1. Saarland
  2. Merzig-Wadern

Leben in zwei Kulturen als Motor des Erfolgs

Leben in zwei Kulturen als Motor des Erfolgs

Die Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Franzosen bei der Dillinger Hütte ist ein wichtiger Bestandteil der Tagesarbeit und der 325-jährigen Geschichte des Unternehmens. "Die deutsche Präzision verbunden mit der Kreativität der Franzosen" sind nach Angaben von Paul Belche, Vorstandsvorsitzender der Dillinger Hütte, auch Schlüssel zum Erfolg

Die Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Franzosen bei der Dillinger Hütte ist ein wichtiger Bestandteil der Tagesarbeit und der 325-jährigen Geschichte des Unternehmens. "Die deutsche Präzision verbunden mit der Kreativität der Franzosen" sind nach Angaben von Paul Belche, Vorstandsvorsitzender der Dillinger Hütte, auch Schlüssel zum Erfolg.Ein Grund dafür war, dass Dillingen bis zum Pariser Frieden von 1815 zu Frankreich gehörte. So war es auch der König von Frankreich, Ludwig XIV., der dem Gründer der Hütte, Marquis Charles Henri de Lenoncourt, 1685 die Erlaubnis erteilte, Eisenhütten, Stahlwerke und Schmelzen in Dillingen zu errichten. Bis 1743 leitete die Adelsfamilie Lenoncourt die Geschicke der Dillinger Hütte. Danach zog sie sich zurück, da es keinen männlichen Erben gab. Bis 1815 waren es französische bürgerliche Kapitaleigner, die das Unternehmen voranbrachten. 1804 förderten etwa Louis Guérin und Nicolas Defrance die Blechwalzwerk-Technologie in Dillingen. Damit legten sie den Grundstein für die heutige Spezialisierung der Hütte.Franzosen behalten AktienVon 1815 bis 1919 war das Saarland unter deutscher Herrschaft. Dadurch änderten sich auch die Anteilsstrukturen. Die Gebrüder Stumm übernahmen 1818 zwei Fünftel des französischen Aktienkapitals, in den folgenden Jahrzehnten stieg der Anteil auf 60 Prozent. Die französischen Aktionäre behielten aber stets einen Anteil von 40 Prozent und stellten mit Achille Defrance (1838-1865) sogar einen Direktor. "Die offiziellen Geschäftsdokumente wurden deshalb seit dem 17. Jahrhundert immer in Deutsch und Französisch verfasst", bemerkt Antje Fuchs, Historikerin und Archivarin der Dillinger Hütte. Zwischen den beiden Weltkriegen stand das Saarland unter der Verwaltung des Völkerbundes, und die französischen Aktionäre erhielten eine Beteiligung von 60 Prozent. Die französische Führung nutzte in dieser Zeit geschickt die Grenzsituation. "In Deutschland grassierte die Inflation, der Zugang zum Markt war begrenzt, während der französische Markt in den ersten Jahren nach dem Krieg stabiler war", erläutert Klaus-Peter Otto, Direktor für interne Kommunikation bei der Hütte. Selbst in der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Beziehungen zu Frankreich nicht gekappt. Zwar ruhte das Aufsichtsratsmandat der Franzosen, sie besaßen aber weiterhin 40 Prozent der Anteile. "Das war das Glück nach dem Krieg", erklärt Otto. Die Aktienmehrheit von 60 Prozent wurde wieder hergestellt, Théodore Laurent und Joseph Roederer standen erneut an der Spitze des Unternehmens. "Die Franzosen sorgten nach dem Krieg dafür, dass Mittel für den Wiederaufbau nach Dillingen flossen", erläutert Otto weiter. So wurde der Bau einer neuen Kaltwalz- und Verzinnungsanlage für Feinbleche in Dillingen ermöglicht. Außerdem versorgte die Hütte die 1948 gegründete Société Lorraine de Laminage Continu (SOLLAC) von da an mit Brammen und Roheisen und sicherte somit den Hochofenstandort Dillingen. Otto: "Das Leben in beiden Kulturen und Märkten wurde zur Stärke und zum Charakteristikum der Dillinger Hütte."Grenzgänger aus Lothringen1972 kam eine weitere Dimension dazu. Durch die anziehende Konjunktur wurden viele Arbeitskräfte benötigt. Die Dillinger Hütte verfolgte entgegen des deutschlandweiten Trends, Gastarbeiter anzuwerben, eine andere Strategie. Rund 400 neue Mitarbeiter wurden aus Lothringen rekrutiert und mit einer eigenen Buslinie zur Hütte gebracht. Auch heute noch arbeiten 502 Franzosen bei der Dillinger Hütte. 467 davon pendeln täglich zwischen Deutschland und Frankreich. "Wer hier arbeiten will, muss aber sehr gut Deutsch sprechen", merkt Klaus-Peter Otto an. Auch für deutsche Bewerber seien französische Sprachkenntnisse ein wichtiges Pfund. Denn, ergänzt Unternehmenssprecherin Ute Engel, "Französisch gehört für viele Mitarbeiter auch heute zum Alltag. Wir arbeiten eng mit der französischen GTS Industries, einer hundertprozentigen Tochter der Dillinger Hütte, in Dünkirchen zusammen. Außerdem ist Frankreich ein wichtiger Absatzmarkt für unsere Produkte." Die GTS gehört seit 1992 zur Unternehmensgruppe. Vier Jahre später wurde ein Europäischer Betriebsrat für Dillinger Hütte und GTS gegründet. Auch das ist nach Angaben von Kommunikationsdirektor Klaus-Peter Otto eine Facette der deutsch-französischen Kultur der Hütte. "Die deutsche Präzision verbunden mit der Kreativität der Franzosen sind ein Schlüssel zu unserem Erfolg."Paul Belche, Vorstandsvorsitzender der Dillinger Hütte