisieren soll. Nebenbei arbeite er außerdem an einer Erweiterung des Bestimmungskarten-Sets und an einer Lerneinheit in Form eines kleinen Heftes für Schulen. Ganz schön viel los im 900-Seelen-Dorf Rimlingen, wo Alexander Pitzius‘ Ideen entstehen.

Die Postkarten von Alexander Pitzius sollen Laien das Pilzesammeln erleichtern und ihnen dabei helfen, essbare Pilze klar von giftigen unterscheiden zu können.
Die Postkarten von Alexander Pitzius sollen Laien das Pilzesammeln erleichtern und ihnen dabei helfen, essbare Pilze klar von giftigen unterscheiden zu können. FOTO: Alexander Pitzius