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Lebenshilfe
Wo die tägliche Arbeit die Seele stärkt

Isolde Bauer (rechts) war mit Rosi Gruhn (Mitte) zu Besuch an ihrem früheren Arbeitsplatz bei der Firma B. Paulus in Merzig, die von der Lebenshilfe St. Wendel/Merzig übernommen wird.
Isolde Bauer (rechts) war mit Rosi Gruhn (Mitte) zu Besuch an ihrem früheren Arbeitsplatz bei der Firma B. Paulus in Merzig, die von der Lebenshilfe St. Wendel/Merzig übernommen wird. FOTO: Ruppenthal
Merzig/St. Wendel. Besuch mit einer ehemaligen Mitarbeiterin im Integrations-Betrieb B. Paulus in Merzig — der von der Lebenshilfe übernommen wird. Von Margit Stark

Den Weg zu ihrer alten Arbeitsstelle hat die sympathische Frau mit dem Kurzhaarschnitt nicht vergessen. „Wo sind die vielen Leute, die hier geschafft haben?“, fragt Isolde Bauer erstaunt, als sie die fast leeren Fabrikhallen im Blättelbornweg in Merzig betritt. „Ab dem kommenden Jahr wird hier wieder der volle Betrieb laufen“, beruhigt sie Rosi Gruhn. Gruhn engagiert sich nicht nur als Heimleiterin für Behinderte, sondern auch ehrenamtlich in der Lebenshilfe St. Wendel, Merzig-Wadern. Ihr Verband wird das insolvente Unternehmen B. Paulus übernehmen – eine Entscheidung, die Anfang November bekannt wurde (siehe Infobox).


„Es war ein hartes Stück Arbeit, bis alles in trockenen Tüchern war“, verrät sie. „Doch die Anstrengung hat sich gelohnt. Mit der Übernahme sind 160 Arbeitsplätze gesichert, von denen 100 von Behinderten besetzt sind“ – Benachteiligte wie beispielsweise Isolde Bauer. Ein Gehirntumor in früher Jugend konnte bei ihr zwar entfernt werden. Doch dieser blieb nicht ohne Folgen: Eine psychische Erkrankung machte ihr lange das Leben zur Hölle, sie lebte jahrelang in der Psychiatrie Merzig. „1971/72 war ich so krank, dass ich im Krankenhaus behandelt werden musste“, verrät die mittlerweile 65-Jährige. Die damaligen Chefs des Unternehmens, Alwine und Berthold Paulus, hätten verhindert, dass sie nach der Entlassung aus der Klinik erneut in der Psychiatrie gelandet sei. „Oma Paulus und der Chef haben gesagt, Isolde kommt zu uns zurück“, sagt sie stolz. Schnecken, tiefgefrorenen Fisch, Beeren oder Gemüse verwiegen oder in Behälter füllen – in vielen Bereichen hat sie über Jahre in dem Unternehmen angepackt. „Und es hat Spaß gemacht. Ich hatte eine Aufgabe, ich habe mein eigenes Geld verdient. Wenn ich zwischendurch nicht krank geworden wäre, vielleicht hätte ich 40 Berufsjahre voll gemacht“, sagt sie. „Aber im vergangenen Jahr, mit 64 Jahren, dachte ich mir, du hast genug geschafft. Aber ich komme gerne an meinen alten Arbeitsplatz zurück, um mit meinen Kollegen zu reden“, gesteht sie. Schnell hat sich rumgesprochen, dass Isolde da ist. Händeschütteln, ein paar freundliche Worte, dann geht es wieder an die Arbeit – mit der Gewissheit, dass in dem Unternehmen nicht wie befürchtet die Lichter ausgehen werden. „Wir sind froh, dass es weiter geht“, sagen die Mitarbeiter unisono. „Wir gehen in der Arbeit auf, und eigenes Geld verdienen wir außerdem.“ Was nach den Worten von Rosi Gruhn ebenso wichtig ist: die sinnvolle Tagesstruktur, die durch die Übernahme durch die Lebenshilfe jetzt garantiert ist. „Für Menschen mit Behinderung biete ein geregelter Tagesablauf verlässliche Zeit- und Personalstrukturen sowie positive und zielorientierte Motivationsanlässe und vermittle damit Sicherheit, Orientierungsfähigkeit und emotionale Stabilität. Eine geregelte Tagesstruktur biete auch das Wohnheim an. „Viele unserer Bewohner brauchen dies – so wie Isolde. Andere schaffen den Sprung in die Selbstständigkeit, kommen mit dem ambulanten selbstbestimmten Wohnen klar.“

Derweil hat sich die Rentnerin bei Birgit Maas festgeredet. „Ich kenne sie von der Arbeit und aus dem Wohnheim. Mittlerweile ist sie ausgezogen, hat eine eigene Wohnung. Die ist eingerichtet wie eine Puppenstube“, verrät Isolde. „So schön das mit den eigenen vier Wänden ist, für mich wäre das nichts.“ Seit 40 Jahren lebe sie in der Wohngemeinschaft, die Familie Paulus in Rehlingen-Siersburg für ihre Mitarbeiter eingerichtet hat. Das Haus in der Wallerfanger Straße, das 1977 hochgezogen wurde, ist längst für sie zur Heimat geworden. „Wir verstehen uns gut“, beschreibt sie das Verhältnis der Leute untereinander. Der Jüngste ist 26 Jahre, der Älteste 75. „Wir machen Ausflüge, gehen spazieren und besuchen Veranstaltungen“, zählt sie auf. „Ich brauche diese Gemeinschaft.“ Und dann ist da noch Volker Lehnhard, ihr Freund. „Seit dem letzten Heiligabend sind wir ein Pärchen“, freut sie sich über die Verbindung zu dem Mann, für den sie nach ihren Worten so lange geschwärmt hatte. „Am 24. Dezember hat er allen erzählt, dass wir zusammen sind.“



Ihre Erkrankung habe sie gut im Griff – dank der Medikamente, auf die sie gut anspreche. Was ihr noch helfe: das regelmäßige Training beim LC Rehlingen. „Mir ist ganz wichtig, dass die Menschen, die bei uns wohnen, sich bewegen“, verrät Rosi Gruhn. „Was mir gut tut, tut auch den Menschen mit Behinderung gut, wir wandern sehr viel, und das inklusive Angebot beim LC Rehlingen montags und mittwochs ergänzt das sehr gut. Der Einsatz von Bedarfsmedikation wird dadurch nachweislich weniger“, sagt die Heimleiterin.