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Wort zum Alltag
Öffnet euch, es tut uns allen gut

Spielt mit uns! – Nicht mit den Smartphones: Der siebenjährige Emil hatte dieser Tage in Hamburg unter diesem Motto eine Demonstration auf den Weg gebracht, unterstützt von seinen Eltern. Damit hat er offenbar den Finger auf einen Missstand gelegt, denn andere Kinder und ihre Eltern schlossen sich der Demonstration an. Von Stefan Sänger

Kinder sind enttäuscht, werden traurig, fühlen sich verlassen, wenn die Großen, gar die eigenen Eltern, ihnen zu wenig Aufmerksamkeit schenken. Wenn die moderne Kommunikationstechnik uns ausgerechnet von echter menschlicher Kommunikation ablenkt, wir zu wenig Zuwendung und Zeit füreinander aufbringen.


Am Sonntag haben wir in den Gottesdiensten von einer Begegnung Jesu mit einem Menschen gehört, der taub war und stammelte. Mit einer Berührung der verschlossenen Organe und mit dem Ruf „Effata“ heilte Jesus den Menschen und ermöglichte ihm, wieder teilnehmen zu können am Leben der Gemeinschaft. Effata – dieses Wort aus dem Aramäischen, der Muttersprache Jesu, muss bei denen, die es gehört hatten, einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Auch in der griechischen Bibel ist die Erinnerung an dieses befreiende Wort bewahrt. Es bedeutet: Öffne dich! Diesem Menschen, der abgeschnitten war vom Leben seiner Umgebung, vielleicht von den anderen auch nicht mehr beachtet und links liegen gelassen wurde, weil es ja angeblich keinen Zweck hatte, sich mit ihm abzugeben, wurde Heilung geschenkt und die Verständigung wieder möglich.

Effata – öffne dich! In der katholischen Kirchen wird meistens unmittelbar nach der Taufe einem Kind dieses Wort zugesprochen und auch die Geste wiederholt, die Jesus damals gemacht hat. Das heißt so viel wie: Du Menschenkind, sollst dich öffnen können in deinem Leben – für die guten Worte der anderen, für die gute Botschaft Gottes, und sollst selbst im Gespräch bleiben mit deinen Mitmenschen und mit Gott. Miteinander sprechen zu können, das macht uns Menschen aus, und es macht uns zu Menschen.



Jemanden zu haben, mit dem ich sprechen kann, der mir Aufmerksamkeit schenkt, der ganz Ohr für mich ist – das brauchen nicht nur die Kinder. Das tut uns allen gut. Es vertieft und festigt Freundschaften, erhält die Generationen in der Familie zusammen, es hilft dem, der Sorgen und Kummer hat, wenn er jemand findet, der ihm wirklich zuhört. So viele Alleinstehende, Kranke und Ältere gibt es heute in unseren Gemeinden. Für sie werden heute Ehrenamtliche gesucht, die Besuche machen, die Zeit haben, die Gesprächspartner werden für Mitmenschen, die sonst niemanden mehr haben.

Der Mensch, dem Jesus den Weg in die Gemeinschaft wieder öffnete, indem er ihm die Verständigung wieder eröffnete, war wahrscheinlich ein Fremder, ein Ausländer Jedenfalls können wir das vermuten, denn die Begegnung spielte sich außerhalb des Landes Israel ab. Vielleicht war er ein Syrer, oder ein Angehöriger eines anderen Volkes des Vorderen Orient. Sich öffnen, bahnt den Weg zum Verstehen und Verständnis, schafft Vertrauen und Gemeinschaft, überwindet die Fremdheit. Es tut nicht nur uns allen gut, wenn wir offener werden füreinander, es dient auch dem Zusammenleben und der Gemeinschaft. Ein gutes Wort für jeden Menschen, ob alt oder jung, ob fremd oder einheimisch: Effata! Öffne dich!

Stefan Sänger, Pfarrer in Wadern