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Kaum eine Schlagzeile kommt in Zeiten von Corona ohne den Begriff aus

Glaubens-Kolumne : Entscheide Dich! Jetzt gilt es!

Die „Krise“ ist in diesen Tagen allgegenwärtig. Kaum eine Schlagzeile kommt in Zeiten von Corona ohne diesen Begriff aus. „Corona-Krise“ ist zur beherrschenden Vokabel geworden. Krise – das klingt nach Katastrophe, nach Untergang, nach Abwärtstrend und düsteren Aussichten.

Ganz so eindeutig ist der Begriff allerdings nicht. Es lohnt sich, etwas genauer hinzuschauen: Das deutsche Wort Krise stammt vom altgriechischen krisis, das ursprünglich „Beurteilung“ oder „Entscheidung“ bedeutete und später im Sinne von „Zuspitzung“ verstanden wurde. Es geht also darum, dass sich eine Situation so zuspitzt, dass Entscheidungen unausweichlich sind.

Genauso erlebe ich die aktuelle Corona-Krise. In vielen Lebensbereichen treffen mich die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie mit großer Wucht. Ich bin eingeschränkt in meinen für selbstverständlich gehaltenen Freiheiten, muss mich beschränken und vorübergehend von Gewohnheiten verabschieden.

In dieser Situation muss ich entscheiden. Das müssen wir alle. Wir müssen entscheiden, ob wir eigenen Egoismen folgen oder uns zum Wohle anderer zurücknehmen, ob wir uns freiwillig einschränken, um solidarisch zu sein, ob wir an die Kraft unserer demokratischen Gemeinschaft glauben oder deren Untergang herbeireden. In dieser Entscheidungssituation liegt, bei aller Schwere, eine große Chance. In der Krise können wir erkennen, was wirklich zählt. Verzicht und Entschleunigung können heilsam sein.

Womöglich wird so manchem klar, wie wertvoll die neu gewonnene Zeit mit der Familie ist. Vielleicht spüren wir, dass die permanente Verfügbarkeit aller Lebensmittel und Konsumgüter nicht selbstverständlich ist, dass die Luft sauberer und klarer wird, seit wir nicht mehr so viel fliegen, dass Telefonate und Video-Chats mit lieben Menschen nicht aufgeschoben werden sollten, dass die Solidarität mit alten und kranken Menschen schon in der Erledigung eines Einkaufs konkret wird, dass Grenzen von Menschen gemacht sind und dass nur gemeinsames Handeln Erfolg verspricht.

In der Politik wird offenbar, dass Populisten und Nationalisten keine Antworten auf echte Probleme haben. In der Wirtschaft zeigt sich, dass permanentes Wachstum ein Trugschluss ist. In den Kirchen wird deutlich, dass Christsein nicht erst im Gottesdienst beginnt, sondern den notleidenden Menschen in den Mittelpunkt zu stellen hat.

Hinter all dem steht genau das, was „Krise“ meint: Entscheide Dich! Jetzt gilt es! Zukunftsforscher sagen uns, dass es einmal eine Zeit vor und eine Zeit nach Corona geben wird. So einschneidend beurteilen sie diese Krise. Was aber in der Zeit nach Corona anders sein wird, das werden wir wohl erst rückblickend beurteilen können. Fest steht: Wir entscheiden schon jetzt, wie diese Zeit sein wird.

Vielleicht erwartet uns tatsächlich eine Welt, in der wir neu Solidarität gelernt haben, in der wir unseren Lebensstandard nicht als so selbstverständlich erachten, in der wir bewusster mit unseren Ressourcen umgehen, in der wir denen, die Hass säen, nicht fraglos zustimmen. Das wäre eine Welt, in der wir uns unserer Endlichkeit neu bewusst sind, den Moment wirklich genießen und uns als Teil der einen großen Menschheitsfamilie verstehen.

Wenn uns die Krise zu Entscheidungen führt, aus denen eine solche Welt hervorgeht, dann ist das kein Untergang, sondern ein Neuanfang, ein Aufbruch, der aus neuer Ernsthaftigkeit entsteht.

Ich gebe zu, das klingt optimistisch. Es könnte auch ganz anders kommen. Aber auch das heißt „Krise“: Ich entscheide mich, an diesen Neuanfang zu glauben!